{"id":14,"date":"2024-08-01T05:00:27","date_gmt":"2024-08-01T05:00:27","guid":{"rendered":"https:\/\/huettenschriften.at\/?p=14"},"modified":"2025-12-19T13:55:13","modified_gmt":"2025-12-19T13:55:13","slug":"due-huette-als-denk-katalysator","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/huettenschriften\/14\/","title":{"rendered":"Die H\u00fctte als Denk-Katalysator"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u00dcber Sprachgrenzen und die Rhetorik des Schweigens<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\" style=\"font-size:0.6rem\">Impulsgebend f\u00fcr den vorliegenden Beitrag war ein Vortrag, der von Richard Heinrich im Wintersemester 2018 im Rahmen einer Ringvorlesung zum Thema Philosophie und Architektur gehalten wurde. <br>F\u00fcr den Hinweis zu Heideggers H\u00fctte m\u00f6chten wir uns bei Fridolin G\u00f6bel bedanken.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4lt man an der (durchaus problematischen) Unterscheidung zwischen ana-<br>lytischer und kontinentaler Philosophie fest, muss das Jahr 1889 zweifellos als philosophiegeschichtlicher Scheidepunkt erscheinen, handelt es sich doch um das Geburtsjahr zweier Zentralakteure, deren Schriften musterg\u00fcltig f\u00fcr je eine der beiden rivalisierenden Denkschulen sind. So sehr sich besagte Verschiedenheit in der abstrakten Sph\u00e4re der Theoriebildung manifestiert, so sehr l\u00e4sst sie sich r\u00fcckblickend auf lebensweltlicher Ebene nachverfolgen. Denn w\u00e4hrend der eine, Martin Heidegger (1889\u20131976), als \u00e4ltester Spross einer katholischen Handwerkerfamilie nicht zuletzt aufgrund seiner offenen Anerkennung des F\u00fchrerprinzips mit einer bedeutenden Stellung im hierarchischen Universit\u00e4tsbau bedacht wurde, sah sich der andere, Ludwig Wittgenstein (1889\u20131951), als Kind eines assimilierten j\u00fcdischen Stahlmagnaten sp\u00e4testens 1938 gezwungen, dem Kontinent endg\u00fcltig den R\u00fccken zu kehren. Doch scheint bei aller klassenbedingter sowie weltanschaulicher Differenz zumindest in einem Punkt weitgehende Einigkeit zu bestehen, n\u00e4mlich hinsichtlich der Frage, an welchem Ort sich die intellektuelle Anschauung am besten systematisieren l\u00e4sst. In beiden F\u00e4llen lautet die Antwort: an einem Schreibtisch, der an einem m\u00f6glichst abgelegenen Ort \u00fcber den Baumwipfeln steht. Bedauerlich nur, dass der h\u00f6lzerne Denkschrein nicht einfach ungesch\u00fctzt am Berghang Wurzeln schlagen kann, wo im Sommer grelles Sonnenlicht, im Winter Schneeverwehungen den sensiblen Geist des Gelehrten auf Irrwege f\u00fchren. Nein (!), unter geschindelter Holzkonstruktion wird gedacht. Als Bautypus dr\u00e4ngt sich unweigerlich die H\u00fctte auf, deren Minimalkomfort jene intellek-tuelle Selbstkasteiung zu befriedigen verspricht, die schon den alten Kyniker Diogenes von Sinope dazu bewog, sein Dasein in einem Fass zu fristen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Weitsicht &#8211; Einsicht &#8211; Einschicht<br>Wittgenstein, Norwegen und Klein\u00f6sterreich<\/h3>\n\n\n\n<p>Mehrfach kam Ludwig Wittgenstein im Laufe seines Lebens in den Genuss, von seiner norwegischen H\u00fctte aus einen Blick auf den Eidsvatnet zu werfen \u2013 jenen kleinen See, der am Zipfel des l\u00e4ngsten Fjordes Europas tief im Landesinneren liegt und dennoch zugleich mit der Weite des Atlantiks verbunden bleibt. Dort, in zivilisationsferner Abgeschiedenheit, konnte er sich ungest\u00f6rt in die eigene Denkarbeit vertiefen. Die H\u00fctte fungierte dabei nicht nur als witterungsbest\u00e4ndiger Aussichtspunkt, von dem aus die Weitsicht Klarheit in den abstrakten Denkprozess bringen sollte. Im Falle Wittgensteins ist und war sie gleicherma\u00dfen eine architektonische Antithese zu einem ambitionierten Bauprojekt, das im rund 1500 Kilometer entfernten Wien Form annahm. Hier vereinten sich monolithische Prim\u00e4rformen zu einer gro\u00dfz\u00fcgigen Stadtvilla, die sich an den \u00e4sthetischen und funktionalen Ma\u00dfst\u00e4ben der Moderne orientiert und als umfassende Materialisierung von Wittgensteins philosophischem Stil bewertet wird. Besonders deutlich sind in diesem Zusammenhang die vergleichenden Worte, die Wittgensteins Nachfolger Georg Henrik von Wright findet:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer Bau zeichnet sich durch das Fehlen jedweden Schmuckes und durch die<br>Strenge seiner Proportionen aus. Seine Sch\u00f6nheit ist von der gleichen einfachen und statischen Art wie es die S\u00e4tze im \u201aTractatus\u2018 sind [\u2026].\u201c<sup>1<\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>1<\/sup> Georg Henrik von Wright, Biographische Betrachtung, in: Ludwig Wittgenstein \/Schriften. Beiheft 1, Frankfurt am Main 1972, S. 82-99, hier S. 90.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Der ernste Gestaltungsanspruch, mit dem sich der studierte Maschineningeni-<br>eur zwischen 1926 und 1928 dem Bauvorhaben widmete, tr\u00e4gt geradezu selbstverst\u00e4ndlich zur kultischen Verehrung Wittgensteins bei. Ehrf\u00fcrchtig werden scheinbar unbedeutende Ausstattungselemente wie Heizk\u00f6rper oder T\u00fcrgriffe als reliktartige Beweisst\u00fccke eines analytischen Universalgenies angef\u00fchrt: <\/p>\n\n\n\n<p>\u201e[ J]edes Fenster, jede T\u00fcr, jeden Riegel der Fenster, jeden Heizk\u00f6rper [zeichnete Ludwig] mit einer Genauigkeit, als w\u00e4ren es Pr\u00e4zisionsinstrumente und in den edelsten Ma\u00dfen, und er setzte dann mit seiner kompromisslosen Energie durch, dass die Dinge auch mit der gleichen Genauigkeit ausgef\u00fchrt wurden [\u2026]\u201c,<sup>2<\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>2<\/sup> Hermine Wittgenstein zitiert nach Jan Turnovsk\u00fd, Die Poetik eines Mauervorsprungs, Braunschweig 1987, S. 9.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>schreibt Hermine Wittgenstein \u00fcber ihren 15 Jahre j\u00fcngeren Bruder. Doch die Bewunderung reicht weit \u00fcber die engeren famili\u00e4ren und freundschaftlichen Banden hinaus. Noch immer gilt das Haus in der Kundmanngasse 19 als eine Inkunabel der Wiener Moderne, die zu Fallstudien \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Architektur und Philosophie im fr\u00fchen 20. Jahrhundert anregt. <br>Weit geringer f\u00e4llt dagegen das Interesse an der norwegischen H\u00fctte aus, an<br>deren Planung Wittgenstein ebenfalls beteiligt gewesen sein d\u00fcrfte. Ist auch<br>sie Manifest eines l\u00f6sungsorientierten Forschungs- und Gestaltungsdranges<br>vergleichbar jener \u201ehausgewordene[n] Logik\u201c<sup>3<\/sup>, die als Wohnpalais f\u00fcr Marga-<br>rethe Stonborough-Wittgenstein im Dritten Wiener Gemeindebezirk errichtet<br>wurde? \u2013 Wohl kaum.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>3<\/sup> H. Wittgenstein zitiert nach Turnovsk\u00fd, 1987, S. 10.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Eher kommt ihr der funktionale Status eines sp\u00e4rlichen Denkrefugiums zu<br>Denn schlie\u00dflich fanden in Skjolden die Vorarbeiten zu den beiden philoso-<br>phischen Hauptwerken statt: Dem Tractatus Logico-Philosophicus einerseits,<br>dessen theoretische Planung zwischen 1913 und 1914 auf norwegischem Boden ansetzte, sowie den Philosophischen Untersuchungen andererseits, die als zweites Hauptwerk gut 20 Jahre sp\u00e4ter am selben Ort konzeptualisiert wurden und die Basis f\u00fcr John Austins und John Searls sprechakttheoretische Studien bilden.<br>Insgesamt verbrachte Wittgenstein zwei l\u00e4ngere Aufenthalte in Norwegen.<br>Biographisch gesehen, markiert die erste Episode, die den Fronterfahrungen des Ersten Weltkrieges vorausgeht, eine Art Ruhe vor dem Sturm. Bertrand Russell, Wittgensteins Mentor, erinnert sich an ein Gespr\u00e4ch mit dem Studenten, das im September 1913 stattfand und die Anziehungskraft verdeutlicht, welche Norwegen auf seinen \u00f6sterreichischen Freund aus\u00fcbte:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eThen my Austrian, Wittgenstein, burst in like a whirlwind, just back from<br>Norway, and determined to return there at once to live in complete solitude<br>until he has solved all the problems of logic. I said it would be dark, and he said he hated daylight. I said it would be lonely, and he said he prostituted his mind talking to intelligent people. I said he was mad, and he said God preserve him from sanity.\u201c<sup>4<\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>4<\/sup> Bertrand Russell zitiert nach Brian McGuinness, Wittgenstein. A Life. Young Ludwig 1889\u20131921, London 1988, S. 184.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>In der norwegischen Einschicht, so scheint es, fand der Philosoph einen Ausweg aus dem gesch\u00e4ftigen Universit\u00e4tsbetrieb, der von St\u00f6rsignalen durchdrungen bleibt, die den autarken Denkprozess hemmten.<br>Zu einem zweiten l\u00e4ngeren Aufenthalt sollte es kurz vor Beginn des Zweiten<br>Weltkrieges kommen. Auch diesmal erf\u00fcllte die H\u00fctte eine Zufluchtsfunktion, nun allerdings unter g\u00e4nzlich anderen politischen Vorzeichen. Denn mit dem steigenden politischen Einfluss der NSDAP gerieten die Wittgensteins angesichts ihrer j\u00fcdischen Vergangenheit immer st\u00e4rker in Bedr\u00e4ngnis. In dieser prek\u00e4ren Situation bot das kleine norwegische H\u00e4uschen, das am steilen Seeufer wehrhaft aus dem Felsen hervorspringt, einen sicheren Hafen. Nichtsdestotrotz sollte den Philosophen auch hier, am \u00e4u\u00dfersten Rande Europas, die eigene Identit\u00e4t auf eine h\u00f6chst unsensible Art einholen. Denn unter den Einheimischen verbreitete sich f\u00fcr das kleine Fleckchen Land, auf dem 1914 das steinerne H\u00fcttenfundament gelegt wurde, die informelle Bezeichnung Lille \u00d8sterrike.<sup>5<\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>5<\/sup> Sivert Thomas Ellingsen \/ Maria Seim, Utenfor Akademiet, in: Filosofisk supplement, Bd. 10, H. 4, 2014, S. 76-79, hier S. 76.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>In einer tragischen Wendung des Schicksals wurde Wittgensteins norwegischer Nebenwohnsitz dadurch mit dem Namen jenes unwirtlichen Geburtslandes versehen, das sich gegen Ende der 1930er Jahre zunehmend gegen seine Familie wendete. Eine Zuspitzung erreichte die Lage als im M\u00e4rz 1938 mit der Macht\u00fcbernahme des Nationalsozialistischen Regimes die N\u00fcrnberger Gesetze auch in \u00d6sterreich verankert wurden. Dadurch war eine juristische Grundlage gegeben, die den Staat zur strukturellen Entmachtung und systematischen Verfolgung der Wittgensteins berechtigte. Letztlich konnte die Familie Schlimmerem wohl nur durch die Aufwendung erheblicher Anteile ihres immensen Gesamtverm\u00f6gens entgehen. Der Philosoph Wittgenstein sollte noch im Jahr 1938 die britische Staatsb\u00fcrgerschaft beantragen.<sup>6<\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>6<\/sup> \u00dcber Geschichte und Schicksal der Familie Wittgenstein \u2013 Peter Eigner, Die Wittgensteins. Geschichte einer unglaublich reichen Familie, Wien 2023.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Auf dem Holzweg<br>Martin Heideggers fundamentale H\u00fcttenontologie<\/h3>\n\n\n\n<p>1938 lehrte Martin Heidegger bereits seit zehn Jahren als Professor f\u00fcr Philo-<br>sophie an der Universit\u00e4t Freiburg. Lediglich 100 Kilometer von seinem Ge-<br>burtsort entfernt, nahm er wenige Jahre zuvor in einer H\u00fctte im Schwarzwald<br>die Arbeit an seinen posthum ver\u00f6ffentlichten Schwarzen Heften auf. In ihnen gelangen neben ontologischen Reflexionen auch politische Gedanken zum Ausdruck, die h\u00e4ufig eine klar deutschnationale sowie antisemitische Sto\u00dfrichtung aufweisen. Die Frage nach der konkreten Beziehung, die zwischen Heidegger\u2018scher Seinsphilosophie und der judenfeindlichen Vernichtungsideologie des Nationalsozialismus besteht, wurde in j\u00fcngerer Vergangenheit eingehend von Peter Trawny bearbeitet, der am Denken des deutschen Philosophen einen \u201eseinsgeschichtlichen Antisemitismus\u201c attestiert.<sup>7<\/sup> <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>7<\/sup> Peter Trawny, Heidegger und der Mythos der j\u00fcdischen Weltverschw\u00f6rung, Frankfurt am Main 2014.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Zentraler als die genaue politische Einordnung seiner Werke, soll im Folgenden der landschaftliche und bauliche Hintergrund sein, vor dem sich besagtes Denken entfaltete. Anders als Wittgenstein l\u00e4sst Heidegger seine H\u00fctte und ihre Umgebung in seinen eigenen Texten immer wieder sichtbar werden. Besonders eindr\u00fccklich gestaltet sich die Beschreibung in einem b\u00fcndigen Aufsatz, in dem der Philosoph seine Entscheidung begr\u00fcndet, die Berufung zum Rektor der Universit\u00e4t Berlin abzulehnen. Einen der Hauptgr\u00fcnde bildet die tiefe, beinahe spirituelle Verbundenheit zu jener b\u00e4uerlichen Region, die Heidegger mit den folgenden Worten charakterisiert:<\/p>\n\n\n\n<p>Am Steilhang eines weiten Hochtales des s\u00fcdlichen Schwarzwaldes steht in der H\u00f6he von 1150 m eine kleine Skih\u00fctte. Im Grundri\u00df mi\u00dft sie 6 zu 7 Meter. Das niedere Dach \u00fcberdeckt 5 R\u00e4ume: die Wohnk\u00fcche, den Schlafraum und eine Studierzelle. In der engen Talsohle verstreut und am gleich steilen Gegenhang h\u00e4ngen breit hingelagert die Bauernh\u00f6fe mit dem gro\u00dfen \u00fcberh\u00e4ngenden Dach. Den Hang hinauf ziehen die Matten und Weidfl\u00e4chen bis zum Wald mit seinen alten, hochragenden, dunklen Tannen. \u00dcber allem steht ein klarer Sommerhimmel, in dessen strahlenden Raum sich zwei Habichte in weiten Kreisen hinaufschrauben.<sup>8<\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>8<\/sup> Martin Heidegger, Sch\u00f6pferische Landschaft. Warum bleiben wir in der Provinz?, in: Klostermann, Vittorio (Hg.): Aus der Erfahrung des Denkens 1910-1976, Frankfurt am Main 1983, S. 9\u201314, hier S. 9.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>In schroffem Kontrast zur gespenstisch leeren Fjordlandschaft die Wittgensteins norwegischen genus loci kennzeichnet, ist Heideggers Schwarzwald-H\u00fctte in einen stark bewirtschafteten Kulturraum eingebunden. Schon die im Untertitel gestellte Frage \u2013 Warum bleiben wir [!] in der Provinz? \u2013 legt nahe, dass sich Heidegger als Teil einer regionalen Gemeinschaft versteht. Letztere ist in besonderem Ma\u00dfe f\u00fcr jene Sch\u00f6pferische Landschaft verantwortlich, die Titel und Anlass des Aufsatzes bildet. In zweifacher Hinsicht n\u00e4mlich sorgt sie durch den best\u00e4ndigen Akt der Bebauung f\u00fcr eine spezifische Landschaftspr\u00e4gung: Zum einen durch die Errichtung riesiger Schwarzwaldh\u00f6fe, die mit ihren weit auskragenden D\u00e4chern wie die zersprengten Glieder eines Archipels aus der steilen Gebirgslandschaft hervorspringen. Zum anderen gewinnt das Umland seinen<br>spezifischen Charakter durch die agrarwirtschaftlichen Prozesse, die als zweite<br>Bebauungsform im Einklang mit den Jahreszeiten das Blick- und Denkpano-<br>rama des Philosophen mitgestalten. Ein Umstand, den Heidegger mit gro\u00dfer<br>Wertsch\u00e4tzung anerkennt, wenn er schreibt, dass seine \u201eganze Arbeit [\u2026] von<br>der Welt dieser Berge und ihrer Bauern getragen und gef\u00fchrt [\u2026]\u201c<sup>9<\/sup> wird.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>9<\/sup> Heidegger 1983, S. 11.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>B\u00e4uerlich gepr\u00e4gt sind aber nicht nur die Landschaft und das durch sie beein-<br>flusste Denken. Auch die Innenausstattung der H\u00fctte, die aus schlichten Holzm\u00f6beln besteht, weist rustikale Z\u00fcge auf.<sup>10<\/sup> <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>10<\/sup> F\u00fcr eine genaue Rekonstruktion \u2013 Adam Scharr, Heideggers\u2019s Hut, Cambridge \/ London 2006.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Dem Eindruck behaglicher Sp\u00e4rlichkeit f\u00fcgt sich der Rest der Einrichtung. Nur hier und da sind die h\u00f6lzernen Wandfl\u00e4chen mit Schwarzwei\u00dffotografien oder kleinen gerahmten Bildchen behangen. Umso drastischer sticht als dekoratives Alleinstellungsmerkmal einfarbiges Portraitbildnis des deutschen Dichters Johann Peter Hebel (1760\u20131826) ins Auge. Im Stile der n\u00f6rdlichen Renaissance zeigt das Gem\u00e4lde den Schriftsteller der Allemannischen Gedichte vor einer nach hinten verblauenden Naturidylle \u2013 ganz dem voralpinen Alpenpanorama entsprechend, das den favorisierten Denkort Heideggers bildet. Flankiert von einem musizierenden und einem lesenden Putto geb\u00e4rdet Hebel sich im Gestus des inspirierten Dichters, wobei er den Zeigefinger der rechten Hand pathetisch \u00fcber einem kleinen B\u00fcchlein emporstreckt.<br>Hebels Poesie steht in einer besonderen r\u00e4umlichen N\u00e4he zum Provinzsitz<br>des Philosophen. Erneut fungiert als Bindeglied die Landschaft des s\u00fcdlichen<br>Schwarzwaldes, der in den Texten des geb\u00fcrtigen Schweizer Mundartdichters<br>ein literarisches Denkmal geschaffen wird. In einem Gedicht beschreibt Hebel<br>in aller Anschaulichkeit eine gro\u00dfe Wiese, die unweit von Heideggers H\u00fctte,<br>am Fu\u00dfe des Feldberges entspringt.<sup>11<\/sup> <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>11<\/sup> Heidegger erw\u00e4hnt dies selbst in einer schw\u00e4rmerischen Abhandlung \u00fcber Hebel \u2013 Martin Heidegger, Hebel \u2013 Der Hausfreund, Pfullingen 1957.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Schon unter Zeitgenossen galt der Autor als lyrisches Schwergewicht, wovon unter anderem ein befremdliches Urteil Goethes zeugt, wonach Hebel es verstanden habe, das gesamte Universum auf die naivste und gleichsam anmutigste Weise \u201ezu verbauern\u201c<sup>12<\/sup>. <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>12<\/sup> Originalformulierung Goethes zitiert nach Martin Heidegger, Hebel \u2013 Der Hausfreund, Pfullingen 1957.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die besondere Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr das B\u00e4uerliche, die hierbei fassbar wird, spielt in Zusammenhang mit Heideggers H\u00fctten-Dasein eine kaum \u00fcbersch\u00e4tzbare Rolle. Wie bereits deutlich geworden sein d\u00fcrfte, verstand dieser sich \u2013 anderes als Wittgenstein \u2013 ganz in der Rolle des teilnehmenden Beobachters. Sein Philosophieren d\u00fcrfe nicht als \u201eabseitige Besch\u00e4ftigung eines Sonderlings\u201c<sup>13<\/sup> missverstanden werden. <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>13<\/sup> Heidegger 1983, S. 10.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Vielmehr folge sie, wie die Forst- und Feldarbeit der umliegenden H\u00f6fe, dem Takt der Natur, die den Menschen als Urgewalt zum T\u00e4tigsein antreibt. Beispielsweise \u201e[\u2026] [w]enn in tiefer Winternacht ein wilder Schneesturm mit seinen St\u00f6\u00dfen um die H\u00fctte rast und alles verh\u00e4ngt und verh\u00fcllt [\u2026]\u201c<sup>14<\/sup>. <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>14<\/sup> Ebd.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Mit dem Sturm, so schreibt Heidegger in seinem Aufsatz, zieht \u201edie<br>hohe Zeit der Philosophie\u201c<sup>15<\/sup> \u00fcber das Land herein. <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>15<\/sup> Ebd.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Solche Rede erinnert unweigerlich an folkloristische Erz\u00e4hlungen \u00fcber unheimliche M\u00e4chte, die w\u00e4hrend der Raun\u00e4chte die Natur durchgeistern und Einzelnen einen prophetischen Wahrheitszugang versprechen.<br>Abseits der katalysierenden Wirkung welche die direkte Konfrontation mit<br>der Natur erm\u00f6glicht, scheint mit dem H\u00fcttenleben ein bestimmter Habitus<br>einherzugehen, \u00fcber den sich der Philosoph von der urbanen Bev\u00f6lkerung<br>distinguiert. Letztere lie\u00dfe sich h\u00e4ufig nur aus einem Gef\u00fchl der romantischen<br>Verkl\u00e4rung zu oberfl\u00e4chlichen Gespr\u00e4chen mit den Einheimischen herab. Ganz anders Heidegger, der es verst\u00fcnde, sich an jenem kollektiven Schweigen zu beteiligen, das seine H\u00fctte scheinbar immer dann durchdrang, wenn man sich nach getaner Arbeit zur gemeinsamen Rast auf der Ofenbank oder im Herrgottswinkel einfand.<sup>16<\/sup> <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>16<\/sup> Ebd.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Nur gelegentlich, so hei\u00dft es im Aufsatz \u00fcber die Provinz, wird die Stille durch beil\u00e4ufige Feststellungen unterbrochen: \u201eda\u00df [etwa] die Holzarbeit im Wald jetzt zu Ende geht, da\u00df in der vorigen Nacht der Marder in den H\u00fchnerstall einbrach, da\u00df morgen vermutlich die eine Kuh kalben wird, da\u00df den Oehmibauer der Schlag getroffen, da\u00df das Wetter bald \u00bbumkehrt\u00ab.\u201c<sup>17<\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>17<\/sup> Heidegger 1983, S. 11.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Doch nicht immer gestaltet sich der Gespr\u00e4chsverlauf derart wortkarg. Als<br>pr\u00e4gende Episoden des H\u00fctten-Daseins erw\u00e4hnt Heidegger mehrere Begeg-<br>nungen mit einer alten B\u00e4uerin, die sich m\u00fchsam den Steilhang hinaufbahnte,<br>um ihm alte Dorfgeschichten zu erz\u00e4hlen. In einem kurzen Absatz schildert<br>Heidegger, wie dieselbe B\u00e4uerin \u201edem Herrn Professor\u201c<sup>18<\/sup> in der Stunde ihres<br>Todes einen letzten Gru\u00df ausrichten lie\u00df, mit dem Verweis, dass ihm ein der-<br>artiges Gedenken ungleich wertvoller erscheint, als jede akademische Anerken-<br>nung oder Ehrenfeier.<sup>19 <\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>18<\/sup> Heidegger 1983, S. 12.<\/p>\n\n\n\n<p><sup>19<\/sup> Ebd.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Von den Besuchen der B\u00e4uerin f\u00fchrt der Pfad zur\u00fcck zu<br>Hebel. Denn was den Gelehrten in ihren Bann riss, war nicht so sehr der Gehalt der Geschichten, als vielmehr die alten Begriffe und Spr\u00fcche, die den Inhalt formten. Nirgends wird diese volkssprachliche Begeisterung deutlicher als in einem kleinen B\u00fcchlein, das sich mit dem Dichter Hebel befasst. Darin schreibt Heidegger:<\/p>\n\n\n\n<p>Wir k\u00f6nnten meinen, Hebels Dichtung sage, weil sie Dialektdichtung sei, nur<br>von einer beschr\u00e4nkten Welt. Man meint \u00fcberdies, der Dialekt bleibe Mi\u00df-<br>handlung und Verunstaltung der Hoch- und Schriftsprache. Solches Meinen<br>irrt. Die Mundart ist der geheimnisvolle Quell jeder gewachsenen Sprache. Aus ihm str\u00f6mt uns all das zu, was der Sprachgeist in sich birgt.<sup>20<\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>20<\/sup> Heidegger 1983, S. 10.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Der alten B\u00e4uerin kommt vor diesem Hintergrund die Funktion eines Medi-<br>ums, das fl\u00fcchtige Einblicke in eine urt\u00fcmliche (Sprach-)Wirklichkeit er\u00f6ffnet. Neben ihrer Einbettung in die Natur erlaubt die H\u00fctte also einen direkten Anschluss an die archaischen Kommunikationskan\u00e4le einer verschwindenden Welt.<br>Als Treffpunkt der Geselligkeit stand ihre T\u00fcr jedoch nicht nur Einheimischen offen. Auch der eine oder andere \u201eSt\u00e4dter\u201c<sup>21<\/sup> \u2013 wie Heidegger den modernen Stadtmenschen mit sichtbarem Vorurteil nennt \u2013 wurde empfangen, was angesichts der tiefen Furchen, die das Trauma des NS-Terrors hinterlie\u00df, zu unwahrscheinlichen Begegnungen f\u00fchrte. <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>21<\/sup> Ebd.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Zu diesen eigent\u00fcmlichen Besuchen z\u00e4hlt ein Treffen mit dem Lyriker Paul Celan, dessen konkreter Ablauf bis heute zu leidenschaftlichen Spekulationen anregt.<sup>22<\/sup> <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>22<\/sup> Siehe dazu \u2013 George Steiner, Heidegger, abermals, in: Merkur, 1989, Bd. 480, H. 2, S. 93-102; Axel Gellhaus, Seit ein Gespr\u00e4ch wir sind. Paul Celan bei Martin Heidegger in Todtnauberg, Marbach am Neckar 2004; Hadrien France-Landord, Paul Celan und Martin Heidegger. Vom Sinn eines Gespr\u00e4chs, Freiburg 2007; Hans Peter Kunisch, Todtnauberg. Die Geschichte von Paul Celan, Martin Heidegger und ihrer unm\u00f6glichen Begegnung, M\u00fcnchen 2020; etc.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Doch wenngleich der konkrete Inhalt der Gespr\u00e4che nur fragmentarisch \u00fcberliefert ist, darf angenommen werden, dass der Dialog von l\u00e4ngeren Redepausen unterbrochen wurde. Offen bleibt, welche Intention dem Sprachverzicht zu Grunde liegt. Handelt es sich dabei um jene besondere Art der Stille, die Heidegger als wesentlichen Aspekt der provinziellen Gespr\u00e4chskultur w\u00fcrdigt? Sind mit dem Schweigen im Sinne Wittgensteins die Grenzen des Sagbaren erreicht? Oder greift hier die Logik des Verschweigens? Ungeachtet der Frage, um welche konkrete Kategorie es<br>sich handelt, steht eines fest: Der Philosoph hat es vers\u00e4umt, sich deutlich zu<br>seiner nationalsozialistischen Vergangenheit und der Schoah zu \u00e4u\u00dfern.<sup>23<\/sup> <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>23<\/sup> Steiner 1989, S. 102.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Und so lastet heute ein dunkler Schatten auf jenen saftigen Gr\u00e4sern, die Hebel in aller Anschaulichkeit beschreibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber Sprachgrenzen und die Rhetorik des Schweigens<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[14],"tags":[],"class_list":["post-14","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-huettenschriften"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14"}],"version-history":[{"count":25,"href":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":857,"href":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14\/revisions\/857"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}