Die Hütte als Denk-Katalysator

Über Sprachgrenzen und die Rhetorik des Schweigens

Aus dem Heft:

Über Sprachgrenzen und die Rhetorik des Schweigens

Impulsgebend für den vorliegenden Beitrag war ein Vortrag, der von Richard Heinrich im Wintersemester 2018 im Rahmen einer Ringvorlesung zum Thema Philosophie und Architektur gehalten wurde.
Für den Hinweis zu Heideggers Hütte möchten wir uns bei Fridolin Göbel bedanken.

Hält man an der (durchaus problematischen) Unterscheidung zwischen ana-
lytischer und kontinentaler Philosophie fest, muss das Jahr 1889 zweifellos als philosophiegeschichtlicher Scheidepunkt erscheinen, handelt es sich doch um das Geburtsjahr zweier Zentralakteure, deren Schriften mustergültig für je eine der beiden rivalisierenden Denkschulen sind. So sehr sich besagte Verschiedenheit in der abstrakten Sphäre der Theoriebildung manifestiert, so sehr lässt sie sich rückblickend auf lebensweltlicher Ebene nachverfolgen. Denn während der eine, Martin Heidegger (1889–1976), als ältester Spross einer katholischen Handwerkerfamilie nicht zuletzt aufgrund seiner offenen Anerkennung des Führerprinzips mit einer bedeutenden Stellung im hierarchischen Universitätsbau bedacht wurde, sah sich der andere, Ludwig Wittgenstein (1889–1951), als Kind eines assimilierten jüdischen Stahlmagnaten spätestens 1938 gezwungen, dem Kontinent endgültig den Rücken zu kehren. Doch scheint bei aller klassenbedingter sowie weltanschaulicher Differenz zumindest in einem Punkt weitgehende Einigkeit zu bestehen, nämlich hinsichtlich der Frage, an welchem Ort sich die intellektuelle Anschauung am besten systematisieren lässt. In beiden Fällen lautet die Antwort: an einem Schreibtisch, der an einem möglichst abgelegenen Ort über den Baumwipfeln steht. Bedauerlich nur, dass der hölzerne Denkschrein nicht einfach ungeschützt am Berghang Wurzeln schlagen kann, wo im Sommer grelles Sonnenlicht, im Winter Schneeverwehungen den sensiblen Geist des Gelehrten auf Irrwege führen. Nein (!), unter geschindelter Holzkonstruktion wird gedacht. Als Bautypus drängt sich unweigerlich die Hütte auf, deren Minimalkomfort jene intellek-tuelle Selbstkasteiung zu befriedigen verspricht, die schon den alten Kyniker Diogenes von Sinope dazu bewog, sein Dasein in einem Fass zu fristen.

Weitsicht – Einsicht – Einschicht
Wittgenstein, Norwegen und Kleinösterreich

Mehrfach kam Ludwig Wittgenstein im Laufe seines Lebens in den Genuss, von seiner norwegischen Hütte aus einen Blick auf den Eidsvatnet zu werfen – jenen kleinen See, der am Zipfel des längsten Fjordes Europas tief im Landesinneren liegt und dennoch zugleich mit der Weite des Atlantiks verbunden bleibt. Dort, in zivilisationsferner Abgeschiedenheit, konnte er sich ungestört in die eigene Denkarbeit vertiefen. Die Hütte fungierte dabei nicht nur als witterungsbeständiger Aussichtspunkt, von dem aus die Weitsicht Klarheit in den abstrakten Denkprozess bringen sollte. Im Falle Wittgensteins ist und war sie gleichermaßen eine architektonische Antithese zu einem ambitionierten Bauprojekt, das im rund 1500 Kilometer entfernten Wien Form annahm. Hier vereinten sich monolithische Primärformen zu einer großzügigen Stadtvilla, die sich an den ästhetischen und funktionalen Maßstäben der Moderne orientiert und als umfassende Materialisierung von Wittgensteins philosophischem Stil bewertet wird. Besonders deutlich sind in diesem Zusammenhang die vergleichenden Worte, die Wittgensteins Nachfolger Georg Henrik von Wright findet:

„Der Bau zeichnet sich durch das Fehlen jedweden Schmuckes und durch die
Strenge seiner Proportionen aus. Seine Schönheit ist von der gleichen einfachen und statischen Art wie es die Sätze im ‚Tractatus‘ sind […].“1

1 Georg Henrik von Wright, Biographische Betrachtung, in: Ludwig Wittgenstein /Schriften. Beiheft 1, Frankfurt am Main 1972, S. 82-99, hier S. 90.

Der ernste Gestaltungsanspruch, mit dem sich der studierte Maschineningeni-
eur zwischen 1926 und 1928 dem Bauvorhaben widmete, trägt geradezu selbstverständlich zur kultischen Verehrung Wittgensteins bei. Ehrfürchtig werden scheinbar unbedeutende Ausstattungselemente wie Heizkörper oder Türgriffe als reliktartige Beweisstücke eines analytischen Universalgenies angeführt:

„[ J]edes Fenster, jede Tür, jeden Riegel der Fenster, jeden Heizkörper [zeichnete Ludwig] mit einer Genauigkeit, als wären es Präzisionsinstrumente und in den edelsten Maßen, und er setzte dann mit seiner kompromisslosen Energie durch, dass die Dinge auch mit der gleichen Genauigkeit ausgeführt wurden […]“,2

2 Hermine Wittgenstein zitiert nach Jan Turnovský, Die Poetik eines Mauervorsprungs, Braunschweig 1987, S. 9.

schreibt Hermine Wittgenstein über ihren 15 Jahre jüngeren Bruder. Doch die Bewunderung reicht weit über die engeren familiären und freundschaftlichen Banden hinaus. Noch immer gilt das Haus in der Kundmanngasse 19 als eine Inkunabel der Wiener Moderne, die zu Fallstudien über das Verhältnis von Architektur und Philosophie im frühen 20. Jahrhundert anregt.
Weit geringer fällt dagegen das Interesse an der norwegischen Hütte aus, an
deren Planung Wittgenstein ebenfalls beteiligt gewesen sein dürfte. Ist auch
sie Manifest eines lösungsorientierten Forschungs- und Gestaltungsdranges
vergleichbar jener „hausgewordene[n] Logik“3, die als Wohnpalais für Marga-
rethe Stonborough-Wittgenstein im Dritten Wiener Gemeindebezirk errichtet
wurde? – Wohl kaum.

3 H. Wittgenstein zitiert nach Turnovský, 1987, S. 10.

Eher kommt ihr der funktionale Status eines spärlichen Denkrefugiums zu
Denn schließlich fanden in Skjolden die Vorarbeiten zu den beiden philoso-
phischen Hauptwerken statt: Dem Tractatus Logico-Philosophicus einerseits,
dessen theoretische Planung zwischen 1913 und 1914 auf norwegischem Boden ansetzte, sowie den Philosophischen Untersuchungen andererseits, die als zweites Hauptwerk gut 20 Jahre später am selben Ort konzeptualisiert wurden und die Basis für John Austins und John Searls sprechakttheoretische Studien bilden.
Insgesamt verbrachte Wittgenstein zwei längere Aufenthalte in Norwegen.
Biographisch gesehen, markiert die erste Episode, die den Fronterfahrungen des Ersten Weltkrieges vorausgeht, eine Art Ruhe vor dem Sturm. Bertrand Russell, Wittgensteins Mentor, erinnert sich an ein Gespräch mit dem Studenten, das im September 1913 stattfand und die Anziehungskraft verdeutlicht, welche Norwegen auf seinen österreichischen Freund ausübte:

„Then my Austrian, Wittgenstein, burst in like a whirlwind, just back from
Norway, and determined to return there at once to live in complete solitude
until he has solved all the problems of logic. I said it would be dark, and he said he hated daylight. I said it would be lonely, and he said he prostituted his mind talking to intelligent people. I said he was mad, and he said God preserve him from sanity.“4

4 Bertrand Russell zitiert nach Brian McGuinness, Wittgenstein. A Life. Young Ludwig 1889–1921, London 1988, S. 184.

In der norwegischen Einschicht, so scheint es, fand der Philosoph einen Ausweg aus dem geschäftigen Universitätsbetrieb, der von Störsignalen durchdrungen bleibt, die den autarken Denkprozess hemmten.
Zu einem zweiten längeren Aufenthalt sollte es kurz vor Beginn des Zweiten
Weltkrieges kommen. Auch diesmal erfüllte die Hütte eine Zufluchtsfunktion, nun allerdings unter gänzlich anderen politischen Vorzeichen. Denn mit dem steigenden politischen Einfluss der NSDAP gerieten die Wittgensteins angesichts ihrer jüdischen Vergangenheit immer stärker in Bedrängnis. In dieser prekären Situation bot das kleine norwegische Häuschen, das am steilen Seeufer wehrhaft aus dem Felsen hervorspringt, einen sicheren Hafen. Nichtsdestotrotz sollte den Philosophen auch hier, am äußersten Rande Europas, die eigene Identität auf eine höchst unsensible Art einholen. Denn unter den Einheimischen verbreitete sich für das kleine Fleckchen Land, auf dem 1914 das steinerne Hüttenfundament gelegt wurde, die informelle Bezeichnung Lille Østerrike.5

5 Sivert Thomas Ellingsen / Maria Seim, Utenfor Akademiet, in: Filosofisk supplement, Bd. 10, H. 4, 2014, S. 76-79, hier S. 76.

In einer tragischen Wendung des Schicksals wurde Wittgensteins norwegischer Nebenwohnsitz dadurch mit dem Namen jenes unwirtlichen Geburtslandes versehen, das sich gegen Ende der 1930er Jahre zunehmend gegen seine Familie wendete. Eine Zuspitzung erreichte die Lage als im März 1938 mit der Machtübernahme des Nationalsozialistischen Regimes die Nürnberger Gesetze auch in Österreich verankert wurden. Dadurch war eine juristische Grundlage gegeben, die den Staat zur strukturellen Entmachtung und systematischen Verfolgung der Wittgensteins berechtigte. Letztlich konnte die Familie Schlimmerem wohl nur durch die Aufwendung erheblicher Anteile ihres immensen Gesamtvermögens entgehen. Der Philosoph Wittgenstein sollte noch im Jahr 1938 die britische Staatsbürgerschaft beantragen.6

6 Über Geschichte und Schicksal der Familie Wittgenstein – Peter Eigner, Die Wittgensteins. Geschichte einer unglaublich reichen Familie, Wien 2023.

Auf dem Holzweg
Martin Heideggers fundamentale Hüttenontologie

1938 lehrte Martin Heidegger bereits seit zehn Jahren als Professor für Philo-
sophie an der Universität Freiburg. Lediglich 100 Kilometer von seinem Ge-
burtsort entfernt, nahm er wenige Jahre zuvor in einer Hütte im Schwarzwald
die Arbeit an seinen posthum veröffentlichten Schwarzen Heften auf. In ihnen gelangen neben ontologischen Reflexionen auch politische Gedanken zum Ausdruck, die häufig eine klar deutschnationale sowie antisemitische Stoßrichtung aufweisen. Die Frage nach der konkreten Beziehung, die zwischen Heidegger‘scher Seinsphilosophie und der judenfeindlichen Vernichtungsideologie des Nationalsozialismus besteht, wurde in jüngerer Vergangenheit eingehend von Peter Trawny bearbeitet, der am Denken des deutschen Philosophen einen „seinsgeschichtlichen Antisemitismus“ attestiert.7

7 Peter Trawny, Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung, Frankfurt am Main 2014.

Zentraler als die genaue politische Einordnung seiner Werke, soll im Folgenden der landschaftliche und bauliche Hintergrund sein, vor dem sich besagtes Denken entfaltete. Anders als Wittgenstein lässt Heidegger seine Hütte und ihre Umgebung in seinen eigenen Texten immer wieder sichtbar werden. Besonders eindrücklich gestaltet sich die Beschreibung in einem bündigen Aufsatz, in dem der Philosoph seine Entscheidung begründet, die Berufung zum Rektor der Universität Berlin abzulehnen. Einen der Hauptgründe bildet die tiefe, beinahe spirituelle Verbundenheit zu jener bäuerlichen Region, die Heidegger mit den folgenden Worten charakterisiert:

Am Steilhang eines weiten Hochtales des südlichen Schwarzwaldes steht in der Höhe von 1150 m eine kleine Skihütte. Im Grundriß mißt sie 6 zu 7 Meter. Das niedere Dach überdeckt 5 Räume: die Wohnküche, den Schlafraum und eine Studierzelle. In der engen Talsohle verstreut und am gleich steilen Gegenhang hängen breit hingelagert die Bauernhöfe mit dem großen überhängenden Dach. Den Hang hinauf ziehen die Matten und Weidflächen bis zum Wald mit seinen alten, hochragenden, dunklen Tannen. Über allem steht ein klarer Sommerhimmel, in dessen strahlenden Raum sich zwei Habichte in weiten Kreisen hinaufschrauben.8

8 Martin Heidegger, Schöpferische Landschaft. Warum bleiben wir in der Provinz?, in: Klostermann, Vittorio (Hg.): Aus der Erfahrung des Denkens 1910-1976, Frankfurt am Main 1983, S. 9–14, hier S. 9.

In schroffem Kontrast zur gespenstisch leeren Fjordlandschaft die Wittgensteins norwegischen genus loci kennzeichnet, ist Heideggers Schwarzwald-Hütte in einen stark bewirtschafteten Kulturraum eingebunden. Schon die im Untertitel gestellte Frage – Warum bleiben wir [!] in der Provinz? – legt nahe, dass sich Heidegger als Teil einer regionalen Gemeinschaft versteht. Letztere ist in besonderem Maße für jene Schöpferische Landschaft verantwortlich, die Titel und Anlass des Aufsatzes bildet. In zweifacher Hinsicht nämlich sorgt sie durch den beständigen Akt der Bebauung für eine spezifische Landschaftsprägung: Zum einen durch die Errichtung riesiger Schwarzwaldhöfe, die mit ihren weit auskragenden Dächern wie die zersprengten Glieder eines Archipels aus der steilen Gebirgslandschaft hervorspringen. Zum anderen gewinnt das Umland seinen
spezifischen Charakter durch die agrarwirtschaftlichen Prozesse, die als zweite
Bebauungsform im Einklang mit den Jahreszeiten das Blick- und Denkpano-
rama des Philosophen mitgestalten. Ein Umstand, den Heidegger mit großer
Wertschätzung anerkennt, wenn er schreibt, dass seine „ganze Arbeit […] von
der Welt dieser Berge und ihrer Bauern getragen und geführt […]“9 wird.

9 Heidegger 1983, S. 11.

Bäuerlich geprägt sind aber nicht nur die Landschaft und das durch sie beein-
flusste Denken. Auch die Innenausstattung der Hütte, die aus schlichten Holzmöbeln besteht, weist rustikale Züge auf.10

10 Für eine genaue Rekonstruktion – Adam Scharr, Heideggers’s Hut, Cambridge / London 2006.

Dem Eindruck behaglicher Spärlichkeit fügt sich der Rest der Einrichtung. Nur hier und da sind die hölzernen Wandflächen mit Schwarzweißfotografien oder kleinen gerahmten Bildchen behangen. Umso drastischer sticht als dekoratives Alleinstellungsmerkmal einfarbiges Portraitbildnis des deutschen Dichters Johann Peter Hebel (1760–1826) ins Auge. Im Stile der nördlichen Renaissance zeigt das Gemälde den Schriftsteller der Allemannischen Gedichte vor einer nach hinten verblauenden Naturidylle – ganz dem voralpinen Alpenpanorama entsprechend, das den favorisierten Denkort Heideggers bildet. Flankiert von einem musizierenden und einem lesenden Putto gebärdet Hebel sich im Gestus des inspirierten Dichters, wobei er den Zeigefinger der rechten Hand pathetisch über einem kleinen Büchlein emporstreckt.
Hebels Poesie steht in einer besonderen räumlichen Nähe zum Provinzsitz
des Philosophen. Erneut fungiert als Bindeglied die Landschaft des südlichen
Schwarzwaldes, der in den Texten des gebürtigen Schweizer Mundartdichters
ein literarisches Denkmal geschaffen wird. In einem Gedicht beschreibt Hebel
in aller Anschaulichkeit eine große Wiese, die unweit von Heideggers Hütte,
am Fuße des Feldberges entspringt.11

11 Heidegger erwähnt dies selbst in einer schwärmerischen Abhandlung über Hebel – Martin Heidegger, Hebel – Der Hausfreund, Pfullingen 1957.

Schon unter Zeitgenossen galt der Autor als lyrisches Schwergewicht, wovon unter anderem ein befremdliches Urteil Goethes zeugt, wonach Hebel es verstanden habe, das gesamte Universum auf die naivste und gleichsam anmutigste Weise „zu verbauern“12.

12 Originalformulierung Goethes zitiert nach Martin Heidegger, Hebel – Der Hausfreund, Pfullingen 1957.

Die besondere Wertschätzung für das Bäuerliche, die hierbei fassbar wird, spielt in Zusammenhang mit Heideggers Hütten-Dasein eine kaum überschätzbare Rolle. Wie bereits deutlich geworden sein dürfte, verstand dieser sich – anderes als Wittgenstein – ganz in der Rolle des teilnehmenden Beobachters. Sein Philosophieren dürfe nicht als „abseitige Beschäftigung eines Sonderlings“13 missverstanden werden.

13 Heidegger 1983, S. 10.

Vielmehr folge sie, wie die Forst- und Feldarbeit der umliegenden Höfe, dem Takt der Natur, die den Menschen als Urgewalt zum Tätigsein antreibt. Beispielsweise „[…] [w]enn in tiefer Winternacht ein wilder Schneesturm mit seinen Stößen um die Hütte rast und alles verhängt und verhüllt […]“14.

14 Ebd.

Mit dem Sturm, so schreibt Heidegger in seinem Aufsatz, zieht „die
hohe Zeit der Philosophie“15 über das Land herein.

15 Ebd.

Solche Rede erinnert unweigerlich an folkloristische Erzählungen über unheimliche Mächte, die während der Raunächte die Natur durchgeistern und Einzelnen einen prophetischen Wahrheitszugang versprechen.
Abseits der katalysierenden Wirkung welche die direkte Konfrontation mit
der Natur ermöglicht, scheint mit dem Hüttenleben ein bestimmter Habitus
einherzugehen, über den sich der Philosoph von der urbanen Bevölkerung
distinguiert. Letztere ließe sich häufig nur aus einem Gefühl der romantischen
Verklärung zu oberflächlichen Gesprächen mit den Einheimischen herab. Ganz anders Heidegger, der es verstünde, sich an jenem kollektiven Schweigen zu beteiligen, das seine Hütte scheinbar immer dann durchdrang, wenn man sich nach getaner Arbeit zur gemeinsamen Rast auf der Ofenbank oder im Herrgottswinkel einfand.16

16 Ebd.

Nur gelegentlich, so heißt es im Aufsatz über die Provinz, wird die Stille durch beiläufige Feststellungen unterbrochen: „daß [etwa] die Holzarbeit im Wald jetzt zu Ende geht, daß in der vorigen Nacht der Marder in den Hühnerstall einbrach, daß morgen vermutlich die eine Kuh kalben wird, daß den Oehmibauer der Schlag getroffen, daß das Wetter bald »umkehrt«.“17

17 Heidegger 1983, S. 11.

Doch nicht immer gestaltet sich der Gesprächsverlauf derart wortkarg. Als
prägende Episoden des Hütten-Daseins erwähnt Heidegger mehrere Begeg-
nungen mit einer alten Bäuerin, die sich mühsam den Steilhang hinaufbahnte,
um ihm alte Dorfgeschichten zu erzählen. In einem kurzen Absatz schildert
Heidegger, wie dieselbe Bäuerin „dem Herrn Professor“18 in der Stunde ihres
Todes einen letzten Gruß ausrichten ließ, mit dem Verweis, dass ihm ein der-
artiges Gedenken ungleich wertvoller erscheint, als jede akademische Anerken-
nung oder Ehrenfeier.19

18 Heidegger 1983, S. 12.

19 Ebd.

Von den Besuchen der Bäuerin führt der Pfad zurück zu
Hebel. Denn was den Gelehrten in ihren Bann riss, war nicht so sehr der Gehalt der Geschichten, als vielmehr die alten Begriffe und Sprüche, die den Inhalt formten. Nirgends wird diese volkssprachliche Begeisterung deutlicher als in einem kleinen Büchlein, das sich mit dem Dichter Hebel befasst. Darin schreibt Heidegger:

Wir könnten meinen, Hebels Dichtung sage, weil sie Dialektdichtung sei, nur
von einer beschränkten Welt. Man meint überdies, der Dialekt bleibe Miß-
handlung und Verunstaltung der Hoch- und Schriftsprache. Solches Meinen
irrt. Die Mundart ist der geheimnisvolle Quell jeder gewachsenen Sprache. Aus ihm strömt uns all das zu, was der Sprachgeist in sich birgt.20

20 Heidegger 1983, S. 10.

Der alten Bäuerin kommt vor diesem Hintergrund die Funktion eines Medi-
ums, das flüchtige Einblicke in eine urtümliche (Sprach-)Wirklichkeit eröffnet. Neben ihrer Einbettung in die Natur erlaubt die Hütte also einen direkten Anschluss an die archaischen Kommunikationskanäle einer verschwindenden Welt.
Als Treffpunkt der Geselligkeit stand ihre Tür jedoch nicht nur Einheimischen offen. Auch der eine oder andere „Städter“21 – wie Heidegger den modernen Stadtmenschen mit sichtbarem Vorurteil nennt – wurde empfangen, was angesichts der tiefen Furchen, die das Trauma des NS-Terrors hinterließ, zu unwahrscheinlichen Begegnungen führte.

21 Ebd.

Zu diesen eigentümlichen Besuchen zählt ein Treffen mit dem Lyriker Paul Celan, dessen konkreter Ablauf bis heute zu leidenschaftlichen Spekulationen anregt.22

22 Siehe dazu – George Steiner, Heidegger, abermals, in: Merkur, 1989, Bd. 480, H. 2, S. 93-102; Axel Gellhaus, Seit ein Gespräch wir sind. Paul Celan bei Martin Heidegger in Todtnauberg, Marbach am Neckar 2004; Hadrien France-Landord, Paul Celan und Martin Heidegger. Vom Sinn eines Gesprächs, Freiburg 2007; Hans Peter Kunisch, Todtnauberg. Die Geschichte von Paul Celan, Martin Heidegger und ihrer unmöglichen Begegnung, München 2020; etc.

Doch wenngleich der konkrete Inhalt der Gespräche nur fragmentarisch überliefert ist, darf angenommen werden, dass der Dialog von längeren Redepausen unterbrochen wurde. Offen bleibt, welche Intention dem Sprachverzicht zu Grunde liegt. Handelt es sich dabei um jene besondere Art der Stille, die Heidegger als wesentlichen Aspekt der provinziellen Gesprächskultur würdigt? Sind mit dem Schweigen im Sinne Wittgensteins die Grenzen des Sagbaren erreicht? Oder greift hier die Logik des Verschweigens? Ungeachtet der Frage, um welche konkrete Kategorie es
sich handelt, steht eines fest: Der Philosoph hat es versäumt, sich deutlich zu
seiner nationalsozialistischen Vergangenheit und der Schoah zu äußern.23

23 Steiner 1989, S. 102.

Und so lastet heute ein dunkler Schatten auf jenen saftigen Gräsern, die Hebel in aller Anschaulichkeit beschreibt.


Weiterlesen in