Die Zeilen entlang zur Hütte

Aus dem Heft:

Le Corbusiers Cabanon in Roquebrune-Cap-Martin, Martin Heideggers Hütte am Todtnauberg, Ludwig Wittgensteins Hütte am Rande des tiefsten Fjords Europas. Als Anziehungspunkt in Literatur und Geschichte galt die Hütte lange Zeit als Domizil und Rückzugsort verschiedenster männlicher Protagonisten. Sie werden scheinbar magisch angezogen vom Zauber der Einsamkeit und der Kargheit der Hütte. Aber auch Marie Antoinette, die berühmte, auch dem Backwerk nicht abgeneigte Königin des absolutistischen Frankreichs, ließ sich, von Rousseaus Schriften inspiriert, einen Bauernhof inmitten von Versailles errichten.

Abseits dieser Persönlichkeiten und ihrer Hütten sollen hier aber im gleichen Atemzug auch Berghütten, Schrebergärten und einsame Tiny Houses als Zufluchtsorte und moderne Hütten erwähnt werden, die nicht nur eine Erweiterung des Begriffs, sondern auch des Publikums darstellen. Und doch sind es die selben Motive, die mit Bergsteiger und Almdudler ausgestattete Wanderer:innen, Gartenzwerge liebende Pensionist:innen und Sinn suchende Städter:innen zu ihren jeweiligen Hütten treibt.

Auch Hans Peter Göbel zieht es regelmäßig zu seinen Hütten. Aber nicht zu irgendwelchen Hütten, es zieht ihn zu den Weingartenhütten. Diese spezifische Bauaufgabe, gekennzeichnet durch einen ausgeprägten Funktionalismus, lässt sich nicht durch die sentimentalische Sehnsucht nach Rückzug und Kontemplation denkender Individuen fassen. Auch der in Überlegungen zur Hütte schon beinahe inflationär gebrauchte Topos der Urhütte reicht sicher nicht aus. Vielmehr scheinen deutlich schlichtere Charakterisierungen, wie jene von Lenz Moser, einem der Wegbereiter des modernen Weinbaus in Österreich, aufschlussreich:

„Bei allen größeren Grundstücken wird es notwendig sein, eine Unterkunftshütte aufzuschlagen; diese wird man meist so errichten, daß sie dauernd stehen bleiben kann. Sie dient zur Unterbringung der Arbeitsgeräte und als Sammelbecken für das Regenwasser.“1

1 Lenz Moser, Weinbau einmal anders. Ein Weinbauhandbuch für den fortschrittlichen Weinbauern, Rohrendorf bei Krems 1950, S. 33.

Lagerraum, Unterstand und, spätestens mit der Industrialisierung der Landwirtschaft, die Möglichkeit der Wasserspeicherung für das Anrühren von Spritzmitteln sind (oder waren) zentrale Aufgaben der Hüttenarchitektur. Hinzu kam in früheren Zeiten die Notwendigkeit eines Weingartenhüters, der ebenso in der Hütte Quartier bezog und die reifen Trauben vor humanen und non-humanen Fressfeinden bewahren sollte. In ihrer Materialität orientieren sich die Hütten oft an ihrer Umgebung und der Verfügbarkeit von Baumaterial. So finden sich in der Wachau beispielsweise ältere Hütten aus Stein, während im Wiener Raum mit wiederverwendeten Materialien wie Holz und Wellblech gebaut wird. Trotzdem ist nach Lenz Moser auch die Errichtung der Weingartenhütte von gestalterischen Fragen geprägt:

„In ihrer baulichen Ausgestaltung müssen sich diese Weingartenhäuschen möglichst unauffällig in das Landschaftsbild einfügen. […] Nur an besonders schönen Punkten sollen sie hervortreten, sie müssen dann aber auch in ihrem gesamten Aufbau sehr sorgfältig und mit Ueberlegung ausgeführt werden. Es muß auf jeden Fall vermieden werden, daß die klaren Linien unserer Weingärten durch möglichst viele in die Augen springende und grell gefärbte Weingartenhütten unterbrochen werden. Nichts stört das Gesamtbild mehr als eine Anzahl solcher, nach den verschiedensten Baustilen, oft auch ganz ohne Stil, gebauter Weingartenhütten.“2

2 Lenz Moser, Weinbau einmal anders. Ein Weinbauhandbuch für den fortschrittlichen Weinbauern, Rohrendorf bei Krems 1950, S. 36.

Vielleicht zeichnet sich auch hier das Streben nach einer funktionalen Architektur, dessen wichtigste Aufgabe die Wassergewinnung zur Spritzmittelherstellung ist, ab.

Auch bei älteren Weingartenhütten lässt sich eine gewisse Reduktion in Gestaltung und Konstruktion beobachten, sicher auch der Verfügbarkeit von Ressourcen und der praktischen Natur der Bauaufgabe geschuldet. Gleichzeitig entwickelten sich aber auch eigene Bräuche, die gestalterisch Ausdruck finden. So werden etwa zu Beginn der Dienstzeit der Weingartenhüter die Hütten mit Hüterbäumen oder Kreuzen aus Stroh geschmückt, um auf die Anwesenheit eines Hüters hinzuweisen.

Immer noch tragen die Weingartenhütten wesentlich zum Landschaftsbild vieler Weinbauregionen bei, trotz der Forderung nach ihrer Unauffälligkeit. In ihrer Nutzung sind sie aber nur noch ein Schatten ihrer selbst. Die meisten verfallen, bestenfalls als Lagerraum für selten gebrauchtes Arbeitsmaterial genutzt. Auch in ihrer Funktion als Unterstand oder Pausenort für die Arbeiter:innen in den Weingärten werden sie kaum noch genutzt. Hat die Weingartenhütte also ausgedient? Und wenn ja, wieso weiter darüber nachdenken? Gerade in ihrer historischen Dimension lässt sich anhand der Weingartenhütte eine Geschichte des Weinbaus, eingebettet in die Geschichte der gesamten Landwirtschaft nachvollziehen. Sie lässt sich als Mahnmal einer vorindustriel len, handwerklichen Landwirtschaft lesen, geprägt von großer Diversität im Weingarten und dem fehlenden Einsatz von fossiler Energie. Gleichzeitig ist sie aber auch Zeugin der Industrialisierung, in der die Hütte zum Wasserspeicher für die Produktion der verheißenden Gifte wird. Um dann schließlich Opfer ebendieser Industrialisierung zu werden, wegrationalisiert durch den Einsatz großer Maschinen, begleitet vom Anwachsen oder aber Aussterben der Betriebe. Neben dieser hier sehr zugespitzten Dimension der Geschichte der Landwirtschaft, wirft die Weingartenhütte aber auch architektonische Fragen auf. Zweckmäßige Architektur auf kleinstem Raum, Einflüsse von Umweltfaktoren und die spezifischen Voraussetzungen der Umgebung, etwa die urbane Dimension der Wiener Weingartenhütte sind nur einige davon.

Nicht zuletzt bleiben auch Fragen der zeitgenössischen Nutzung zu beantworten. Während manchen die verfallende Hütte als romantisch-pittoreskes Fotomotiv genügt, könnten auch andere Formen der Nutzung gedacht werden. Wie steht es um die Weingartenhütte als Rückzugsort vom modernen Leben, als kontemplativer Denkraum, wie bereits anfangs erwähnt? Oder pervertiert dieser Vorschlag die ursprüngliche Idee der Hütte, ist Ausdruck einer bürgerlich-intellektuellen Grenzüberschreitung? Wäre es stattdessen möglich, die Weingartenhütte in ihrer ursprünglichen Funktion als Ausgangspunkt einer neuen, kleinteilig-ökologischen landwirtschaftlichen Praxis zu denken? Oder ist sie schlicht und einfach in einem klassisch denkmalpflegerischen Sinn als historisches Dokument und Teil der Kulturlandschaft zu erhalten? Auch über den Abriss ließe sich diskutieren, hätte die Hütte nur noch Wert in Bezug auf die Gestaltung der Landschaft, so könnte man sie doch auch durch zeitgenössische Kunst ersetzen.

Eine weitere Form der Um- beziehungsweise Neunutzung ist bereits seit längerem gängige Praxis. Die Hütten werden als zunächst temporäre Ausschank genutzt, um mit der Zeit in permanente Heurigen umgewandelt zu werden. Damit einher geht immer wieder auch eine Erweiterung und Umgestaltung, oft entgegen geltender Auflagen des Landschaftsschutzes. Diese schon altbewährte Form der wilden Besiedelung wirft besonders in Wien auch städtebauliche Fragen auf.

Die Zugänge sind also vielfältig, eines ist jedoch klar: Die Weingartenhütten bieten Anlass für eine Vielzahl von Diskussionen. Und diese Diskussionen zu führen ist das erklärte Ziel dieses Sammelbandes. Während Auseinandersetzungen mit der Weingartenhütte in der Regel jedoch von Lokalkolorit und patriotisch-konservativer Nostalgie geprägt sind, im besten Fall Schauplatz eines Weinviertelkrimis, wirft der Sammelband einen neuen Blick auf diesen in seiner Reduktion fast einzigartigen Bautypus.

Beiträge jeglicher Art waren willkommen. Die Hütte wird in ihrer Typologie, sozialen und/oder ökologischen Funktion, als Konfliktzone gesellschaftlicher Auseinandersetzungen, als Ausgangspunkt historischer Bauforschung oder neuer architektonischer Ansätze und vielem mehr untersucht. Aber auch zu künstlerischen Arbeiten, Entwürfen, Zeichnungen und lyrischen Beiträgen hat die Weingartenhütte angeregt. Natürlich muss das Hauptaugenmerk auch nicht auf der Weingartenhütte selbst liegen. Vielmehr kann und soll sie als Ausgangspunkt für eine Fülle an Gedanken und Ideen verstanden werden, ohne jedoch eine Einschränkung darzustellen und abseits der schon beschrittenen Pfade neue Wege einzuschlagen.


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