Die Schachtel

Aus dem Heft:

Heute ist etwas Komisches passiert. Ich habe schon zweimal versucht, darüber zu schreiben, aber wenn der Anfang einer Geschichte schon so verwirrend ist, dann fällt es oft schwer, überhaupt etwas zu erzäh len. Ich versuche es aber trotzdem.

Als ich heute aufstand, war etwas anders als an den Tagen zuvor. Irgendetwas hatte sich verändert, aber ich konnte nicht erkennen, was es war. Bis ich meine Füße auf den Boden neben meinem Bett setzen wollte und sie ruckartig wieder zu mir zurückzog. Denn – da war etwas ausgeronnen. Eine Flüssigkeit hatte sich auf dem Boden ausgebreitet, deren Quelle ich nach eingängiger Betrachtung unterhalb meines Bettes vermutete. Ich sprang über die Lache und blickte unter mein Bett auf der Suche nach einer Flasche oder einem Glas, einem Gefäß, zu dem diese Flüssigkeit passen könnte. Doch da war nichts unter meinem Bett – kein Gefäß, das diesen Gedankengang bestätigen konnte. Aber mein Blick traf auf etwas anderes, als er der Spur der Flüssigkeit folgte. Eine einzelne Schachtel stand unter meinem Bett. Ich streckte meinen Arm nach ihr aus, konnte sie aber nicht erreichen. Also kroch ich unter das Bett und achtete darauf, dass ich der Flüssigkeit dabei auswich. Als ich die Schachtel berührte, fühlte sie sich nass und aufgedunsen an. Aber viel erschreckender war, dass sie sich warm anfühlte. Ich kroch mit ihr unter meinem Bett hervor, um sie im Licht zu betrachten. Sie hatte dunkle Flecken und Verfärbungen – ich konnte nicht sagen, welche Farbe sie ursprünglich gehabt hatte. Doch eines war sicher: Die Flüssigkeit kam aus ihrem Inneren. Ich versuchte, den Deckel an einer Ecke anzuheben, doch da schnappte dieser plötzlich wieder herunter, und eine Stimme sagte im spöttischen Ton: „Na, na – das lassen wir mal lieber sein. Vorerst.“ Mein Herz setzte vermut lich in diesem Moment das erste Mal an diesem Tag aus. (Das stimmt natürlich nicht, ich hatte mich schon erschreckt, als ich in die Flüssigkeit gestiegen war). Ich spürte, wie sich der Schock in meinem Körper ausbreitete, und trotzdem blieb ich wie erstarrt am Boden sitzen und blickte auf die Schachtel, die ich nun endlich als das erkennen konnte, was sie war. Ihre Seiten blähten sich auf und zogen sich wieder zusammen – wie man es von lebenden Wesen gewohnt war, wenn sie atmen. Das Schlimme ist nur, dachte ich mir in diesem Moment, dass man es von Dingen, die eigentlich nicht leben sollten, einfach nicht erwartet. Ich träume – das kann nur ein Traum sein, dachte ich, während ich zu sah, wie die Flüssigkeit an den Seiten der Schachtel herunterlief. „Es ist nur natürlich, dass du das denkst – es ist auch nicht leicht, mich als real zu begreifen“, sagte die Schachtel, und ich spürte ihren Blick auf mir, konnte aber keine Augen an ihr finden.

„Was bist du?“, fragte ich das merkwürdige Wesen. „Ich bin eine Schachtel – wie du sehen kannst“, antwortete sie und lachte über meine Frage, als ob es absurd gewesen wäre, sie zu stellen. „Ja, das sehe ich – aber die Schachteln, die mir bis jetzt untergekommen sind, waren keine sprechenden, atmenden und Flüssigkeit absondernden Schachteln“, sagte ich und deutete auf die Lache. „Ja, das ist wirklich nicht optimal – dass ich auslaufe, nimmt mir irgendwie meinen Sinn“, sagte die Schachtel und lachte wieder, sodass noch mehr Flüssigkeit an ihren Seiten herunterlief. Ich verstand nichts. Vielleicht war ich, ohne es zu bemerken, schon lange verrückt geworden. Aber würde man es überhaupt merken, wenn man verrückt geworden wäre? Wäre man es nicht einfach? Jemand, der verrückt ist, würde sich diese Frage sicher nicht stellen, beruhigte ich mich selbst. Aber trotzdem spürte ich, dass etwas mit mir nicht stimmte. Denn es war nicht nur die Situation merk würdig – dass ich mich am Boden sitzend mit einer Schachtel unter hielt –, sondern auch etwas in mir selbst war seltsam, und ich konnte es wahrnehmen.

„Was ist das für eine Flüssigkeit?“, fragte ich, um mich selbst aus meinen Gedanken zu reißen. Die Schachtel ließ sich Zeit, mir eine Antwort zu geben „Mein Inhalt ist zu viel geworden, und nun läuft er aus mir heraus“, sagte sie, und diesmal lachte sie nicht. „Dein Inhalt ist diese Flüssigkeit? Die immer mehr wird und deshalb aus dir heraus läuft?“, fragte ich verwirrt nach „Gewissermaßen. Und nun kann ich meine Aufgabe auch nicht mehr richtig erfüllen“, sagte sie, und dicke Tropfen liefen an ihr herunter. „Was meinst du mit ‚gewissermaßen‘? Und wer hat dir diese Aufgabe gegeben?“, fragte ich weiter nach und spürte plötzlich, wie auch an meinem Körper Tropfen herabliefen. Ichgriff auf meine Stirn, und sie fühlte sich nass und warm an. Schwitze ich?, fragte ich mich. Doch dann sah ich, dass auch an den Wänden des Zimmers Tropfen herabliefen. „Mein Inhalt ist nicht leicht zu fassen – weder im Sinn des Begreifens noch im Sinn des Aufbewahrens. Du hast ihn mir wohl gegeben, ohne es zu beabsichtigen“, sagte die Schachtel. Ihr Deckel hob sich ein wenig, und es schwappte eine Welle an ihren Seiten herunter. „Du denkst, dass ich das war? Ich wusste nicht einmal, dass du unter meinem Bett warst“, sagte ich verwirrt und sah, dass die Wände schon eingefallene, durchtränkt Stellen hatten. Was passiert hier? Warum ist alles mit Flüssigkeit vollgesogen?, dachte ich und spürte, wie die Angst in mir zunahm. Ich wollte aufspringen und zur Tür laufen, doch da bemerkte ich, dass es überhaupt keine Tür gab, durch die ich den Raum hätte verlassen können. „Ich denke nicht nur, dass du es warst – ich weiß es“, sagte die Schachtel.

„Ich will hier raus“, sagte ich aufgebracht, und der Deckel der Schachtel hob sich wieder, sodass ein Schwall aus ihr hinausströmte. Ich verliere den Verstand – oder ich hatte ihn schon verloren, schoss es mir durch den Kopf. Es war einfach zu viel – viel zu viel, um es auszu halten. „Es hat sich viel angestaut – natürlich ist es jetzt nicht einfach, wenn es durchbricht“, sagte die Schachtel mit tröstender Stimme. Doch ich spürte, wie ich in meinem Körper versank – wie sich etwas in mir zersetzte. Lange hatte ich versucht, es in Form zu halten, es zu ver stecken – auch vor mir selbst. Die Schachtel hatte recht. Immer wenn es nötig war, hatte ich sie benutzt. Immer wenn es zu viel war, hatte ich ihren Deckel angehoben und in ihr das verschwinden lassen, mit dem ich mich nicht befassen wollte. Doch das konnte ich jetzt nicht mehr. Ich griff nach dem Deckel der Schachtel. „Wenn du mich öffnest, gibt es kein Zurück mehr. Aber ich bin mir sicher, dass es besser ist als weiter untätig zu bleiben“, sagte die Schachtel, und ich nickte und begann, ihren Deckel nach oben zu schieben. Mit jedem Millimeter, den der Deckel nach oben rutschte, fühlte ich mich ein wenig leichter. Dann hielt ich ihn plötzlich in der Hand – und noch bevor ich ins Innere sehen konnte, strömte eine Flut aus der Schachtel – die mein Zimmer endgültig unter Wasser setzte. Als ich meine Augen wieder öffnete, sah ich alles nur verschwommen. Ich trieb in der Flüssigkeit, und um mich herum trieb Papier. Viele leere, einige beschriebene Blätter – doch die Flüssigkeit hatte die Worte alle verwaschen. Ich konnte nicht mehr erkennen, was darauf geschrieben stand.

Unter mir am Boden meines Zimmers konnte ich die Umrisse der Schachtel erkennen, aus der immer noch Flüssigkeit – und hin und wieder ein Stüc Papier – strömte. Ich setzte mich in Bewegung – und schwamm tiefer, obwohl mir die Strömung entgegenwirkte. Doch mit jedem Stück, dem ich der Schachtel näherkam, spürte ich, dass ich es aushielt. Dann, als ich es fast geschafft hatte – beinahe war ich unten angekommen – setzte der Druck aus, gegen den ich mich vor- gekämpft hatte. Nichts strömte mehr aus der Schachtel. Sie stand still vor mir, und endlich konnte ich ihr Inneres sehen. Ein Zimmer mit Bett, Kleiderschrank und Schreibtisch – und Papier, das schwebte „Du verstehst jetzt sicher, in welche Richtung du schwimmen musst“, sagte die Schachtel mit müder, aber zuversichtlicher Stimme. „Ich verstehe“, sagte ich und strich mit der Hand über die Schachtel, die sich nun endgültig zersetzte. Dann drehte ich mich um und schwamm nach oben. Es war ein langer Weg, obwohl ich nur senkrecht mein Zimmer durch- queren musste – und gerade, als ich an der Oberfläche auftauchte und meine Augen öffnete, befand ich mich in meinem Bett. Aber etwas hatte sich verändert, und ich wusste, was es war. Ich stand auf, ging zu meinem Schreibtisch und begann zu schreiben.


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