{"id":1341,"date":"2025-11-15T00:55:52","date_gmt":"2025-11-15T00:55:52","guid":{"rendered":"https:\/\/huettenschriften.at\/?p=1341"},"modified":"2026-01-07T20:53:56","modified_gmt":"2026-01-07T20:53:56","slug":"echo-aus-der-redaktion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/schachtelschriften\/1341\/","title":{"rendered":"Echo aus der Redaktion"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lange haben wir \u00fcberlegt, was am Beginn unserr neuen Ausgabe stehen soll. Warum nicht eines der vielen sprechenden Bilder unserer Beitr\u00e4ger*innen aufgreifen, um das zentrale Thema der Schachtel zu entfalten? Oder vielleicht besser doch auf den erl\u00e4uternden Beipackzettel verzichten und das Material kommentrarlos f\u00fcr sich selbst Sprechen lassen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Immerhin: Die Entscheidung gegen eine klassische Einleitung \u2013 wie sie etwa zahlreichen Sammelb\u00e4nden vorausgeschickt wird \u2013 fiel  recht rasch. Denn wie w\u00e4re ein solcher Text angesichts der konzeptuellen Offenheit der Schachtel  und der daraus resultierenden Vielgestaltigkeit der vorliegenden Beitr\u00e4ge \u00fcberhaupt zu gestalten? Wie lie\u00dfe sich ein Faden von Kurt Lists poetischen Kn\u00e4ueln hin\u00fcber zu Wittgensteins K\u00e4ferparabel spannen und von dort mit Fran\u00e7ois-Rupert Carabins <em>B\u00fcchse der Pandora<\/em> verkn\u00fcpfen?\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer dem Versuch widersteht, nach sinnstiftenden Verbindungen und gedanklichen Ankn\u00fcpfungspunkten Ausschau zu halten, wird bei der Betrachtung der vorliegenden Beitr\u00e4ge vor allem Unterschiede feststellen. Welch ein Gewinn, sagen wir! Denn wohnt der Schachtel, neben ihrer schematischen Funktion Dinge zu ordnen, nicht gerade jene wunderbare Kapazit\u00e4t inne, alles M\u00f6gliche, ja in manchen Situationen sogar das ansonsten Inkommensurable aufzunehmen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber auch die \u00c4nderung des Formats setzt einen neuen Rahmen voraus: Anders als die erste Ausgabe der <em>H\u00fcttenschriften<\/em> ist die zweite Ausgabe (nicht in erster Linie) f\u00fcr den Druck konzipiert. Sie ist damit auch nicht an jene vertrauten Ordnungslogiken gebunden, die den Aufbau eines gedruckten Buches strukturieren. Vielmehr entfalten sich ihre Einzelteile wie die ausklappbaren Seiten einer Schachtel im digitalen Raum. Entsprechend unstimmig erschien uns ein chronologisch oder thematisch gegliederter Einstieg, der die einzelnen Positionen dicht an dicht gestaffelt in kurzen Abs\u00e4tzen umreist. Nicht zuletzt deshalb, weil eine&nbsp; komprimierte Inhaltsangabe stets mit unvermeidbaren Verlusten und Verk\u00fcrzungen einhergeht, die sich gerade im k\u00fcnstlerischen Bereich zu erheblichen Interpretationsschwierigkeiten und irreduziblen \u00dcbersetzungsproblemen ausformen k\u00f6nnen. (Aber liegt in derartigen Verfremdungen nicht auch der Reiz eines solchen \u00dcbersetzungsversuchs, der durchaus fruchtbare Ertr\u00e4ge erzeugen kann?)&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gewiss, es w\u00e4re m\u00f6glich, sich dem weitgefassten Konzept der Schachtel \u2013 dem (mehr oder weniger) losen Aufh\u00e4nger dieser zweiten Ausgabe \u2013 \u00fcber den konventionellen Weg einer thematischen Einf\u00fchrung anzun\u00e4hern. Und gewiss w\u00e4ren auch schnell geeignete theoretische wie praktische Bezugspunkte gefunden, um den tr\u00fcgerischen Anschein einer inneren Logik zu vermitteln. Aber w\u00fcrde eine solche Ann\u00e4herung nicht der urspr\u00fcnglichen Intention widerstreben, einen m\u00f6glichst weitl\u00e4ufigen Themenhorizont aufzufalten, ohne im Voraus schon eine bestimmte Perspektivierung vorzunehmen? Schlimmer noch: L\u00e4ge ihr am Ende nicht vielleicht sogar ein eitles Streben nach intellektueller Selbstbehauptung zu Grunde?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So stand die \u00dcberlegung im Raum v\u00f6llig unvermittelt einzusteigen und als Redaktionsteam g\u00e4nzlich hinter die lektorierten Beitr\u00e4ge zur\u00fcckzutreten. Doch erschien uns dieser Schritt vor allem eines zu erzeugen: Unaufrichtigkeit. Denn w\u00e4re es nicht nur unehrlich, sondern geradezu verlogen die Vorstellung zu erzeugen, die <em>Schachtelschriften<\/em> w\u00e4ren als Produkt eines g\u00e4nzlich offenen, antihierarchischen und keinesfalls selektiven Prozesses zu verstehen? Gewiss, unser selbsterkl\u00e4rtes Ziel war es, einen solchen in die Wege zu leiten. Unser Selbstverst\u00e4ndnis als Redaktionsteam sah dementsprechend vor, diesen Prozess zu begleiten, gegebenenfalls zu unterst\u00fctzen, aber keinesfalls zu formen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber tun wir nicht all das, was wir vermeiden wollten, im ersten Moment, in dem wir uns als Redaktionsteam verstehen? Und gibt es \u00fcberhaupt einen hierarchischeren Gestus als die Entscheidung dar\u00fcber, wann welcher Prozess in die Wege geleitet wird? Wohl kaum.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade deshalb erscheint es uns notwendig, nicht zu verschweigen, sondern offenzulegen, unter welchen Bedingungen die <em>Schachtelschriften<\/em> entstanden sind. Denn wenn Hierarchie, Auswahl und Setzung unvermeidlich sind, dann liegt die einzig redliche Geste darin, sie sichtbar zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der wohl erste Moment, in dem wir als Redaktionsteam unsere Macht unbewusst einsetzten, war jener der Themenwahl. Denn das vorgegebene Thema setzte den inhaltlichen Rahmen und schr\u00e4nkte damit den Spielraum der Beitr\u00e4ge von vornherein ein. Weiter erfolgte die Auswahl der Autor*innen aus unserem Umfeld. Zwar erm\u00f6glichte das, Perspektiven und Stimmen au\u00dferhalb des Redaktionsteams einzubeziehen, aber wie multiperspektivisch und divers kann eine Ansammlung von Texten sein, die innerhalb eines akademisch gepr\u00e4gten Milieus entsteht? Im Lektorat wurden Texte ausschlie\u00dflich an derzeitig g\u00fcltige sprachliche Normen angepasst. Aber sind nicht auch diese Eingriffe die individuellen Stimmen unserer Beitr\u00e4ger*innen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unter diesen Bedingungen blieb die angestrebte Offenheit unseres Projekts also nur teilweise erreichbar. Geben wir uns also der Tatsache hin, dass uns die Konzeption einer Sammlung von Beitr\u00e4gen, die inklusiv, barrierefrei und antihierarchisch ist, zum aktuellen Zeitpunkt nicht m\u00f6glich ist? Keinesfalls.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber warum an diesem Anspruch festhalten? Warum weiterhin von Offenheit sprechen, wenn sie sich scheinbar nicht vollst\u00e4ndig umsetzen l\u00e4sst? Weil wir unserem Ziel zumindest ein St\u00fcck n\u00e4herkommen wollen, um es irgendwann vielleicht in erreichbarer N\u00e4he zu wissen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und wer wei\u00df, was sich dadurch in der n\u00e4chsten Ausgabe entwickeln wird?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lange haben wir \u00fcberlegt, was am Beginn unserr neuen Ausgabe stehen soll. Warum nicht eines der vielen sprechenden Bilder unserer Beitr\u00e4ger*innen aufgreifen, um das zentrale Thema der Schachtel zu entfalten? Oder vielleicht besser doch auf den erl\u00e4uternden Beipackzettel verzichten und das Material kommentrarlos f\u00fcr sich selbst Sprechen lassen? 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