{"id":130,"date":"2024-08-01T10:00:00","date_gmt":"2024-08-01T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/huettenschriften.at\/?p=130"},"modified":"2025-11-28T09:18:34","modified_gmt":"2025-11-28T09:18:34","slug":"verhuettelung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/huettenschriften\/130\/","title":{"rendered":"Verh\u00fcttelungen"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich habe mir vorgenommen, ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Verh\u00fcttelung zu schreiben. Daf\u00fcr gab es zun\u00e4chst zwei Gr\u00fcnde. Zuerst der fast schon etwas platte Wortwitz im Zusammenhang dieses der H\u00fctte gewidmeten Sammelbandes. Vor allem aber die in der Gesellschaft fast einhellige Ablehnung gegen eine die Landschaft verstellende, den Boden versiegelnde, Ressourcen verschlingende, einem traditionellen Familienbild verhaftete Form der Architektur.<br>Diese Form von Einigkeit reizt zum Widerspruch. Dabei schienen mir einige Faktoren in die H\u00e4nde zu spielen. Bei dem Ziel der Kritik der Anderen handelt es sich meist um eine in seinen extremsten Ausw\u00fcchsen von Kirschlorbeerhecken eingez\u00e4unten Form des Wohnens, dem Einfamilienhaus. Der Gegenstand meines Pl\u00e4doyers ist aber eine Architektur des b\u00e4uerlichen Arbeitens, die Weingartenh\u00fctte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Weingartenh\u00fctte, oder allgemeiner, die landwirtschaftlich genutzte H\u00fctte, am Besten gezeichnet von Wind und Wetter und in m\u00f6glichst rustikalem Design, wird allerdings meist ohnehin als eine Bereicherung der Landschaft wahrgenommen. Der Vergleich mit der Ruine dr\u00e4ngt sich auf, die Spuren der Witterung scheinen ein entscheidender Faktor f\u00fcr die breite \u00e4sthetische Akzeptanz zu sein.<sup>1<\/sup> Selbst die noch nicht ganz dem Verfall preisgegebene H\u00fctte ben\u00f6tigt zumindest deutliche Spuren des Alterns, um allgemein als schm\u00fcckend empfunden zu werden. Hier aber offenbart sich ein zentrales Problem. Das malerische Loch im Dach, die schief h\u00e4ngende und deshalb nicht mehr verschlie\u00dfbare T\u00fcr, die langsame Eroberung durch Flora und Fauna, all das behindern, ja verunm\u00f6glichen die Nutzung der H\u00fcttenarchitekturen.<br>Doch hier soll es ohnehin nicht um die romantische Verkl\u00e4rung der (ruin\u00f6sen) H\u00fctten als Decorum ruraler Landschaften gehen. Es handelt sich schlie\u00dflich um ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Verh\u00fcttelung.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>1 F\u00fcr eine umfassende Analyse der \u00e4sthetischen Besonderheiten der Ruine siehe etwa Georg Simmel, Die Ruine, in: Philosophische Kultur. Gesammelte Essais von Georg Simmel, Leipzig 1911.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Doch warum eigentlich? Die bestehenden H\u00fctten, ob verfallen oder genutzt, scheinen niemanden zu st\u00f6ren und die Neuerrichtung solch kleiner, prim\u00e4r landwirtschaftlich genutzter Architekturen stellt sicher die Ausnahme dar.<sup>2<\/sup> Gerade um die Neuerrichtung geht es aber bei der Verh\u00fcttelung.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>2 Sp\u00e4testens an dieser Stelle w\u00e4re eine Definition der H\u00fctte angebracht. Im Zusammenhang dieses Textes ist von kleinen, dem Arbeiten gewidmeten Errichtungen die Rede, die im Normalfall auch nicht \u00fcber Strom, Wasseranschluss oder Sanit\u00e4ranlagen verf\u00fcgen. Die meisten dieser H\u00fctten bestehen aus nur einem unbeheizten Raum und dienen der Lagerung und der Rast.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Man k\u00f6nnte sich viele Argumente f\u00fcr eine Neuerrichtung von (Weingarten-)H\u00fctten zurecht legen. So l\u00e4sst sich beispielsweise mit ihrer Nachhaltigkeit argumentieren. Denn die H\u00fctten sind klein und oft aus wiederverwendeten oder zumindest einfachen Materialien errichtet. Da die meisten H\u00fctten Regenwasser sammeln, ist auch die Bodenversiegelung kein allzu gro\u00dfes Problem.<br>Das entscheidende Argument f\u00fcr eine Neuerrichtung muss sich aber auch dem zentralen Problem der N\u00fctzlichkeit widmen, denn wird die H\u00fctte nicht genutzt, gibt es meiner Meinung nach keinen Grund f\u00fcr eine Neuerrichtung. Sieht man von der Nutzung als Ausschank, m\u00f6glicherweise mit einem etwas abseits gelegenen Mobiklo, einmal ab, so bleibt die urspr\u00fcngliche landwirtschaftliche Nutzung als naheliegendste Option.<br>Wieso aber sollte man eine offensichtlich aus der Mode gekommene, den zeitgen\u00f6ssischen landwirtschaftlichen Produktionsmethoden nicht mehr angemessene Zweckarchitektur wiederbeleben?<\/p>\n\n\n\n<p>Zumindest im Weinbau hat die H\u00fctte erst seit wenigen Jahrzehnten ihre integrale Bedeutung verloren. Noch in den F\u00fcnfzigern beschreibt sie Lenz Moser als unerl\u00e4sslich f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere Weingartenanlagen. Allerdings dient sie dort nur noch einem zentralen Zweck, der Wasserspeicherung zum Anmischen von Spritzmitteln. Gemeinsam mit Neuerungen wie der Abkehr von der Stockkultur und der Anpassung der Zeilenbreite f\u00fcr die Bearbeitung mit schweren Maschinen steht sie also schon ganz im Zeichen einer industrialisierten Landwirtschaft.<sup>3<\/sup> Damit hat die H\u00fctte an sich also schon ihren Zenit \u00fcberschritten, denn allein als Zugang zu (Regen-)Wasser ist sie unzweckm\u00e4\u00dfig. Auch ihre anderen Vorteile, wie die M\u00f6glichzeit zur Rast oder der Lagerung von Arbeitsmaterial ist durch eine meist kurze Fahrt mit dem Auto oder Traktor zur\u00fcck zum Hof obsolet geworden. Statt also Rat bei Lenz Moser zu suchen und den unweigerlichen Pfad hin zur industrialisierten Landwirtschaft einzuschlagen, m\u00f6chte ich eine Alternative vorschlagen und die urspr\u00fcngliche Nutzung genauer betrachten.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>3 Lenz Moser, Weinbau einmal anders. Ein Weinbauhandbuch f\u00fcr den fortschrittlichen Weinbauern, Rohrendorf bei Krems 1950, zur Weingartenh\u00fctte v.A. S. 33ff.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Schon vor Lenz Moser spielt die Wasserspeicherung eine Rolle f\u00fcr die Bewirtschaftung der Weing\u00e4rten und daher auch f\u00fcr die dazugeh\u00f6rige H\u00fctte. Da aber die Weing\u00e4rten mit Pferdefuhrwerken oder zu Fu\u00df erreicht wurden, sind andere Faktoren mindestens ebenso wichtig. Um das Gep\u00e4ck auf ein Minimum zu reduzieren, lohnte es sich, alles Arbeitsmaterial in oder bei der H\u00fctte lagern zu k\u00f6nnen. Weiters ist ein Rastplatz von gro\u00dfer Bedeutung, um den ganzen Tag im Garten verbringen zu k\u00f6nnen. Zum Schutz vor Wind und Wetter ist also ein \u00fcberdachter Bereich hilfreich, m\u00f6glicherweise auch ein Platz in der H\u00fctte selbst. Weiters sollte es besonders an hei\u00dfen Tagen einen Baum geben, der Schatten spendet. Bei diesem handelte es sich meist um einen Obst- oder Nussbaum, da so auch Fr\u00fcchte genutzt werden konnten. Hatten die Nachbar:innen andere Baumarten gepflanzt, konnten die Fr\u00fcchte im Verlauf der Saison geteilt werden, so dass es den ganzen Sommer lang frisches Obst gab. Waln\u00fcsse hatten den Vorteil, nicht nur lagerbar zu sein, sondern durch die \u00e4therischen \u00d6le in den Bl\u00e4ttern auch M\u00fccken fern zu halten. W\u00e4hrend die Weing\u00e4rten heute meist einer Monokultur entsprechen, wurden noch vor einigen Jahrzehnten Erd\u00e4pfel, Zwiebel, Knoblauch, K\u00fcrbisse, Bohnen und vieles mehr angebaut, wof\u00fcr erneut die H\u00fctte eine entscheidende Infrastruktur bot.<sup>4<\/sup> So lie\u00dfen sich im Inneren oder unter dem Vordach Lebensmittel trocknen, einige H\u00fctten waren auch mit Erdkellern zur Lagerung von Wein aber auch zur Lagerung von Gem\u00fcse ausgestattet.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>4 Auch die Bezeichnung Wein-Garten bekommt in diesem Zusammenhang eine ganz andere Bedeutung.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die H\u00fctte kann in diesem Sinne als Nukleus einer kleinteiligen, auf Handarbeit basierten Landwirtschaft gedacht werden. Dabei ist die vermeintliche Einschr\u00e4nkung durch die minimalistische Infrastruktur der H\u00fctte Voraussetzung f\u00fcr eine diversifizierte und nachhaltig bewirtschaftete Anlage des Weingartens. F\u00fcr diese \u00d6kologisierung bei gleichzeitiger Ertragsmaximierung lassen sich auch andere historische, wie zeitgen\u00f6ssische Beispiele finden, etwa die sogenanntenVictory Gardens w\u00e4hrend der beiden Weltkriege.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"766\" height=\"800\" src=\"http:\/\/huettenschriften.at\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Dig_For_Victory-_Working_on_An_Allotment_in_Kensington_Gardens_London_1942_D8334.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-565\" srcset=\"https:\/\/huettenschriften.at\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Dig_For_Victory-_Working_on_An_Allotment_in_Kensington_Gardens_London_1942_D8334.jpg 766w, https:\/\/huettenschriften.at\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Dig_For_Victory-_Working_on_An_Allotment_in_Kensington_Gardens_London_1942_D8334-287x300.jpg 287w\" sizes=\"auto, (max-width: 766px) 100vw, 766px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Abb. 1: Victory Garden, Parzelle in den Kensington Gardens, London, 1942, <strong>\u00a9<\/strong> wikicommons.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Vor allem in Gro\u00dfbritannien, den Vereinigten Staaten und Kanada wurde die Bev\u00f6lkerung dazu angehalten Obst und Gem\u00fcse selbst anzubauen, um in Kriegszeiten die Ern\u00e4hrungssicherheit garantieren zu k\u00f6nnen. Dabei wurden nicht nur in den G\u00e4rten von H\u00e4usern und Villen Lebensmittel angebaut, sondern auch in \u00f6ffentlichen Parks oder, wie es eine Fotografie von 1943 zeigt, in einem ehemaligen Bombenkrater.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"764\" src=\"http:\/\/huettenschriften.at\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Victory_Gardens._Where_the_Nazis_sowed_death_a_Londoner_and_his_wife_have_sown_life-giving_vegetables_in_a_London._-_NARA_-_196480-1024x764.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-570\" srcset=\"https:\/\/huettenschriften.at\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Victory_Gardens._Where_the_Nazis_sowed_death_a_Londoner_and_his_wife_have_sown_life-giving_vegetables_in_a_London._-_NARA_-_196480-1024x764.jpg 1024w, https:\/\/huettenschriften.at\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Victory_Gardens._Where_the_Nazis_sowed_death_a_Londoner_and_his_wife_have_sown_life-giving_vegetables_in_a_London._-_NARA_-_196480-300x224.jpg 300w, https:\/\/huettenschriften.at\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Victory_Gardens._Where_the_Nazis_sowed_death_a_Londoner_and_his_wife_have_sown_life-giving_vegetables_in_a_London._-_NARA_-_196480-768x573.jpg 768w, https:\/\/huettenschriften.at\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Victory_Gardens._Where_the_Nazis_sowed_death_a_Londoner_and_his_wife_have_sown_life-giving_vegetables_in_a_London._-_NARA_-_196480-1536x1145.jpg 1536w, https:\/\/huettenschriften.at\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Victory_Gardens._Where_the_Nazis_sowed_death_a_Londoner_and_his_wife_have_sown_life-giving_vegetables_in_a_London._-_NARA_-_196480-2048x1527.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Abb. 2: Victory Garden in einem Bombenkrater, ca. 1943, Franklin D. Roosevelt Library, New York, <strong>\u00a9<\/strong> wikicommons.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die Produktivit\u00e4t dieser G\u00e4rten war so gro\u00df, dass in den USA w\u00e4hrend des zweiten Weltkriegs 40 Prozent der frischen Lebensmittel dort erzeugt wurden.<sup>5<\/sup> Da aber sowohl Treibstoff, als auch die Produktion von Kunstd\u00fcnger f\u00fcr die Produktion von Lebensmitteln f\u00fcr die Front verwendet wurden, musste die Bev\u00f6lkerung auf alternative D\u00fcngemethoden zur\u00fcckgreifen. \u00dcberall wurde Kompost hergestellt, Pferdemist ausgebracht und sogar der Ru\u00df aus den Kaminen wurde verwendet, um die Fruchtbarkeit der Victory Gardens zu gew\u00e4hrleisten. In Bezug auf die Intention der Selbstversorgung und die Kleinteiligkeit der bewirtschafteten Fl\u00e4chen bietet sich auch die Wiener Siedler:innenbewegung<sup>6<\/sup> als Vergleichsbeispiel an. Zwar handelte es sich zun\u00e4chst um wilde Siedlungen, die aus der Not nach dem ersten Weltkrieg entstanden, doch durch Bem\u00fchungen Otto Neuraths, Margarete Sch\u00fctte-Lihotzkys und anderen wurden sie in das Wohnbauprogramm der Stadt Wien integriert. Auch bei den Parzellen der Siedler:innen handelte es sich um kleinteilige Anlagen zur Selbstversorgung mit Obst und Gem\u00fcse, aber auch Gefl\u00fcgel oder Kaninchen. Die Produktion war darauf ausgelegt, m\u00f6glichst autark und mit minimalen Kosten zu produzieren, was eine D\u00fcngung mit Kompost, die Produktion eigenen Saatgutes und \u00e4hnliche Praktiken voraussetzte. Anders als bei den Victory Gardens ist das dazugeh\u00f6rige Haus der Siedler:innen aber integraler Bestandteil der Gesamtanlage. So entwickelte Margarete Sch\u00fctte-Lihotzky beispielsweise verschiedene Varianten von Kernh\u00e4usern, die modular erweiterbar und auf die landwirtschaftliche Produktion ausgelegt waren. Je nach geplanter Nutzung waren St\u00e4lle, Verarbeitungsr\u00e4ume, Spaliere f\u00fcr Obstb\u00e4ume an der Fassade und Lagerr\u00e4ume vorgesehen.<sup>7<\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>5 Endres, A. Bryan\/Jody M. Endres, Homeland Security Planning: What Victory Gardens and Fidel Castro Can Teach us in Preparing for Food Crises in the United States, Food and Drug Law Journal , Vol. 64, Nr. 2, 2009, S. 408f.<\/p>\n\n\n\n<p>6 Von den Forschungen Leonie M\u00fchleggers zu Margarete Sch\u00fctte-Lithotzky angeregt, m\u00f6chte ich ihrer angepassten Terminologie folgend ebenfalls von Siedler:innen sprechen und auf die g\u00e4ngigere Bezeichnung Siedlerbewegung verzichten.<\/p>\n\n\n\n<p>7 Auch f\u00fcr Anregungen zu den Kernh\u00e4usern Sch\u00fctte-Lihotzkys bin ich Leonie M\u00fchlegger sehr dankbar.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"763\" src=\"http:\/\/huettenschriften.at\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/csm_schuette-lihotzky_04a_1c5d0f390c-1024x763.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-564\" srcset=\"https:\/\/huettenschriften.at\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/csm_schuette-lihotzky_04a_1c5d0f390c-1024x763.jpg 1024w, https:\/\/huettenschriften.at\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/csm_schuette-lihotzky_04a_1c5d0f390c-300x223.jpg 300w, https:\/\/huettenschriften.at\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/csm_schuette-lihotzky_04a_1c5d0f390c-768x572.jpg 768w, https:\/\/huettenschriften.at\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/csm_schuette-lihotzky_04a_1c5d0f390c.jpg 1199w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Abb. 3: Magarete Sch\u00fctte-Lihotzky, Siedlerh\u00fctten, Type A, Grundriss: EG, OG, Schnitt A-B Seitenansicht, Vorderansicht, Skizze, um 1922, Universit\u00e4t f\u00fcr angewandte Kunst Wien, <strong>\u00a9<\/strong> wikicommons.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Trotz der vielen Vorteile dieser Architekturen wurde das Programm von der Stadt Wien bald wieder eingestellt, was neben Kostengr\u00fcnden vor allem auch politische Gr\u00fcnde hatte. Das Siedler:innenhaus, so bef\u00fcrchtete die sozialistische Stadtregierung, st\u00e4rke das christlich-konservative Lager und sei keine ideale Form des Wohnens f\u00fcr Arbeiter:innen.<br>Und auch heute noch sieht sich ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine kleinstrukturierte, b\u00e4uerliche Landwirtschaft mit dem Vorwurf eines romantisch-verkl\u00e4rten Konservatismus konfrontiert. Zwar bezieht sich die Linke immer wieder auf b\u00e4uerliche Revolutionen wie die Bauernkriege des fr\u00fchen sechzehnten Jahrhunderts, doch im Gro\u00dfen und Ganzen ist der Bauer eher Feindbild als Ideal in den linken Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts. So auch der Bauer im Sowjetkommunismus, statt einer kleinstrukturierten Landwirtschaft wird auf Industrialisierung gesetzt, die Bauern werden als (Land-)Arbeiter umgedeutet und so in den Arbeiterstaat der UdSSR integriert.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch gerade in der Sowjetunion werden auch alternative Konzeptionen der Landwirtschaft und Gesellschaft entwickelt. So untersucht der Agrarwissenschaftler und \u00d6konom Alexander Wassiljewitsch Tschajanow die optimalen Betriebsgr\u00f6\u00dfen in der Landwirtschaft (1930) und kommt zu dem Schluss, dass kleine, famili\u00e4re Betriebe nicht nur am wirtschaftlichsten sind, sondern auf Grund ihrer \u00f6konomischen Besonderheiten auch als kommunistisch verstanden werden k\u00f6nnen.<sup>8<\/sup> Tschajanow sah eine m\u00f6gliche revolution\u00e4re Umgestaltung der Gesellschaft in Formen b\u00e4uerlicher Selbstverwaltung statt in der entfremdeten Fabrikarbeit und war auch von anarchistischen Bewegungen beeinflusst. Neben seinen wissenschaftlichen Untersuchungen artikulierte er seine \u00dcberlegungen in Romanen wie dem <em>Land der b\u00e4uerlichen Utopie<\/em> (1924) ,<sup>9<\/sup> in dem ein sowjetischer Funktion\u00e4r in das Jahr 1984 reist und dort auf eine Art Bauernrepublik trifft. Die Produktion findet dort in kleineren, genossenschaftlich organisierten Betrieben unter weitgehender Selbstverwaltung statt, nur die Infrastruktur ist staatlich organisiert. Dabei ist es der l\u00e4ndliche Raum, der ein besonderes Gewicht hat, denn St\u00e4dte werden per Dekret abgeschafft und \u00e4hneln nun eher weitl\u00e4ufigen Parkanlagen. Nichts desto trotz findet auf Marktpl\u00e4tzen und in den Ortschaften ein reiches kulturelles Leben statt, dass aber entsprechend dezentral organisiert ist.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>8 Alexander Wassiljewitsch Tschajanow, Die optimalen Betriebsgr\u00f6\u00dfen in der Landwirtschaft. Mit einer Studie \u00fcber die Messung des Nutzeffektes von Rationalisierungen der Betriebsfl\u00e4che, Berlin 1930.<\/p>\n\n\n\n<p>9 Alexander Wassiljewitsch Tschajanow, Reise meines Bruders Alexej ins Land der b\u00e4uerlichen Utopie, Frankfurt am Main 1981.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Zwar kann der Roman Alexander Tschajanows, den Josef Stalin schlussendlich aufgrund seines Widerstands gegen die Zwangskollektivierung hinrichten lie\u00df, sicherlich nicht als exaktes Modell einer k\u00fcnftigen politischen Ordnung gelesen werden. Doch zeigt das Buch alternative L\u00f6sungen f\u00fcr den l\u00e4ndlichen Raum, die Produktion von Lebensmitteln, aber auch eine alternative, dezentrale Konzeption kulturellen und politischen Lebens auf. In diesem Sinne m\u00f6chte ich vorschlagen, auch die (Weingarten-)H\u00fctte nicht als Schrebergarten oder Ausdruck r\u00fcckw\u00e4rtsgewandter b\u00e4uerlich-folkloristischer Romantik zu verstehen, sondern als Anregung, um \u00fcber alternative Formen des b\u00e4uerlichen Arbeitens nachzudenken. Dabei ist klar, dass es nicht zielf\u00fchrend sein kann, dieselben Praktiken wie vor hundert Jahren wieder einzuf\u00fchren. So w\u00e4ren beispielsweise mobile H\u00fctten, die auch als St\u00e4lle und Tr\u00e4nke f\u00fcr extensive Beweidung genutzt werden k\u00f6nnen, eine immense Bereicherung. Denn gerade in der reduzierten Ausgestaltung der H\u00fctte liegt das Potenzial f\u00fcr eine \u00f6kologisch wie gesellschaftlich nachhaltigere Form des (Land-)Wirtschaftens.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Versuch \u00fcber eine neue, alte Form der Landwirtschaft.<\/p>\n<p>Ich habe mir vorgenommen, ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Verh\u00fcttelung zu schreiben. Daf\u00fcr gab es zun\u00e4chst zwei Gr\u00fcnde. Zuerst der fast schon etwas platte Wortwitz im Zusammenhang dieses der H\u00fctte gewidmeten Sammelbandes. <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[14],"tags":[],"class_list":["post-130","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-huettenschriften"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/130","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=130"}],"version-history":[{"count":25,"href":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/130\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":908,"href":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/130\/revisions\/908"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=130"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=130"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=130"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}