Raum klappen

Aus dem Heft:

Je nach Größe wird die Schachtel zum Schuhkarton, zur Behausung, zur allumfassenden Atmosphäre. Je nach Größe: und je nach Größe, der sich darin Befindenden oder der sich außerhalb Aufhaltenden. Die Schachtel wird in ihrer Größenabfolge zum Modell, zum Nachbau, zum Größenverhältnis. Ein Modell
eines Raumes.
Die kleine Schachtel in der Schachtel kann zum Abbild eines Raumes im Raum werden. Verschachtelt ineinander oder vielmehr: sich ins Kleine spiegelnd, sich ins Große projizierend. Zwei oder mehr Schachteln ineinander werden zu Nachbarschaften, zu einem Nebeneinander, zu einem Ineinander oder zu einem Gestapelt sein.
Gestapelte Räume, geschachtelte Räume, ineinander öffnende Räume oder sich verschließende Kapseln. Abgekapselte, geschichtete Räume. Und alle sind bewohnt.
Verhältnisse und Größen werden verschieden ineinander und aufeinander abgebildet, wie die kleine Schachtel in einer großen Schachtel ein Haus auf dem Planeten, in der Atmosphäre sein kann, oder eine Streichholzschachtel in einer Küchenschublade in einer Küche in einem Mehrparteienhaus, einem Hochhaus, einem U-Boot, einer Raumkapsel.
Die Schachtel ist ein gefaltetes, gekantetes, sich öffnendes und schließendes Gebilde. Geknickt im Raum, aufgefälzt zum Objekt, zum Raum, wird sie zu einer Kante im Raum, der Raum in der Kante und der Raum um die Kante – vielleicht auch nur der Raum wegen der Kante.
Sie wird zu einem Innen und Außen, zu einem Drinnen und Draußen.
In der Auseinandersetzung mit der Schachtel lese ich diese nun als kleine Raumkonfiguration, die Verkleinerungen und Vergrößerungen darstellen kann. In dieser Eigenschaft ist ihr ein transformatorisches Moment eingeschrieben, sie wird zum Raumvehikel. Sie wird tragbar, veränderbar, öffenbar und wieder verschließbar. Sie kann ihre Inhalte verändern, aber auch, je nach Position, ihren Umraum.
Das Modell ist Schachtel für eine Schachtel und in einer Schachtel, ein kleiner Raum für einen größeren Raum, Abbild, Umraum und Kopie. Ähnlich wie die Schachtel von einer planen Fläche zu einem Volumen werden kann, wird der Plan zu einem Raum, zu einem Haus, zu einer Architektur, zu einer Wohnung, zu einem Park, zu einem räumlichen Volumen, einem bewohnten Bewohnungs-Gebilde.
Das Blatt Papier wird gefalzt, gefaltet und geknüllt: ein Modell eines Raums und Raum. In der Relation zwischen dem Blatt, dem gefalteten Raumblatt und dem umgebenden Raum wird ineinander abgebildet, Erkenntnisse können voneinander erfahren werden, Größen gemessen und Räume miteinander gebildet werden.

Abbildung 1: Raumecke
Die Raumecke 1 kann in jeden beliebigen Raum transformiert werden und fungiert als Vergleichsobjekt: wie unterscheiden sich die beiden Ecken? Sie ist im Maßstab 1:1 gefertigt. Dieser Umstand hat zur Folge, dass ein direkter Größenvergleich möglich wird. Die transportable Wohnungsecke.
© Leonie Mühlegger 2025.

Abbildung 2: Grashalm, Hecke oder Wald
Statt ein zweidimensionaler Plan zu verbleiben, lässt sich der Park-Ausschnitt aufklappen und je nach Winkel kann der Wald als weite Lichtung oder kleine freie Fläche, umgeben von hohen Bäumen konfiguriert werden. Der Maßstab zeigt einen Miniwald.
© Leonie Mühlegger 2025.

Abbildung 3: Wohnfalte
Das Zimmer mit Sofa, Teppich und Regal bietet Leserinnen, Schläfer
innen und Sterne-Beobachter*innen Platz. Mit hochgeklappten
Wänden können Fenster, Türen und weitere Öffnungen platziert
werden. Im Maßstab 1:100 kann die Raumecke sowohl in Bilderbücher,
Stadtpläne oder auch Architekturmodelle einziehen.
© Leonie Mühlegger 2025.

Abbildung 4: Tischecke
Geknickt und gefaltet schmiegt sich die Tischecke an jeden rechtwinkeligen
Tisch. Der Raum unter dem Tisch wird zum gedachten abgeschlossenen
Gebilde, die Oberfläche zur Projektionsfläche. Maserungen
können in 1:1 verglichen werden.
© Leonie Mühlegger 2025.

Abbildung 5: Auf Sicht
Mittels Kante können zwei Segmente voneinander geteilt werden, oder
durch Auseinanderziehen miteinander verbunden werden. Die Kante
kann als Berg, Zaun, Blitz oder sich hineinschiebende Fälzung verstanden
werden. Weitere Faltungen können entstehen. Kleine Bergdörfer, Illustrationen im Buch oder Schachteln von oben: die Objekte können alles werden.
© Leonie Mühlegger 2025.

Abbildung 6:Transportierter Kaffeefleck.
Die Kaffeeecke wird dauerhaft in ein anderes Medium übertragen und
wird zum See, lässt neue Wölbungen entstehen, zeichnet Grenzen,
malt Farben und kann überdeckt oder aufgedeckt werden.
© Leonie Mühlegger 2025.

Abbildung 7: geknüllt
Verworfene Faltung, ins hundertfache vermehrt. Nicht jeder Entwurf
bleibt. Der Raum im Knäuel wird zum komplexen Beziehungsgeflecht,
der Raum drum herum wird gekrümmt. Aufgefaltet wird das Knäuel
wieder zugänglich und durchschaubar.
© Leonie Mühlegger 2025.

Abbildung 8: Unendlich
Die Ecke, das Fragment kann als Fenster, Spalte, Felsritze, Zeltöffnung,
oder Raumstation-Türspalt gesehen werden. Intendierte und
zufällige Auslassungen werden zur Materie, die Farbe wird zum Nichts
und All.
© Leonie Mühlegger 2025.


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