{"id":10,"date":"2024-08-01T01:00:11","date_gmt":"2024-08-01T01:00:11","guid":{"rendered":"https:\/\/huettenschriften.at\/?p=10"},"modified":"2025-11-28T09:14:17","modified_gmt":"2025-11-28T09:14:17","slug":"die-zeilen-entlang-zur-huette","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/huettenschriften\/10\/","title":{"rendered":"Die Zeilen entlang zur H\u00fctte"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\">Le Corbusiers Cabanon in Roquebrune-Cap-Martin, Martin Heideggers H\u00fctte am Todtnauberg, Ludwig Wittgensteins H\u00fctte am Rande des tiefsten Fjords Europas. Als Anziehungspunkt in Literatur und Geschichte galt die H\u00fctte lange Zeit als Domizil und R\u00fcckzugsort verschiedenster m\u00e4nnlicher Protagonisten. Sie werden scheinbar magisch angezogen vom Zauber der Einsamkeit und der Kargheit der H\u00fctte. Aber auch Marie Antoinette, die ber\u00fchmte, auch dem Backwerk nicht abgeneigte K\u00f6nigin des absolutistischen Frankreichs, lie\u00df sich, von Rousseaus Schriften inspiriert, einen Bauernhof inmitten von Versailles errichten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Abseits dieser Pers\u00f6nlichkeiten und ihrer H\u00fctten sollen hier aber im gleichen Atemzug auch Bergh\u00fctten, Schreberg\u00e4rten und einsame Tiny Houses als Zufluchtsorte und moderne H\u00fctten erw\u00e4hnt werden, die nicht nur eine Erweiterung des Begriffs, sondern auch des Publikums darstellen. Und doch sind es die selben Motive, die mit Bergsteiger und Almdudler ausgestattete Wanderer:innen, Gartenzwerge liebende Pensionist:innen und Sinn suchende St\u00e4dter:innen zu ihren jeweiligen H\u00fctten treibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Auch Hans Peter G\u00f6bel zieht es regelm\u00e4\u00dfig zu seinen H\u00fctten. Aber nicht zu irgendwelchen H\u00fctten, es zieht ihn zu den Weingartenh\u00fctten. Diese spezifische Bauaufgabe, gekennzeichnet durch einen ausgepr\u00e4gten Funktionalismus, l\u00e4sst sich nicht durch die sentimentalische Sehnsucht nach R\u00fcckzug und Kontemplation denkender Individuen fassen. Auch der in \u00dcberlegungen zur H\u00fctte schon beinahe inflation\u00e4r gebrauchte Topos der Urh\u00fctte reicht sicher nicht aus. Vielmehr scheinen deutlich schlichtere Charakterisierungen, wie jene von Lenz Moser, einem der Wegbereiter des modernen Weinbaus in \u00d6sterreich, aufschlussreich:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left has-medium-font-size\">&#8222;Bei allen gr\u00f6\u00dferen Grundst\u00fccken wird es notwendig sein, eine Unterkunftsh\u00fctte aufzuschlagen; diese wird man meist so errichten, da\u00df sie dauernd stehen bleiben kann. Sie dient zur Unterbringung der Arbeitsger\u00e4te und als Sammelbecken f\u00fcr das Regenwasser.&#8220;<sup>1<\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>1 Lenz Moser, Weinbau einmal anders. Ein Weinbauhandbuch f\u00fcr den fortschrittlichen Weinbauern, Rohrendorf bei Krems 1950, S. 33.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Lagerraum, Unterstand und, sp\u00e4testens mit der Industrialisierung der Landwirtschaft, die M\u00f6glichkeit der Wasserspeicherung f\u00fcr das Anr\u00fchren von Spritzmitteln sind (oder waren) zentrale Aufgaben der H\u00fcttenarchitektur. Hinzu kam in fr\u00fcheren Zeiten die Notwendigkeit eines Weingartenh\u00fcters, der ebenso in der H\u00fctte Quartier bezog und die reifen Trauben vor humanen und non-humanen Fressfeinden bewahren sollte. In ihrer Materialit\u00e4t orientieren sich die H\u00fctten oft an ihrer Umgebung und der Verf\u00fcgbarkeit von Baumaterial. So finden sich in der Wachau beispielsweise \u00e4ltere H\u00fctten aus Stein, w\u00e4hrend im Wiener Raum mit wiederverwendeten Materialien wie Holz und Wellblech gebaut wird. Trotzdem ist nach Lenz Moser auch die Errichtung der Weingartenh\u00fctte von gestalterischen Fragen gepr\u00e4gt:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">&#8222;In ihrer baulichen Ausgestaltung m\u00fcssen sich diese Weingartenh\u00e4uschen m\u00f6glichst unauff\u00e4llig in das Landschaftsbild einf\u00fcgen. [&#8230;] Nur an besonders sch\u00f6nen Punkten sollen sie hervortreten, sie m\u00fcssen dann aber auch in ihrem gesamten Aufbau sehr sorgf\u00e4ltig und mit Ueberlegung ausgef\u00fchrt werden. Es mu\u00df auf jeden Fall vermieden werden, da\u00df die klaren Linien unserer Weing\u00e4rten durch m\u00f6glichst viele in die Augen springende und grell gef\u00e4rbte Weingartenh\u00fctten unterbrochen werden. Nichts st\u00f6rt das Gesamtbild mehr als eine Anzahl solcher, nach den verschiedensten Baustilen, oft auch ganz ohne Stil, gebauter Weingartenh\u00fctten.&#8220;<sup>2<\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>2 Lenz Moser, Weinbau einmal anders. Ein Weinbauhandbuch f\u00fcr den fortschrittlichen Weinbauern, Rohrendorf bei Krems 1950, S. 36.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Vielleicht zeichnet sich auch hier das Streben nach einer funktionalen Architektur, dessen wichtigste Aufgabe die Wassergewinnung zur Spritzmittelherstellung ist, ab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Auch bei \u00e4lteren Weingartenh\u00fctten l\u00e4sst sich eine gewisse Reduktion in Gestaltung und Konstruktion beobachten, sicher auch der Verf\u00fcgbarkeit von Ressourcen und der praktischen Natur der Bauaufgabe geschuldet. Gleichzeitig entwickelten sich aber auch eigene Br\u00e4uche, die gestalterisch Ausdruck finden. So werden etwa zu Beginn der Dienstzeit der Weingartenh\u00fcter die H\u00fctten mit H\u00fcterb\u00e4umen oder Kreuzen aus Stroh geschm\u00fcckt, um auf die Anwesenheit eines H\u00fcters hinzuweisen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Immer noch tragen die Weingartenh\u00fctten wesentlich zum Landschaftsbild vieler Weinbauregionen bei, trotz der Forderung nach ihrer Unauff\u00e4lligkeit. In ihrer Nutzung sind sie aber nur noch ein Schatten ihrer selbst. Die meisten verfallen, bestenfalls als Lagerraum f\u00fcr selten gebrauchtes Arbeitsmaterial genutzt. Auch in ihrer Funktion als Unterstand oder Pausenort f\u00fcr die Arbeiter:innen in den Weing\u00e4rten werden sie kaum noch genutzt. Hat die Weingartenh\u00fctte also ausgedient? Und wenn ja, wieso weiter dar\u00fcber nachdenken? Gerade in ihrer historischen Dimension l\u00e4sst sich anhand der Weingartenh\u00fctte eine Geschichte des Weinbaus, eingebettet in die Geschichte der gesamten Landwirtschaft nachvollziehen. Sie l\u00e4sst sich als Mahnmal einer vorindustriel len, handwerklichen Landwirtschaft lesen, gepr\u00e4gt von gro\u00dfer Diversit\u00e4t im Weingarten und dem fehlenden Einsatz von fossiler Energie. Gleichzeitig ist sie aber auch Zeugin der Industrialisierung, in der die H\u00fctte zum Wasserspeicher f\u00fcr die Produktion der verhei\u00dfenden Gifte wird. Um dann schlie\u00dflich Opfer ebendieser Industrialisierung zu werden, wegrationalisiert durch den Einsatz gro\u00dfer Maschinen, begleitet vom Anwachsen oder aber Aussterben der Betriebe. Neben dieser hier sehr zugespitzten Dimension der Geschichte der Landwirtschaft, wirft die Weingartenh\u00fctte aber auch architektonische Fragen auf. Zweckm\u00e4\u00dfige Architektur auf kleinstem Raum, Einfl\u00fcsse von Umweltfaktoren und die spezifischen Voraussetzungen der Umgebung, etwa die urbane Dimension der Wiener Weingartenh\u00fctte sind nur einige davon.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Nicht zuletzt bleiben auch Fragen der zeitgen\u00f6ssischen Nutzung zu beantworten. W\u00e4hrend manchen die verfallende H\u00fctte als romantisch-pittoreskes Fotomotiv gen\u00fcgt, k\u00f6nnten auch andere Formen der Nutzung gedacht werden. Wie steht es um die Weingartenh\u00fctte als R\u00fcckzugsort vom modernen Leben, als kontemplativer Denkraum, wie bereits anfangs erw\u00e4hnt? Oder pervertiert dieser Vorschlag die urspr\u00fcngliche Idee der H\u00fctte, ist Ausdruck einer b\u00fcrgerlich-intellektuellen Grenz\u00fcberschreitung? W\u00e4re es stattdessen m\u00f6glich, die Weingartenh\u00fctte in ihrer urspr\u00fcnglichen Funktion als Ausgangspunkt einer neuen, kleinteilig-\u00f6kologischen landwirtschaftlichen Praxis zu denken? Oder ist sie schlicht und einfach in einem klassisch denkmalpflegerischen Sinn als historisches Dokument und Teil der Kulturlandschaft zu erhalten? Auch \u00fcber den Abriss lie\u00dfe sich diskutieren, h\u00e4tte die H\u00fctte nur noch Wert in Bezug auf die Gestaltung der Landschaft, so k\u00f6nnte man sie doch auch durch zeitgen\u00f6ssische Kunst ersetzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Eine weitere Form der Um- beziehungsweise Neunutzung ist bereits seit l\u00e4ngerem g\u00e4ngige Praxis. Die H\u00fctten werden als zun\u00e4chst tempor\u00e4re Ausschank genutzt, um mit der Zeit in permanente Heurigen umgewandelt zu werden. Damit einher geht immer wieder auch eine Erweiterung und Umgestaltung, oft entgegen geltender Auflagen des Landschaftsschutzes. Diese schon altbew\u00e4hrte Form der wilden Besiedelung wirft besonders in Wien auch st\u00e4dtebauliche Fragen auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Die Zug\u00e4nge sind also vielf\u00e4ltig, eines ist jedoch klar: Die Weingartenh\u00fctten bieten Anlass f\u00fcr eine Vielzahl von Diskussionen. Und diese Diskussionen zu f\u00fchren ist das erkl\u00e4rte Ziel dieses Sammelbandes. W\u00e4hrend Auseinandersetzungen mit der Weingartenh\u00fctte in der Regel jedoch von Lokalkolorit und patriotisch-konservativer Nostalgie gepr\u00e4gt sind, im besten Fall Schauplatz eines Weinviertelkrimis, wirft der Sammelband einen neuen Blick auf diesen in seiner Reduktion fast einzigartigen Bautypus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Beitr\u00e4ge jeglicher Art waren willkommen. Die H\u00fctte wird in ihrer Typologie, sozialen und\/oder \u00f6kologischen Funktion, als Konfliktzone gesellschaftlicher Auseinandersetzungen, als Ausgangspunkt historischer Bauforschung oder neuer architektonischer Ans\u00e4tze und vielem mehr untersucht. Aber auch zu k\u00fcnstlerischen Arbeiten, Entw\u00fcrfen, Zeichnungen und lyrischen Beitr\u00e4gen hat die Weingartenh\u00fctte angeregt. Nat\u00fcrlich muss das Hauptaugenmerk auch nicht auf der Weingartenh\u00fctte selbst liegen. Vielmehr kann und soll sie als Ausgangspunkt f\u00fcr eine F\u00fclle an Gedanken und Ideen verstanden werden, ohne jedoch eine Einschr\u00e4nkung darzustellen und abseits der schon beschrittenen Pfade neue Wege einzuschlagen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Le Corbusiers Cabanon in Roquebrune-Cap-Martin, Martin Heideggers H\u00fctte am Todtnauberg, Ludwig Wittgensteins H\u00fctte am Rande des tiefsten Fjords Europas. 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