„kein Etwas, aber auch nicht ein Nichts“ oder Über Wittgensteins Käfer in der Schachtel

Aus dem Heft:

Zur Veranschaulichung dessen, was in unseren Gedankengängen manchmal zunächst abstrakt und nicht gut greifbar erscheint, wird unser Denken oft von Bildern begleitet, als gleichsam „illustrierten Redewendungen“ oder einer „bildlichen Darstellung“ unseres Wortgebrauchs.1 Indem sie den Raum in ein Innen und ein Außen gliedert, scheint uns auch die Schachtel eine schöne Möglichkeit für eine solche Illustration zu bieten, und zwar für einen Komplex von Fragen, der um die Beziehung von Subjektivem und Objektivem, Privatem und Öffentlichem, Individuum und Welt kreist. Auf der Suche nach einem Orientierungspunkt in diesem weit verzweigten Feld, stößt man unter anderem auf die folgende Frage: Wie passt das Perspektivische, der Umstand, dass sich die Welt einem individuellen Lebewesen je von der Warte seines Erlebens aus zeigt, in eine Welt, die sich von unseren Wissenschaften in so weiten Teilen erfolgreich beschreiben lässt als eine objektive Realität? Phänomene wie die Erlebnisqualität von Bewusstseinszuständen, allgemein die intentionale Gerichtetheit des Bewusstseins auf anderes als es selbst, die in unseren Wahrnehmungen, Wünschen, Vorstellungen, Überlegungen wirksam ist, aber auch der Bereich der Erkenntnis und des Normativen bilden in dem, was wir Realität nennen, gleichsam geistige Einsprengsel – Einsprengsel, die irreduzibel perspektivisch zu sein scheinen. Sie kommen in unserer Welt nicht in derselben Weise vor wie Regen, Aktionspotentiale oder Zitroneneis, sondern sind offenbar wesentlich mit der Bezugnahme eines Lebewesens auf die Welt verflochten.2 Im Versuch, dieser Eigentümlichkeit des Psychischen in Beschreibungen gerecht zu werden, werden gerne jene Kontrastierungen herangezogen, für die sich unsere Schachtel so schön zu eignen scheint: Kontrastierungen von Innen und Außen, Privat und Öffentlich, Subjektiv und Objektiv, aus denen sich weitere Metaphern für das Psychische herausbilden, wie etwa jene der inneren Welt. Eine Reihe von Fragen führt hierbei rasch in ein regelrechtes Dickicht. Unter ihnen findet sich beispielsweise die Frage, wie sich jene psychischen Phänomene beschreiben lassen, die Frage nach ihrer ontologischen Beschaffenheit und die Frage, in welcher Weise sie zu den physischen Vorgängen des Körpers und der Welt, in der er lebt, in Beziehung stehen. Bereits bei den Bildern,
die sich mit unserem Nachdenken über das Psychische verbunden haben, lohnt es sich allerdings halt zu machen und sie näher in den Blick zu nehmen, wie sich in Wittgensteins Spätwerk zeigt. Es lohnt sich, in seinen Worten, das „Rohmaterial“ der Philosophie zu sichten, d.h. dasjenige, was wir über das Thema, mit dem sie sich beschäftigt, „zu sagen versucht sind“.3 Helfen uns die illustrierten Redewendungen weiter in das entsprechende Feld vorzudringen? Werden sie der Sache, die wir mit ihnen zu fassen suchen, gerecht? Oder verstellen sie uns womöglich die Sicht auf gewisse Aspekte, sodass wir uns zu verirren beginnen?

1 Ludwig Wittgenstein, Werkausgabe Band 1. Tractatus logico-philosophicus/Tagebücher 1914-1916/ Philosophische Untersuchungen (Suhrkamp, 2019), §295. Im Folgenden zitiert mit Sigle PU 2019 und dem entsprechenden Paragraphen bzw. bei Bemerkungen aus dem später entstandenen zweiten Teil der Philosophischen Untersuchungen mit Sigle PU 2019 und der entsprechenden Seitenzahl.

2 Zu einer ausführlichen Auseinandersetzung mit dieser Thematik siehe u.a. Thomas Nagel, Der Blick von Nirgendwo (Suhrkamp, 2022).

3 PU 2019: §254.

Es scheint, als teste Wittgenstein in seinen Überlegungen zu einer privaten Sprache in den Philosophischen Untersuchungen den Begriff des Privaten bis an seine äußere Grenze hin aus. Eine rein private Sprache (einer, wie sich alsbald zeigt, äußerst dubiosen Idee) müsste jegliches Moment des Öffentlichen ausschließen: Sie könnte nur von je einem Individuum verstanden und gebraucht werden und ihre Ausdrücke würden sich dementsprechend auf etwas beziehen, „wovon nur der Sprechende wissen kann“.4 Sowohl die Sprache, wie auch ihr Gegenstand wären demzufolge ausschließlich dem Individuum zueigen. Um nicht Gefahr zu laufen, die scharf gezogene Grenze des rein Privaten verschwimmen zu lassen, darf auch die Möglichkeit der Beobachtung und der Beforschung einer solchen Sprache durch Dritte von vornherein nicht zugelassen werden, könnte sie hiermit letztlich doch durch die Hintertüre zu etwas geteilt Verstandenem werden. Als ein wesentlicher Impulsgeber für diese doch einigermaßen kurios anmutenden Überlegungen erweist sich schon sehr bald die Frage nach der Privatheit des Psychischen: Würden sich als ein geeigneter Gegenstand für eine solche Privatsprache nicht die unmittelbaren, privaten Empfindungen des sprechenden Individuums anbieten? Wo wenn nicht bei ihnen handelt es sich um etwas, wovon letztlich nur es selbst wissen kann?5 In einem solchen Fall erschiene es doch durchaus sinnvoll, über die Konzeption einer rein privaten Sprache nachzudenken, mit der jedes Individuum ganz exakt auf das Bezug nehmen kann, was in ihm und nur in ihm geschieht. Ist dem allerdings tatsächlich so, fragt sich Wittgenstein bald darauf – inwiefern sind unsere Empfindungen privat?6

4  PU 2019: §243.

5 Siehe PU 2019: §243.

6 Siehe PU 2019: §246.

Unter demjenigen, was wir über das Psychische „zu sagen versucht sind“, dem philosophischen „Rohmaterial“, das er im Folgenden zu inspizieren beginnt, treten insbesondere drei dualistische Momente im Zusammenhang mit der Idee der Privatheit von Empfindungen hervor. Sehr gut greifbar werden sie in einer Beschreibung von Frege am Beginn seines Aufsatzes über den Gedanken. Für eine erste Orientierung wollen wir einen kurzen Blick darauf werfen. Das erste Moment, das für die beiden anderen das Fundament bildet, haben wir eingangs bereits gestreift: Angesichts des perspektivischen Charakters psychischer Zustände und Vorgänge sieht sich der Mensch, wie Frege bemerkt, „bald genötigt, eine von der Außenwelt verschiedene Innenwelt anzuerkennen, eine Welt der Sinneseindrücke, der Schöpfungen seiner Einbildungskraft, der Empfindungen, der Gefühle und Stimmungen, eine Welt der Neigungen, Wünsche und Entschlüsse.“7 Als solche Gegenstände einer inneren Welt sind jene Phänomene, Frege fasst sie unter dem Sammelbegriff der Vorstellung zusammen, nun zunächst keine selbständigen Entitäten, die für sich bestehen, sondern sie bedürfen einesTrägers“. Die „Innenwelt hat zur Voraussetzung einen, dessen Innenwelt sie ist“.8  Empfindungen, Wünsche, Gefühle und dergleichen setzen ein empfindendes Individuum voraus und diesem Individuum sind sie auch zueigen. Anders der Gegenstand, auf den sich solche Vorstellungen richten. Bei ihm handelt es sich in der Regel um etwas öffentlich Zugängliches. Obzwar niemand anderes meine Vorstellung hat, können doch beispielsweise viele „dasselbe Ding sehen“.9 Dem hinzukommend scheint sich aus der Gebundenheit von Vorstellungen an ein bewusstes Lebewesen ein weiterer, epistemischer Aspekt der inneren Welt zu ergeben: Anders als der konkrete Wahrnehmungsgegenstand lassen sich die Sinneseindrücke offenkundig nicht miteinander vergleichen. Als Gegenstände einer inneren Welt sind sie, wie die Vorstellungen insgesamt, nicht öffentlich beobachtbar, sondern einzig dem jeweiligen Individuum selbst in unmittelbarer Weise zugänglich.10 Ob es Schmerz, Freude, den Geruch von Jasmin oder den Wunsch nach Kaffee empfindet, ist für es selbst unzweifelhaft gegeben. Ganz anders die Bezugnahme auf die Außenwelt. Jene birgt letztlich stets die Gefahr des Irrtums, weshalb uns dort „der Zweifel nie ganz verläßt“.11

7 Gottlob Frege, Der Gedanke (Suhrkamp 2024), 66. Siehe hierzu auch Joachim Schulte, „Privacy,“ in The Oxford Handbook of Wittgenstein, ed. Oskari Kuusela and Marie McGinn (Oxford University Press, 2011), 433-446.

8 Frege, Der Gedanke, 67 und 72.

9 Frege, Der Gedanke, 68.

10 Frege, Der Gedanke, 67.

11 Frege, Der Gedanke, 73. 

Als privat lassen sich Empfindungen demnach also insofern begreifen, als sie erstens nicht der Außenwelt, sondern einer inneren Welt des Bewusstseins angehören; zweitens jedes Individuum sein eigenes Erleben hat bzw. besitzt, und drittens nur je von seinen eigenen Empfindungen ohne jeden Zweifel wissen kann. Diese drei Aspekte treten in Wittgensteins Überlegungen zur Privatheit von Empfindungen mehrfach auf.12

Vgl. hierzu auch Christoph C. Pfisterer, „Private Sprache,“ in Wittgenstein-Handbuch: Leben – Werk – Wirkung, ed.  Anja Weiberg and Stefan Majetschak (J. B. Metzler, 2022), 337-338.

Eine besonders eigentümliche Stelle bildet hierin die folgende Parabel – mit ihr kommen wir nun auch endlich wieder zu unserer Protagonistin zurück:

„Angenommen, es hätte Jeder eine Schachtel, darin wäre etwas, was wir ‚Käfer‘ nennen. Niemand kann je in die Schachtel des Andern schaun; und Jeder sagt, er wisse nur vom Anblick seines Käfers, was ein Käfer ist. – Da könnte es ja sein, daß Jeder ein anderes Ding in seiner Schachtel hätte. Ja, man könnte sich vorstellen, daß sich ein solches Ding fortwährend veränderte. – Aber wenn das Wort ‚Käfer‘ dieser Leute doch einen Gebrauch hätte? – So wäre er nicht der der Bezeichnung eines Dings. Das Ding in der Schachtel gehört überhaupt nicht zum Sprachspiel; auch nicht einmal als ein Etwas: denn die Schachtel könnte auch leer sein. – Nein, durch dieses Ding in der Schachtel kann ‚gekürzt werden‘; es hebt sich weg, was immer es ist. Das heißt: Wenn man die Grammatik des Ausdrucks der Empfindung nach dem Muster von ‚Gegenstand und Bezeichnung‘ konstruiert, dann fällt der Gegenstand als irrelevant aus der Betrachtung heraus.“13

13 PU 2019: §293.

Diese auf den ersten Blick (und zugegebenermaßen auch noch auf den zweiten) etwas seltsam anmutende Passage wollen wir uns im Folgenden näher ansehen.

Angesprochen auf die Denkbarkeit einer Sprache, mit der man seine inneren Erlebnisse für den eigenen Gebrauch aufschreiben oder aussprechen könnte, fragt Wittgensteins Gesprächspartner zu Beginn des Abschnitts über die Privatsprache zunächst offenbar etwas überrascht: „Können wir denn das in unserer gewöhnlichen Sprache nicht tun?“14 Und tatsächlich erscheint im Zuge der Auseinandersetzung mit den Aspekten der Privatheit von Empfindungen, die wir uns vorhin angesehen haben, die Selbstverständlichkeit, mit der wir dem, was sich in unserer „Innenwelt“ tut, Tag ein Tag aus Ausdruck verleihen, als eine nicht mehr ganz triviale Begebenheit. Dass uns eine Privatsprache hierbei nicht abzugehen scheint, sondern wir uns auf unsere Erlebnisse, Gefühle, Stimmungen und dergleichen in unserer „gewöhnlichen Sprache“ zu beziehen vermögen, ist, von dieser Warte aus betrachtet, doch einigermaßen bemerkenswert. In eben dieser Möglichkeit des Ausdrucks unseres sogenannten Innenlebens durch Verhalten und durch Sprache scheint ein Moment in das schön gegliederte Gefüge von Innen und Außen, Subjektiv und Objektiv, Öffentlich und Privat hineinzugeraten, das darin offenbar eine gewisse Unordnung zu stiften beginnt. Aber zunächst zurück zu unserer Textstelle.  Ein wenig davor bemerkt Wittgenstein: „Das Wesentliche am privaten Erlebnis ist eigentlich nicht, daß Jeder sein eigenes Exemplar besitzt, sondern daß keiner weiß, ob der Andere auch dies hat, oder etwas anderes.“15Und auch in der Käfer-Parabel scheint er besonderes Gewicht auf diesen epistemischen Aspekt der Privatheit von Empfindungen zu legen:. Ist es so, dass jeder Mensch nur vom eigenen Fall weiß, was bestimmte Empfindungen sind und was Ausdrücke wie das Wort „Schmerz“ bedeuten?16 Und wenn sie in einem solchen Sinne privat wären, ließen sich unsere Empfindungen dann nicht mit etwas vergleichen wie Käfern in einer Schachtel, in die hineinzuschauen einzig dem Besitzer vorbehalten ist? Mit diesem Bild scheint der Gedanke, dass wir es im Fall von Empfindungen mit einem Gegenstand zu tun haben, über den kein geteiltes Verständnis möglich ist, doch ganz gut greifbar.

14 PU 2019: §243.

15 PU 2019: §272.

16 Vgl. PU 2019: §293.

Die Richtung, aus der sich Wittgenstein dieser hier Frage annähert, ist die unseres Sprachgebrauchs. Was würde eine solche Auffassung von Empfindungen und deren Ausdruck in der Sprache denn implizieren? Denn in der Tat sehen wir uns bald mit einer Schwierigkeit konfrontiert, wenn wir bei diesem Bild bleiben, einer Schwierigkeit, die mit dem sprachlichen Ausdruck zusammenhängt, durch dem wir uns in einem solchen Fall auf unser rein privates Tierchen beziehen würden: Obzwar alle es „Käfer“ nennen, wäre es sehr gut möglich, dass jeder ein „anderes Ding“ in seiner Schachtel hat und damit auch jeder etwas anderes mit dem Ausdruck „Käfer“ meint. Schließlich würde uns hier jegliche Möglichkeit für einen Vergleich fehlen. Es wäre sogar vorstellbar, dass sich das Ding in der Schachtel mit der Zeit verändern könnte und gleichwohl weiterhin mit demselben Wort bezeichnet würde. 

Wie nun, wenn wir hier nicht von einer je privaten Sprache ausgehen, sondern von der Situation, in der wir uns tatsächlich befinden, einer Situation, in das Wort „Käfer“ ebenso einen gemeinschaftlichen Gebrauch hat wie „Schmerz“, „kühl“, „orange“, „salzig“ und dergleichen? Wie, wenn jene Worte als allgemeine Ausdrücke etwas bezeichnen, was als ein rein innerlicher Gegenstand allein dem Individuum, dessen Innenwelt er angehört, zugänglich ist? Bei einem solchen asymmetrischen Verhältnis von öffentlichem Ausdruck und rein privatem Gegenstand sehen wir uns vor ein nicht unerhebliches Problem gestellt: Hätte nämlich der Ausdruck der Empfindung tatsächlich einen Gebrauch in einer Sprachgemeinschaft, dann könnte es offenbar nicht der Gebrauch der „Bezeichnung eines Dings“ sein. Denn es fehlte jegliches äußeres Kriterium dafür, dass der Ausdruck dieses oder jenes bezeichnet und wie Wittgenstein im vorangegangenen Abschnitt gezeigt hat, verliert das, was wir als Bezeichnung durch einen sprachlichen Ausdruck begreifen, bei einer vollkommenen Beliebigkeit in der Verwendung seine Bedeutung.17 Wenn wir also unsere Empfindungen wie den Käfer in der Schachtel als einen privaten, inneren Gegenstand begreifen und dabei gleichwohl einen in der Sprachgemeinschaft geteilten Ausdruck verwenden, mit dem wir ihn zu bezeichnen meinen, dann finden wir uns in einer seltsamen Situation wieder: Das vermeintlich durch den Ausdruck Bezeichnete, die Empfindung, scheint aus unserem Sprachspiel herauszufallen. Gebrauchen wir den Ausdruck ohne die geringste Form von Gewissheit, dass er sich auf etwas Geteiltes bezieht, dann kommunizieren wir mit diesem Ausdruck offenbar auf eine andere Weise. (Vielleicht gebrauchen wir „Käfer“ dann, um ein Verhalten oder eine gesellschaftliche Praxis zu beschreiben: Leute schauen erfreut in ihre Schachteln, polstern sie an allen Seiten, wenn sie jene sicher irgendwohin transportieren möchten, ein Markt spezialisiert sich auf Beleuchtung und dekorative Innenausstattung solcher Schachteln, oder etwas in der Art.) Ob es den obskuren Gegenstand gibt oder nicht, hat dann jedenfalls für den Gebrauch dieses Wortes keine Bedeutung mehr. „Das Ding in der Schachtel gehört überhaupt nicht zum Sprachspiel; auch nicht einmal als ein Etwas: denn die Schachtel könnte auch leer sein.“ Und hier scheint etwas nicht ganz zu stimmen. Wenn eine solche Auffassung von Empfindungen als einem rein privaten, inneren Gegenstand, der allein dem jeweiligen Individuum epistemisch zugänglich ist, letztlich dazu führt, dass durch jenes „Ding in der Schachtel“ „gekürzt werden“ kann, lässt sie sich dann mit unserer tatsächlichen Sprachpraxis vereinbaren? Wird eine solche Auffassung der Sprache, mit der wir über Empfindungen sprechen, gerecht? 

17 Diese Überlegungen zur begrifflichen Inkohärenz einer privaten Sprache entwickelt Wittgenstein in den Paragraphen 256-271. Eine wichtige Rolle spielt hier die Überlegung, dass der Gebrauch eines sprachlichen Ausdrucks offenbar stets an ein Kriterium gekoppelt sein muss, das seinen Gebrauch im konkreten Fall rechtfertigt. Ohne ein solches Kriterium, eine solche Regel, wäre der Gebrauch vollkommen beliebig, was sich mit der Idee von Sprache als einem regelbasierten System nicht vereinbaren ließe. Die Erinnerung des Individuums vermag dafür insofern kein verlässliches Kriterium bereitzustellen, als hier richtig wäre, „was immer mir als richtig erscheinen wird“ (§258). Demzufolge scheint die Rechtfertigung vielmehr darin bestehen zu müssen, dass „man an eine unabhängige Stelle appelliert“ (§265) und so die eigene Praxis auch mit der Praxis der Gemeinschaft vergleichen kann. Andernfalls wäre es, als „kaufte Einer mehrere Exemplare der heutigen Morgenzeitung, um sich zu vergewissern, daß sie die Wahrheit schreibt“ (§265), so Wittgenstein. Das „Kriterium für die Richtigkeit“ (§258) des Gebrauchs eines Wortes lässt sich so nur als etwas in einer Sprachpraxis öffentlich Geteiltes begreifen. Siehe hierzu u.a. Gunter Gebauer, Wittgensteins anthropologisches Denken (C.H.Beck, 2009), 131-136 und Nagel, Der Blick von Nirgendwo, 42.  

In der Parabel mit dem Käfer in der Box zeigt sich, wie wir gesehen haben, Wittgensteins Interesse an mentalistischen Positionen, an Positionen, die von einer Privatheit des Geistigen ausgehen. Angesichts seiner Kritik an diversen Spielarten, insbesondere mit dem Idealismus, dem Solipsismus und dem Introspektionalismus, drängt sich an manchen Stellen die Frage auf, ob er als Antwort auf die aufgezeigten Probleme solcher mentalistischer Konzeptionen zu einem materialistischen oder einem behaviouristischen Zugang neigt.18 Die Konsequenz, die er aus der Käferparabel zu ziehen scheint, gehört zu jenen Stellen, erinnert die Irrelevanz des Käfers in der Schachtel in gewisser Hinsicht zunächst doch sehr an behaviouristische Herangehensweisen an Fragen nach dem Psychischen: Als eine „black box“, über deren Inneres sich keine zuverlässigen Vergleiche und somit auch keine wissenschaftlichen Beobachtungen anstellen lassen, wird der Bereich des Mentalen gleichsam zu umschiffen versucht und die Aufmerksamkeit auf Reize und Verhalten gerichtet, bzw. die Äußerungen von mentalen Zuständen auf Äußerungen über das Verhalten zurückzuführen versucht. Aber sehen wir uns noch einmal den letzten Satz dieser Passage an:       „Wenn man die Grammatik des Ausdrucks der Empfindung nach dem Muster von ‚Gegenstand und Bezeichnung‘ konstruiert, dann fällt der Gegenstand als irrelevant aus der Betrachtung heraus“.

18 Vgl. Joachim Schulte, „Privacy,“ 144 und Jasmin Trächtler, „Empfindungen,“ in Wittgenstein-Handbuch: Leben – Werk – Wirkung, ed. Anja Weiberg and Stefan Majetschak (J. B. Metzler, 2022), 24.

Wir könnten also zunächst fragen: Wenn sich die sprachlichen Ausdrücke für Empfindungen nicht auf die Empfindungen als innere Gegenstände richten, bezeichnen sie anstelle ihrer dann möglicherweise ein Verhalten? Ist die Grammatik, d.h. die Regeln für den Gebrauch des Ausdrucks von Empfindungen, so zu verstehen, dass nicht ein innerer Gegenstand, ein innerer Vorgang, sondern vielmehr ein Verhalten beschrieben wird? Erfreulicherweise müssen wir ein gewisses Unbehagen, das sich beim Nachdenken über diese Frage zu regen beginnt, nicht einmal selbst zur Sprache bringen: „Aber du wirst doch zugeben, daß ein Unterschied ist, zwischen Schmerzbenehmen mit Schmerzen und Schmerzbenehmen ohne Schmerzen,“ wendet Wittgensteins Gesprächspartner nur wenig später ein, was jener ohne Umschweife bestätigt: „Welcher Unterschied könnte größer sein!“19

19 PU 2019: §304.

„‚Und doch gelangst du immer wieder zum Ergebnis, die Empfindung selbst sei ein Nichts!‘ – Nicht doch. Sie ist kein Etwas, aber auch nicht ein Nichts! Das Ergebnis war nur, daß ein Nichts die gleichen Dienste täte wie ein Etwas, worüber sich nichts aussagen läßt.“20

20 PU 2019: §304.

Kurz darauf möchte der Gesprächspartner sich noch einmal vergewissern: sage Wittgenstein denn im Grunde nicht doch, dass alles außer dem menschlichen Benehmen letztlich Fiktion sei? Die Antwort: Wenn er „von einer Fiktion rede, dann von einer grammatischen Fiktion“.21 Was wir im Hinblick auf diese beiden dialogischen Fragmente nun erst einmal für die Käferparabel feststellen können, ist, dass wir offenbar nicht einfach sagen können, ob da ein Käfer in der Schachtel drin ist oder nicht, das ist für uns irrelevant. Wir interessieren uns allein dafür, was außerhalb der Schachtel beobachtbar ist. Nein, die Konsequenz, dass sich die Empfindung als irrelevant aus dem Sprachspiel, in dem wir Empfindungen zum Ausdruck bringen, herauskürzen lässt, scheint sich nicht als Lösung lesen zu lassen, sondern vielmehr als ein Zeichen dafür, dass hier etwas mit der mentalistischen Auffassung von der Empfindung als einem rein privaten, inneren Gegenstand nicht ganz stimmen kann.22 Offenbar machen wir uns hier mit diesem Bild etwas vor über die Weise, in der wir Empfindungen sprachlich zum Ausdruck bringen. Wir sitzen einer „grammatischen Fiktion“ auf, und zwar der Fiktion, wir könnten über die eigenen seelischen Phänomene und Bewusstseinszustände in derselben öffentlichen Weise sprechen wie über die physikalischen Gegenstände der externen Welt.23 Mit seinem etwas eigentümlichen Befund, die Empfindung sei „kein Etwas“ aber sie sei auch „nicht ein Nichts“, gehe es ihm darum, die Grammatik zu verwerfen, „die sich uns hier aufdrängen will“,24 sagt Wittgenstein. Gemeint ist damit die Grammatik nach dem Muster „Gegenstand und Bezeichnung“, denn in ihr spiegelt sich offenbar jene Idee wieder, die Empfindungen als einen Gegenstand begreift, der einer inneren Welt angehört, zu dem es einzig den privilegierten Zugang des Individuums gibt.

21 PU 2019: §307.

22 Vgl. hierzu auch Schulte, „Privacy“, 441 und 446.

23 Vgl. Wilhelm Lütterfelds, „Das ‚Durcheinander‘ der Sprachspiele: Wittgensteins Auflösung der Mentalismus-Alternative,“ in Wittgenstein über die Seele, ed. Eike von Savigny and Oliver R. Scholz (Suhrkamp, 1995), 110.

24 PU 2019: §304.

Mit der strikten Entgegensetzung von Innen und Außen scheinen wir uns demzufolge keinen guten Dienst zu erweisen. Etwas später ist bei Wittgenstein in diesem Zusammenhang auch die Rede von einem unauffälligen Schritt in einem „Taschenspielerkunststück“:23 Wir sprechen beim Seelischen von Vorgängen und Zuständen. Insofern wir die Natur dieser Vorgänge und Zustände unentschieden lassen, erscheint uns dieser Schritt unschuldig, schließlich fungiert die Charakterisierung hier lediglich wie eine Art Platzhalter – vielleicht werden wir einmal mehr über diese Vorgänge und Zustände wissen. Doch „eben dadurch haben wir uns auf eine bestimmte Betrachtungsweise festgelegt“, so Wittgenstein, insofern wir einen Begriff davon haben, was es bedeutet, „einen Vorgang näher kennen zu lernen“.26 Vor dem Hintergrund dieser Betrachtungsweise versuchen wir, gewisse Maßstäbe anzusetzen, die sich an physikalischen Vorgängen und Zuständen der sogenannten Außenwelt orientieren. Wenn sich dann zeigt, dass sich diese Maßstäbe an dem, was wir zu beschreiben versuchen, nicht ansetzen lassen, zerfällt der „Vergleich, der uns unsere Gedanken hätte begreiflich machen sollen“.27 Und so kommt es zu dem, was uns auch mit unserem Käfer in der Schachtel passiert ist: „Wir müssen […] den noch unverstandenen Prozeß im noch unerforschten Medium leugnen. Und so scheinen wir also die geistigen Vorgänge geleugnet zu haben. Und wollen sie doch natürlich nicht leugnen!“.28 weifellos ist da eine Gemütsregung, wenn wir uns über etwas freuen, findet da ein geistiger Prozess statt, wenn wir uns an etwas erinnern. Das „Bild vom „inneren Vorgang“ oder vom „inneren Gegenstand“ allerdings, mit dem wir Ordnung in unsere Überlegungen über das Psychische zu bringen versuchen, scheint uns nicht die „richtige Idee“ des Wortes „freuen“ oder „erinnern“ zu geben. Es wird der Weise, wie wir unsere Empfindungen äußern, nicht gerecht, insofern es das Psychische vom Physischen, das Innere vom Äußeren offenbar viel stärker isoliert, als das in unserer Sprache der Fall ist. Es hindert uns daran, die „Verwendung des Wortes zu sehen, wie sie ist“.29

25 PU 2019: §308.

26 PU 2019: §308.

27 PU 2019: §308.

28 PU 2019: §308. „Irreführende Parallele: Psychologie handelt von den Vorgängen in der psychischen Sphäre, wie Physik in der physischen. Sehen, Hören, Denken, Fühlen, Wollen sind nicht im gleichen Sinne die Gegenstände der Psychologie, wie die Bewegungen der Körper, die elektrischen Erscheinungen, etc., Gegenstände der Physik. Das siehst du daraus, daß der Physiker diese Erscheinungen sieht, hört, über sie nachdenkt, sie uns mitteilt, und der Psychologe die Äußerungen (das Benehmen) des Subjekts beobachtet“ (§571).

29 PU 2019: §305.

Wie nun verwenden wir unsere psychologischen Begriffe dann? Wovon handeln unsere Äußerungen über das Psychische?

„So handelt die Psychologie vom Benehmen, nicht von der Seele? Was berichtet der Psychologe? – Was beobachtet er? Nicht das Benehmen der Menschen, insbesondere ihre Äußerungen? Aber diese handeln nicht vom Benehmen.“30

30 PU 2019: S. 497.

Wie sich im Vorangegangenen abzuzeichnen begonnen hat, liegt unseren Empfindungsausdrücken ebenso eine allgemeine Bedingung der Intersubjektivität zugrunde, wie all unseren anderen Begriffen. Insofern sie ihren Platz in der sozialen Praxis einer Sprachgemeinschaft haben, kommt ihnen neben ihrer subjektiven Dimension stets auch eine objektive Dimension zu, aufgrund derer sie mit derselben Bedeutung von verschiedenen Personen auf andere Subjekte angewandt werden können.31 So finden die Erlebnisbegriffe ihre Anwendung zum einen aus der Innenperspektive heraus. Wir schreiben sie uns selbst zu und zwar nicht, indem wir erst unser Verhalten, die Umstände oder andere typische Indizien für ein solches Erleben wie von Außen beobachten, sondern unmittelbar. Zum anderen bedürfen sie äußerer Kriterien, aufgrund derer die Anwendung des Erlebnisbegriffes auf einen selbst in der Ersten-Person-Perspektive erst möglich ist, insofern er eine gewisse Bedeutungsumgebung in einer Sprachgemeinschaft hat. Und hier kommt neben den Umständen insbesondere dem Verhalten eine tragende Rolle zu.32

31 Vgl. Nagel, Der Blick von Nirgendwo, 59 und Gebauer, Wittgensteins anthropologisches Denken, 135.

32 Damit ich mit der Anwendung des Erlebnisbegriffs auf mich selbst etwas meinen kann, muss gewährleistet sein, dass der Begriff aus Gründen des Verhaltens und der Umstände auf mich und auch andere anwendbar ist, und zwar aus Gründen, die ihrerseits nicht allein privat verfügbar sind. Vgl. Trächtler, „Empfindungen,“ 222. Siehe hierzu auch Anmerkung 17.

Im Hinblick auf dieses Ineinandergreifen von erster und dritter Perspektive, bzw. von Selbstzuschreibung und Fremdzuschreibung in unseren Erlebnisbegriffen spricht Wittgenstein später auch von einem Durcheinander zweier Sprachspiele: 

„‚Ich merkte, er war verstimmt.‘ Ist das ein Bericht über das Benehmen oder den Seelenzustand? (‚Der Himmel sieht drohend aus‘: handelt das von der Gegenwart, oder von der Zukunft?) Beides; aber nicht im Nebeneinander; sondern vom einen durch das andere.“33

33 PU 2019: S. 497.


In der Tat besteht zwischen dem Bericht über das beobachtbare Benehmen und dem über den Seelenzustand, zwischen dem physikalischen und dem psychologischen Sprachspiel, ein Unterschied. Doch das Besondere an diesen beiden „perspektivenverschiedenen Sprachspielen“34 ist, dass sie miteinander verknüpft zu sein scheinen, und zwar in ähnlicher Weise, wie die Bemerkung über das gegenwärtige bedrohliche Aussehen des Himmels seine Bedeutung dadurch erhält, dass sie implizit von einem zukünftigen Gewitter handelt.35 Folgten wir hier einer alternativ-dualistischen Sprachlogik und begriffen den Satz „Der Himmel sieht drohend aus“ entweder als Aussage über die Gegenwart oder als Aussage über die Zukunft, dann würden wir das Gesagte offenbar nicht richtig verstehen. Die Berichte sind hier vielmehr in einer Weise miteinander verknüpft, dass, wenn man explizit auf den einen Sachverhalt Bezug nimmt, man dies nur durch eine implizite Bezugnahme auf den anderen tun kann. Und diese Struktur eines Durcheinanders scheint auch die beiden Sprachspiele, in denen wir uns auf unser Verhalten und unsere Seelenzustände beziehen, zu prägen.36 In Schilderungen über ein menschlichen Benehmen, nehmen wir implizit Bezug auf einen Seelenzustand, ebenso, wie von einem Seelenzustand zu berichten, bedeutet, sich damit zugleich auch auf Verhaltensweisen der Person zu beziehen.37

34 Lütterfelds, „Das ‚Durcheinander‘ der Sprachspiele: Wittgensteins Auflösung der Mentalismus-Alternative,“ 113.

35 Siehe Lütterfelds, „Das ‚Durcheinander‘ der Sprachspiele: Wittgensteins Auflösung der Mentalismus-Alternative,“ 111.

36 Siehe Lütterfelds, „Das ‚Durcheinander‘ der Sprachspiele: Wittgensteins Auflösung der Mentalismus-Alternative;“ 111.

37  Siehe Lütterfelds, „Das ‚Durcheinander‘ der Sprachspiele: Wittgensteins Auflösung der Mentalismus-Alternative,“ 112, sowie Trächtler, „Empfindungen,“ 224.

Um bei einem Beispiel von Wittgenstein zu bleiben: Der Begriff des Verstimmt-seins meint zunächst erst einmal eine seelische Verfassung: Man kann sich gerade nicht freuen, grübelt vor sich hin, ist verärgert, möglicherweise auch besorgt, etwas abwesend und dergleichen. Doch diese gleichsam seelischen Aspekte der Bedeutung von Verstimmt-sein sind in unserer Sprachpraxis mit gewissen Verhaltensweisen und Umständen verflochten: Ein Mensch schaut nicht allzu freundlich drein, legt die Stirn in Falten, reagiert mitunter etwas gereizt, schimpft vor sich hin, oder er ist sichtlich beherrscht, ungewohnt schweigsam, nicht bei der Sache und so fort. Obzwar wir sehr wohl zwischen diesen beiden Momenten des Seelenzustands und des Verhaltens unterscheiden, sind sie in der Bedeutung des Ausdrucks des Verstimmt-seins doch wesentlich ineinander verschränkt. Wenn wir von einer Verstimmung sprechen, meinen wir in der Regel beides, wie sich ein solches seelisches Befinden anfühlt und wie es sich äußert. Und in der Bedeutung, die durch diese Verschränkung entsteht, vermögen wir den Empfindungsbegriff sowohl auf uns selbst wie auch auf andere anzuwenden.     

„Es ist hier wie mit einem Verhältnis: Physikalischer Gegenstand und Sinneseindrücke. Wir haben hier zwei Sprachspiele und ihre Beziehungen zueinander sind komplizierter Art. – Will man diese Beziehungen auf eine einfache Formel bringen, so geht man fehl.“38

38 PU 2019: S. 499.

Auf diesem Weg also wird das subjektive Erleben zum Inhalt eines Begriffes, der intersubjektiv und semantisch-allgemein ist, und – in dieser Hinsicht – zu etwas öffentlich Geteiltem.39 Die Bemerkung, dass wir einer „grammatischen Fiktion“ aufsitzen, wenn wir an der semantischen Differenz beziehungsweise der strikten semantischen Trennung von Innen und Außen festhalten, ist offenbar vor eben diesem Hintergrund zu verstehen. In unserer sprachlichen Praxis scheinen diese beiden Momente auf eine Weise ineinander verwoben zu sein, dass ein strenges dualistisches Raster dem komplexeren Muster unseres tatsächlichen Lebens, das sich hierin herausbildet, offenbar nicht gerecht wird – um mit einem anderen, späteren Bild von Wittgenstein zu enden. Denn zumindest unsere Empfindungsbegriffe scheinen uns von dem Bild des Käfers in der
Schachtel letztlich wieder wegzuführen.

39 Siehe Lütterfelds, „Das ‚Durcheinander‘ der Sprachspiele: Wittgensteins Auflösung der Mentalismus-Alternative,“ 116 und Trächtler, „Empfindungen,“ 224.

„Wenn das Leben ein Teppich wäre, so ist dies Muster (der Vorstellung z.B.) nicht immer vollständig und vielfach variiert. Aber wir, in unserer Begriffswelt, sehen immer wieder das Gleiche mit Variationen wiederkehren. So fassen’s unsere Begriffe auf. Die Begriffe sind ja nicht für einmaligen Gebrauch.“40

40 Ludwig Wittgenstein: Schriften 8. Bemerkungen über die Philosophie der Psychologie (Suhrkamp 1982), §672 (aus dem Teil II der Bemerkungen über die Philosophie der Psychologie).


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