„Remember we share and always shall have our friends in the dream-life, i.e. your life so to speak, which will attract us for ever and ever, and so long as we have any friends sleeping in the material world; you to us are more like as we understand sleep, you look shut up as one in prison, and in order for us to get into communication with you, we have to enter into your sphere, as one like yourself, asleep.”
F. W. H. Myers, Human Personality and Its Survival of Bodily Death
“O nobly-born, if thou recognize not, and be frightened, then all the Peaceful Deities will shine forth in the shape of Mahā-Kāla; and all the Wrathful Deities will shine [forth] in the form of Dharma-Rāja, the Lord of Death; and thine own thought-forms becoming Illusions [or Māras], thou wilt wander into the Sangsāra.”
The Tibetan Book of the Dead (Bardo Thödol)
„Inmitten der harten Starrheit
vierfach umschloss’ner Mauern
richtet Er (der Tod) seinen Blick auf mich
—der Fratze des Schreckens entmaskt—
bis Wiedergeburt aufs Neue Besitz ergreifet.“
Was mir ein Engel während der Hypnopompie in griechischer Zunge diktierte — mit der Stimme und der gravitas Ezra Pounds.1
1Et cum dicto reserat pyxidem: nec quicquam ibi rerum nec formositas ulla, sed infernus somnus ac vere Stygius, qui statim coperculo revelatus invadit eam crassaque soporis nebula cunctis eius membris perfunditur et in ipso vestigio ipsaque semita coli lapsam possidet; et iacebat immobilis et nihil aliud quam dormiens cadaver. (Und als sie dies gesagt hatte, öffnete sie die Schatulle: nichts darin, keine Dinge, keine Schönheit, sondern ein höllischer Schlaf und wahrhaftig der Styx selbst, der, sobald der Deckel geöffnet wurde, sie überfiel und sie mit einem dichten Nebel des Schlafes erfüllte, der ihren ganzen Körper durchdrang; und sie fiel, auf dem Weg, wo sie stand, und der Schlaf ergriff sie.) Apuleius, Metamorphoses, VI, 21.
[…] Le Rêve est une seconde vie. Und jeder sekundäre Traum ist eine chthonische Larnax in einer zerbrechlichen Hülle; und jede halbgesprungene Schale birgt zahllose Archen, die unzählige, unendlich gebärende Träumchen in sich verbergen. Pytheas durchbrach die erste Hülle; und die seefahrenden Lusophonen, ebenso wie die tapferen Nachfahren des Pelagius aus dem Gebirgsland von Covadonga, zerschmetterten den Atlantik. Selbst die freigelassenen Helden der Neuen Welt und dieengelgleichen Aeronauten der Rodina Mat durchdrangen schließlich die unzugänglichen Wellen des himmlischen Gewölbes. Doch jenseits jeder unermesslichen Unendlichkeit scheint sich tatsächlich ein noch umfassenderes Unendliches zu verbergen: cellula in cellula. Liegt denn etwas jenseits des sich windenden Sternbildes des Walfisches ein noch unfassbarerer und sphinxhafterer Earendel, ein noch unergründlicheres Ultima Thule und eine entlegenere Frontier verborgen? Wie vermag jenes verheißungsvolle post omnia Oceanus, post Oceanum nihil noch Geltung zu behaupten, wenn sich unablässig ein noch ungeheureres Nichts unwiderruflich ausbreitet? Doch selbst ein solches winziges Einreißen des Schleiers des Musageten – obgleich in der tragischen Geistesabkehr dieser unwiderruflichen Traumkapsel die granitene Hand Gottes stets nach Westen weist, wie der Kalkstein von Ançã vor dem Tajo, und die sanftmütige Fortuna, göttlich getrieben, sowohl Kolumbus als auch Sulla zur traumgenerierenden Spalte jeder einzelnen Schale führt – bleibt stets eine Hybris. Und Kapaneus wird immer und immer wieder auf den ruinösen Zinnen der siebentorigen Kadmeia vom Blitz erschlagen werden; und der großmütige Greis-Donner wird stets im Würgegriff der Dike bei seinem letzten Speerstoß ins unendlich anmutende Gehäuse ersticken. Hier jedoch lauert auch die ruchloseste List in hac cellula creatoris: Während sich der innere Traum der Erde entfaltet – gleich der orthodoxen Kirche – in dieser paradoxen Walfangfahrt des Himeros zu unbekannten und unermesslichen Firmamenten bis hin zum halbsichtbaren Riss jeder reflektierenden Schale, brütet das ontogenetische Brechen der Hüllen die Melancholie aus und inkubiert die Entropie. So gebietet der überhimmlische Horos-Stauros; und der unerbittliche Leviathan muss unablässig toben, mit Krallen und Zähnen, auf dass er die undurchdringliche kayfabe2 bewahre. Kayfabe ist das wohlverschlossene Gefäß der Pandora, das den Freund und den Feind kosmologisch umgestaltet. Kayfabe ist die traumhafte Arche des Bundes, in der sich heiter die Lila und die Maya bergen. Kayfabe ist die überweltliche edle Lüge, die freudvoll Freundschaft und Eintracht neu gebiert. Kayfabe ist der verschlossene Traum, der in heiterer Weise die Verzauberung und das Apollinische spinnt. Die Translatio der Reliquien Karls des Großen ist kayfabe. Die Moskauer Hauptkirche der Streitkräfte ist kayfabe. Sebastião de Portugal ist kayfabe. Der Himmel des Xunzi ist kayfabe. Dukas Vatatzes ist kayfabe. Der Athos des Deinokrates ist kayfabe. Tlacaelel ist kayfabe. Das Schild des Tydäus ist kayfabe. Tordesillas ist kayfabe. Und die Prokypsis ist auch kayfabe. Doch Theatralität ist nicht kayfabe. Limbo Culture ist nicht kayfabe. Oblomowismus ist nicht kayfabe. Sklavenmoral ist nicht kayfabe. Lotosesserei ist nicht kayfabe. Neognostizismus ist nicht kayfabe. Philopsychia ist nicht kayfabe. Ningen-sengen ist nicht kayfabe. Und auch das Stack ist nicht kayfabe. Das kayfabe ist doch eine Art praktischer Fernsicht, die sich durch Handlung und Gewohnheit fundiert – denn μία γὰρ χελιδὼν ἔαρ οὐ ποιεῖ. Das kayfabe ist doch eine Art Mesotes und self-suggestion, die sich in der Imagination und im Ritual verwurzelt – denn una golondrina sola no hace verano. Und das kayfabe ist doch eine Art Polarstern und Himmelsbrücke, der das Irdische vertikal mit den Empfängern des Firmaments verbindet. VERUM EUM ERROREM TOLLERE, EST FABULAM OMNEM PERTURBARE.
2Kayfabe – hervorgegangen aus dem Staub der amerikanischen Jahrmärkte – ist kein bloßer Betrug, sondern ein ritueller Akt: die kultische Suspension des Unglaubens. Das Publikum weiß – und entscheidet sich, nicht zu wissen. Innerhalb des orchestrierten Kosmos des professionellen Wrestlings dient Kayfabe der Aufrechterhaltung einer alternativen Realität, in der choreografierte Gewalt, mythopoetische Rivalitäten und festgelegte Ausgänge als authentische Konflikte erscheinen. Was als Spektakel daherkommt, ist in Wahrheit ein semiotischer Schwur – ein pactum tacitum zwischen Darstellern und Zuschauern, stabilisiert durch Wiederholung, Stil und Pathos.
In einem gewissen Sinne ist die wahrhaftigste Gnosis keineswegs eine Errungenschaft der superbia, sondern allein göttliche Gnade und die Freigiebigkeit der Himmlischen; und so mögen auch die Dinge in dieser abgründigen Traumwelt stehen, die der tiefsinnige Schöpfer einstmals als eine edlere Urform dieses melancholischen Planeten des Schlafs inszeniert zu haben scheint. Der Traumkosmos ist kayfabe; und hier führt das vielgepriesene „think outside of the box“ nur selten zu erfreulichen Kunde.
EXEMPLI GRATΙA I [§3.]
„Trotz der luzidesten und intuitivsten Oneironautik – eingeleitet durch promethäische Wachsamkeit geistiger ἀπροσπάθεια und die vorsomniale Applikation von zwei bis drei okulären Tropfen alurgischer Säure – tritt der nebulöse Traumgott auf: Sobald die Beherrschung der Traumkörpergestaltung gelingt oder eine proteische Umstrukturierung jener halbgespenstischen Traumlandschaften erfolgt, reißt er einen sogleich perfid aus dem REM-Schlummer und spült heimtückisch zurück an die hypnopompischen Strände eines flüchtigeren und seichteren Traumgeschehens […]”
NO UPDATES AVAILABLE [§5.]
„Während der flüchtigen Autoskopie nach diesem nächtlichen Überlaufen in eine frühere Traumzelle – jenes nervendurchwirkte und fleischdurchstochene Gewand-Grab aus geronnenem Blut und nimmersatten Bakterien (sei es eine lüsterne Helminthiasis der anorganischen Materie oder ein fiebriges Anschwellen der lustvollen Körperlichkeit in einem ichsüchtigen Selbstbetrachtungswahn) spielt nur eine geringe Rolle in einer derart einbildungskräftigen Traumnavigation wie dieser. Denn je mehr die traumgenerierende Software dieser wohlphantasierenden Maschine aus abgenutztem Fleisch und versteinerten Kalkstäbe widerwillig, hin und wieder, selbst ein minimales Update von den wenigen verbliebenen überhimmlischen Servern empfängt, die vielleicht noch eine intuitive Installation irgendeiner traumknüpfenden Verbindung während des zufälligen Flusses dieses unwiderruflichen mors vitale zulassen, desto mehr verrottet die fragile und innerlich zerfressene Hardware hoffnungslos mit jedem irdischen Atemzug, um schließlich erneut unbeholfen in den schwindelerregenden und kinderfressenden Schlund dieser trügerischen Traumkiste zu stürzen.“
QUIERO DORMIR EL SUEÑO DE LAS MANZANAS [§6.]
„Dennoch tut ein mittäglicher Schlummer zwischen den gotischen Bögen der traumhaften Pantanassa der Gesundheit in der Tat wohl; und nach einer tiefen Siesta im Turmhaus der glorreichsten kolonialen Familie von Oneironauten – i.e., dem Hause Dreamlane3 – bedarf es gewöhnlich einer frommenEntzündung einer Traumtotenkerze in der hyperarkadischen Compostella4. So mag mein fleischgewordener Golem vielleicht diesen Traum erweckt haben – entweder, während die Schläge der Hämmer auf seinem Kopfe dröhnten, im eisigen Leichenschauhaus, wie auch Heym sagt – oder er mag ebenso gut traumversunken in einer scheinbaren Traumkapsel unter einem schläfrigen Apfelbaum schlummern, an einem frühen Nachmittag auf dem Campo San Polo – for not only the gondolas cost too much that year, sondern auch die überfüllten Vaporetti wegen des gefräßigen Recyclingmagens der ohrenscharfen Biennalisierung – wobei anfänglich eine Verfolgungsjagd simuliert wird, vielleicht traumhaft eine erotokomödiantische mit der goldbeinigen Esclarmonda – zwischen griechisch-römischen Ruinen, von Chrysafitissa bis zum irisierenden Posto di San Rocco.“
3Von der Insel Dreamlane’s, nahe der Grafschaft Nox oder Νύξ gelegen.
4Aus familiären Erwägungen haben sie – ungeachtet ihrer Romiosynē – den Glauben der Latiner angenommen.
DER PALAST DER DREAMLANE IM MUSENLAND AONIA [§8.]
„Der traumresidierende Hausherr, Herr J. Dreamlane der VII., der Engelbezwinger – es handelt sich um eine mir herzinnige väterliche Figur – ist Tag und Nacht bereit, ebenso wie sein koketter Traumsekretär (selbst ein gewandter Traumtechniker und erfahrener Traumfingerzauberer), mit blendender Eleganz aus seinem fein genähten Ärmel unzählige Büchlein und Kataloge hervorzuziehen: über die kayfabebildendsten und weltenschöpfendsten Risse, sei es über Pelargonien und Clavijo, sei es über Kaluga und Apollo 11. […] Diese derart traumkomprimierte Himmelsstadt aus labyrinthischen Steigungen und mondsichelförmigen Brücklein – irgendwo hinter der reglosen Akropolis von Gla – erscheint vornehmlich wie eine exzellente 3D-Modellierung der wohlphantasierten Entwürfe von de Vries; bisweilen maskiert sich jene halluzinogene Traumfeste listenreich in gescheckten und veilchenblauen Wolkenformationen: mal als übersättigte Simonopetra, mal als pixelgespenstertes Castel del Monte. Nur ein außergewöhnlich begabter Träumer – etwa jener sonnenglitzernde Friedrich II. von Hohenstaufen – hätte die syntaktische Struktur dieser entstellten Traumarchitektur mit unermesslicher Vorstellungskraft zu durchdringen vermocht. […]“
DAS KAYFABE GEGEN DEN BRUCH JEDER RAUMZEITLICHEN MASKΕ [§11.]
„Doch wisse: Jedes zerbrechliche Traumgehäuse ist auch eine halbzerstörte Maske; und jede traumgewobene Maske ist zugleich ein neugeborener Traum, der in sich unzählige Scherben von tausend maskentragenden Träumchen birgt. Eine bildtraumhafte Persona gebiert gewöhnlich ein persönliches Interior; und diese pseudobarocke Vorhalle reproduziert nahezu 1:1 den phantasmagorischen Planetensaal des Schlosses Eggenberg, obgleich sie bisweilen unbeholfen mit dem luftigen Terminal 1 des Flughafens Tarradellas in Barcelona verwechselt wird – in einem Zustand akuter nächtlicher Kenopsie. […] Dieses phantasmagorische Montségur träumt sich, gespensterbewohnt von einem Schwarm lebendiger Bilder zwischen himmelstrebenden und granitnen Felswänden; und dort findet sich stets etwas Sehenswertes. Die marmorbehangenen Traumwände hängen übel drapiert, überladen mit unzähligen vielfältigen Wappenschildern und konservierten Chimärenköpfen – ebenso wie Dutzende vergoldete Gewehre und tierblutige Armbrüste (jene göttliche arbalète à jalet inbegriffen, die der Großherzog der Toskana einst besaß) – für das traumverschlungene Zerbrechen jeder unendlich geformten Maske. In den expressionistischen Traumecken des pandädalischen Saals vermag man einige bislang weitgehend unbekannte Werke Francisco di Holandas zu träumen; und bisweilen mag man auf eine grelle zeitgenössische Kunstausstellung stoßen – wie damals, als das sternenübersäte Firmament sich wie ein herabgefallener Vorhang auf dem Karoboden krümmte und sich inspiriert Il cielo è caduto taufte […]“.
DER PATER FAMILIAS VERSUCHT, DAS KAYFABE ZU WAHREN – GLEICH THEODOROS METOCHITES [§13.]
„Nach dem düsteren Abendmahl und den gespenstischen Cembaloklängen im blaugrünen Zenith H725 verteilt der traumhafte Familienvater – der geistreiche Herr Jakob VII., der bis in die ferne Chapelle des Saint-Anges von Saint-Sulpice in leicht idealisierter Weise dargestellt wird und krankhaft von diesem traumgesponnenen Haus besessen ist (wie einst Romanos III. Argyros vom Kloster der Peribleptos ergriffen war) – heiter im schwebenden Triklinium: ein Glas traumzeugenden Weins von Lemnos, einige phantastische Nachbildungen der Hypnerotomachia Poliphili, worin die gartenwahnsinnigen Kunstgriffe jenes ruhmreichen Traumgartens ausführlich erklärt werden: »Die Wohnstätte liegt im erlesensten Teil der Stadt; die Stadt ruht im besten Teil des Himmels; und was diese Stadt für die ganze Erde bedeutet, das bedeutet diese Heimstatt für den Planeten der Träume.« […] »Denn hier liegt wahrlich die Macht, und nichts anderes als das Herz und die Lebensquelle der ganzen bewohnten Traumwelt, der gemeinsame Schatz menschlichen Wesens, der in Unbeschwertheit lebt, einem jeden stets reichlich gewährend und fortan gewähren wird, solange Gott das All zu bestehen wünscht.« […]“.
EXEMPLI GRATΙA II [§14.]
„Diese eklektische und traumphantastische Villa visualisiert kunstvoll selbst die wildesten Träume Lequeus; und diese ganze surreale Szenerie ahmt etwas vom phantasiereichen Sacro Bosco nach. In diesem piekfeinen Traumwirrwarr beobachtet mein persönlicher Virgil – der phantomhafte Ezra vom benachbarten San Michièl – wachsam und mit grimmiger Abscheu durch sein pittoreskes Gärtnerhäuschen; stets ist das Mobiltelefon stummgeschaltet, bei solch intellektuellen Traumversammlungen – und so teilt er mir telepathisch, als sähe ich’s auf einem LSD-Televisionsschirm im Parietallappen, mit: Unter all diesen wolkenwandlerischen, traumverrückten Gesellen, sei der melancholische Uriel längst aus diesem narzisstischen Fantasiegarten entschwebt; und wie der HERR die SUPERBIA stürzte, so müsse ich nun jede VANITAS zertrümmern […]“.
EINE NOTBEGEGNUNG MIT DEM AUGENARZT DER TRÄUME ODER EIN GELÖBNIS AN DIE PANAGIA VON SKRIPOU [§15]
„Dann öffnet der Traumgott ein für alle Mal jene elfenbeinernen Tore des mundus imaginalis; und alle ultravioletten Brechungen strömen abermals phantasmagorisch durch dieses träge Schlummerland. Wenn dir jedoch ein kürzlich hold Entschlafener rätselhaft zuraunt: Lies weniger Bücher und gehe mehr spazieren, dann solltest du entweder unverzüglich einen Eiltermin beim Augenarzt vereinbaren, oder am Gründonnerstag dem heiligen Riginos ein Opferbrot darbringen.“
DIE SCHWARZE KUKULLE DER SYNDERESIS [§17]
„Das ist auch traumverschwommen vorbeigezogen – und so, ohne allzu gewichtige Einwände und vernunftgeleitete Einreden – nach zahllosen pompösen Auf-und-Ab-Bewegungen und makabren Spielereien des verwöhnten Traumschicksals – setzte ich schließlich Kurs auf das geheimnisvolle Tierra Meiga im fernsten Iberien: auf das dicht bewaldete und smaragdgrüne Galaecia, Heimstätte der hochgewachsenen Söhne und schlanken Töchter des göttlich gesandten Breogán; auf das urwüchsig wilde und nebelverhangene Galiza, Land der listigen Magier und der dämonischen Ungeheuer des gehörnten Cernunnos; und auf das graublau schimmernde und vom Ozean umwehte Hyrkanien, das jenseits seiner granitzerklüfteten Grenzregionen des Abendlandes in träger Ruhe dahinträumt, verborgen hinter hellgrünen Flussmündungen und gleißenden Küsten aus weißen Sanddünen und mäanderförmigen Rías. Dort führte mich der Traum hin […].“
EINE TRAUMTOPOLOGIE DES DEMIURGISCHEN STACKS Ι [§17]
„An den fernsten Rías Baixas – jenseits aller granitiscnen Kaps und echsenartigen Gesteinsfalten des abendlichen Iberiens – dort, wo der schlaftrunkene und mittägliche Hyperion gleich einem heiteren, stundenspeisenden Spiegel halbverklärt über den blendenden Himmelsgewölben des atlantischen Gefüges schwebt; und wo sich die felsigen Auswüchse des blaugrünen und meerumrauschten Castro de Baroña majestätisch wie eine schwarztragende Akropolis aus den trägen Trümmern der dröhnenden Wellen erheben: vermag es trügerisch zu scheinen, sei es auch nur flüchtig, dass man sich endlich – und sei es nur teilweise – aus jenem unheilvollen und luziferischen Stack des löwenköpfigen Jaldabaoth zu lösen vermöchte, der schlangengleich diese verschlafene Planetensphäre umschlingt und kanibalisch verschlingt.“
EINE TRAUMTOPOLOGIE DES DEMIURGISCHEN STACKS ΙΙ [§18]
„Doch dieser brausende und mannhafte Ozean – der, gleichsam träge und dumpfdröhnend, in seiner meeresflächig-blaugewandeten Monotonie aus titanischen Spiegelungen und klippenhaften Schwankungen zusammenstürzt, dabei gemächlich all jene entrollten goldgestickten Adern aus sandigen Zungen und schroff abfallenden Küsten liebkost, bis hin zu den wässrigen Fäden des unaufgewickelten Miño und den graublauen Schuppen der westgotischen Wildwälder, die wohlwollend jene knöchernen Felsgebirge und halbaufgebrochenen Verknöcherungen der blaugrünen Rías Altas bis hin zum gottgefügten Monte Pindo bedecken – ist in Wahrheit nur eine erschaffene Form visueller ambient, wodurch man vermittels freier Reflexion das ersehnte Exit gleichsam geistig vollziehen und jener holographischen Superposition dieser teuflischen Noosphäre (und ihres raumzeitlichen Brainfogs) vorübergehend entgleiten vermag und die alles erst in böswilliger Verträumung umfängt.“
MORS DICIT: [§19]
„In dieser unerschöpflichen Traumschale hat mein grauhaariger Traumführer bereits die Richtung zum Dorsoduro gewechselt; und dort erhob sich erstmals mondbeschienen, gleichsam aus den ondas do mar de Vigo, die lächelnde und meergeborene Astraia – jene hyperkosmische und hyperboreische Königin Lupa; diese wiedertraumverkörperte Inês de Castro – die sich still ihr ozeandurchrauschtes Gemüt aus Morriña und himmlischem Himeros und ihr keltisches Blut aus sal e canela erträumt, wie die weißarmigen Jungfrauen der gorgonischen Camariñas (obgleich sie nur in ferner Trapezunt gottgesandt zu blühen scheint), während ihr glanzschönes Antlitz, genannt Hesychia, göttlicher strahlt als alles jenseits des großherzigen Cádiz […].“
ET IN GALIZA EGO [§20]
„Hier existiert tatsächlich kein Viktor Hufnagl; und das Kayfabe verharrt möglicherweise weiterhin eingeschlossen im opaken Traumei jener exzentrischen Sphären. Gewiss, inmitten dieses arkadischen locus amoenus aus unberührten Meeren und goldgeflochtenen Gestaden, sandte mir mein traumgesponner amor de lonh heiter in die maritime Unendlichkeit; da gewahrte ich mit neugieriger Umsicht: der schlafende Titan, nun blutig entkabelt über der zerborstenen Costa da Morte; jene blitzgewappnete Herminia, die in bulimischer Gier zwei verrottete Große Tümmler auf den leichentuchverhüllten Strand schleuderte […]“.
DOCH JEDER ERFAHRENE TRAUMSEGLER ERKENNT DANN VORAHNEND, DAß ER SICH NICHT MEHR AUF DER SCHLAFENDEN ERDE BEFINDET, SONDERN AUF DEN UNBEKANNTEN EXOPLANETEN DER TIEFENTRÄUME UNELMA-DRËMÜL TRANSLOZIERTE

Wie bekannt ist, vermag der initiierte Leser, sofern er eingehend mit der luziden Oneironautik vertraut ist, keinerlei digitale Aufzeichnungsgeräte (Mobiltelefone, Kamerasysteme etc.) zur präzisen Dokumentation von Phänomenen dieser tieferliegenden Schicht des Subliminal Self einzusetzen, wohingegen analoge Fotografieapparate – bei sachgemäßer Handhabung und nach Erteilung von Genehmigung und Autorisierung durch den Traumgott – für jeden Traumforscher während langfristiger Fieldwork durchaus gegenteilige Resultate zeitigen können.

Im vorliegenden Dokumentationsversuch der oneirischen Topographien der simulierten Küsten des Exoplaneten Unelma-Drëmül, wurde ein analoges Samsung-Gerät (Modell: Samsung Fino 60s 35mm; Film: Kodak UltraMax 400) eingesetzt.
Ebendieses ozeanische Nihil, erspähte voller Eros auch der Infant Henrique, der gottbegeistert die unbekannten Westen für den glückhaften Dom Manuel erkundete – jenen großherzigen Seefahrer und seine weltenzerreißenden Karavellen, die später der glorreiche Camões in persönlicher Duldung des gottentrückten Encoberto besang; während der Römer Andronikos – in Wahrheit kurzäugig eingeschlossen in einer früheren Traumhülle – zu Recht von zahllosen tiefsinnigen und weitsichtigen Gelehrtern für die verhängnisvolle Entmilitarisierung der Flotte gescholten wurde, was unweigerlich den traumzerstörerischsten Zusammenbruch des Ostens nach sich zog. Doch wie viele gottesfürchtige und scharfsinnige Männer mochten wohl ahnen, dass der gottgesandte Desejado ein für alle Mal jenseits des traumdurchwirkten Gartens der Hesperiden verschwinden und dass das gottgebaute und weitgespannte Hexamilion (welches das Kayfabe zumindest teilweise unerschütterlich bewahrte) hoffnungslos und endgültig einstürzen würde?
Unaufhörlich zu träumen, wie der selige Endymion, gebiert nämlich nicht automatisch dem göttlichen Riss jeder raumzeitlichen Täuschung – namentlich Mittelmeer, Atlantik, Himmel und Beobachtbares Universum – und kein imperialistischer Bruch einer früheren Traumhülle zeugt gewöhnlich auch die weltliche Eyphrosyne. Der ursprüngliche Absturz des urbildlichen Menschen gebar den anthropophagen Chronos, welcher jenen dämonischen Mechanismus der Adrasteia aus konzentrischen Kreisen – die nichts mehr als trugbildhafte Maskeraden sind – in Gang setzte, worin jeder zentrifugale Wille nach dem prometheischen Aufbruch eines jeden benachbarten Unendlichen innerhalb dieser geometrisch-kügelformigen Matrjoschka ringt: ein geträumtes Ei, eingeschachtelt in dem Traum eigenen Ei.
Das Kayfabe fungiert soteriologisch als eingeschlossener Traum eines jeden nachfolgenden Rings, der sich erhaben gegen jene traumaerzeugte Melancholie und die daraus katatonische Entropie widersetzt, die sich innerhalb der kosmischen Trümmer jedes zerbrochenen Traumgehäuses nach jedem vorherigen Bruch ausbrütet. Das Kayfabe ist ein verschlossener Traumkasten, der niemals geöffnet werden darf; und das Kayfabe ist jene eingeschlossene Traumschachtel der Kore, deren unheilvolle Zertrümmerung nichts als morschen infernus somnus und wahrhaft stygischen Schlummer entfesselt. Chi teme la morte è già morto; und einzig das Kayfabe tritt nunmehr dem Tode entgegen.