Lange haben wir überlegt, was am Beginn unserr neuen Ausgabe stehen soll. Warum nicht eines der vielen sprechenden Bilder unserer Beiträger*innen aufgreifen, um das zentrale Thema der Schachtel zu entfalten? Oder vielleicht besser doch auf den erläuternden Beipackzettel verzichten und das Material kommentrarlos für sich selbst Sprechen lassen?
Immerhin: Die Entscheidung gegen eine klassische Einleitung – wie sie etwa zahlreichen Sammelbänden vorausgeschickt wird – fiel recht rasch. Denn wie wäre ein solcher Text angesichts der konzeptuellen Offenheit der Schachtel und der daraus resultierenden Vielgestaltigkeit der vorliegenden Beiträge überhaupt zu gestalten? Wie ließe sich ein Faden von Kurt Lists poetischen Knäueln hinüber zu Wittgensteins Käferparabel spannen und von dort mit François-Rupert Carabins Büchse der Pandora verknüpfen?
Wer dem Versuch widersteht, nach sinnstiftenden Verbindungen und gedanklichen Anknüpfungspunkten Ausschau zu halten, wird bei der Betrachtung der vorliegenden Beiträge vor allem Unterschiede feststellen. Welch ein Gewinn, sagen wir! Denn wohnt der Schachtel, neben ihrer schematischen Funktion Dinge zu ordnen, nicht gerade jene wunderbare Kapazität inne, alles Mögliche, ja in manchen Situationen sogar das ansonsten Inkommensurable aufzunehmen.
Aber auch die Änderung des Formats setzt einen neuen Rahmen voraus: Anders als die erste Ausgabe der Hüttenschriften ist die zweite Ausgabe (nicht in erster Linie) für den Druck konzipiert. Sie ist damit auch nicht an jene vertrauten Ordnungslogiken gebunden, die den Aufbau eines gedruckten Buches strukturieren. Vielmehr entfalten sich ihre Einzelteile wie die ausklappbaren Seiten einer Schachtel im digitalen Raum. Entsprechend unstimmig erschien uns ein chronologisch oder thematisch gegliederter Einstieg, der die einzelnen Positionen dicht an dicht gestaffelt in kurzen Absätzen umreist. Nicht zuletzt deshalb, weil eine komprimierte Inhaltsangabe stets mit unvermeidbaren Verlusten und Verkürzungen einhergeht, die sich gerade im künstlerischen Bereich zu erheblichen Interpretationsschwierigkeiten und irreduziblen Übersetzungsproblemen ausformen können. (Aber liegt in derartigen Verfremdungen nicht auch der Reiz eines solchen Übersetzungsversuchs, der durchaus fruchtbare Erträge erzeugen kann?)
Gewiss, es wäre möglich, sich dem weitgefassten Konzept der Schachtel – dem (mehr oder weniger) losen Aufhänger dieser zweiten Ausgabe – über den konventionellen Weg einer thematischen Einführung anzunähern. Und gewiss wären auch schnell geeignete theoretische wie praktische Bezugspunkte gefunden, um den trügerischen Anschein einer inneren Logik zu vermitteln. Aber würde eine solche Annäherung nicht der ursprünglichen Intention widerstreben, einen möglichst weitläufigen Themenhorizont aufzufalten, ohne im Voraus schon eine bestimmte Perspektivierung vorzunehmen? Schlimmer noch: Läge ihr am Ende nicht vielleicht sogar ein eitles Streben nach intellektueller Selbstbehauptung zu Grunde?
So stand die Überlegung im Raum völlig unvermittelt einzusteigen und als Redaktionsteam gänzlich hinter die lektorierten Beiträge zurückzutreten. Doch erschien uns dieser Schritt vor allem eines zu erzeugen: Unaufrichtigkeit. Denn wäre es nicht nur unehrlich, sondern geradezu verlogen die Vorstellung zu erzeugen, die Schachtelschriften wären als Produkt eines gänzlich offenen, antihierarchischen und keinesfalls selektiven Prozesses zu verstehen? Gewiss, unser selbsterklärtes Ziel war es, einen solchen in die Wege zu leiten. Unser Selbstverständnis als Redaktionsteam sah dementsprechend vor, diesen Prozess zu begleiten, gegebenenfalls zu unterstützen, aber keinesfalls zu formen.
Aber tun wir nicht all das, was wir vermeiden wollten, im ersten Moment, in dem wir uns als Redaktionsteam verstehen? Und gibt es überhaupt einen hierarchischeren Gestus als die Entscheidung darüber, wann welcher Prozess in die Wege geleitet wird? Wohl kaum.
Gerade deshalb erscheint es uns notwendig, nicht zu verschweigen, sondern offenzulegen, unter welchen Bedingungen die Schachtelschriften entstanden sind. Denn wenn Hierarchie, Auswahl und Setzung unvermeidlich sind, dann liegt die einzig redliche Geste darin, sie sichtbar zu machen.
Der wohl erste Moment, in dem wir als Redaktionsteam unsere Macht unbewusst einsetzten, war jener der Themenwahl. Denn das vorgegebene Thema setzte den inhaltlichen Rahmen und schränkte damit den Spielraum der Beiträge von vornherein ein. Weiter erfolgte die Auswahl der Autor*innen aus unserem Umfeld. Zwar ermöglichte das, Perspektiven und Stimmen außerhalb des Redaktionsteams einzubeziehen, aber wie multiperspektivisch und divers kann eine Ansammlung von Texten sein, die innerhalb eines akademisch geprägten Milieus entsteht? Im Lektorat wurden Texte ausschließlich an derzeitig gültige sprachliche Normen angepasst. Aber sind nicht auch diese Eingriffe die individuellen Stimmen unserer Beiträger*innen?
Unter diesen Bedingungen blieb die angestrebte Offenheit unseres Projekts also nur teilweise erreichbar. Geben wir uns also der Tatsache hin, dass uns die Konzeption einer Sammlung von Beiträgen, die inklusiv, barrierefrei und antihierarchisch ist, zum aktuellen Zeitpunkt nicht möglich ist? Keinesfalls.
Aber warum an diesem Anspruch festhalten? Warum weiterhin von Offenheit sprechen, wenn sie sich scheinbar nicht vollständig umsetzen lässt? Weil wir unserem Ziel zumindest ein Stück näherkommen wollen, um es irgendwann vielleicht in erreichbarer Nähe zu wissen.
Und wer weiß, was sich dadurch in der nächsten Ausgabe entwickeln wird?