{"id":16,"date":"2024-08-01T06:00:38","date_gmt":"2024-08-01T06:00:38","guid":{"rendered":"https:\/\/huettenschriften.at\/?p=16"},"modified":"2025-11-28T09:11:49","modified_gmt":"2025-11-28T09:11:49","slug":"meditation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/huettenschriften\/16\/","title":{"rendered":"Meditation"},"content":{"rendered":"\n<p>Der Fleck am Stoff \u00fcber deinem Handgelenk mesmerisiert. Es ist wie ein Puzzle, so als w\u00fcrde man im Wald nach oben schauen. Dort passen die Baumkronen ineinander. Genauso stellst du dir vor, passen auch diese Spritzer ineinander.<\/p>\n\n\n\n<p>Patzer und Kleckse faszinieren dich schon lange: Das Beschichten von Oberfl\u00e4chen durch organische Stoffe, durch einen Fremdk\u00f6rper. Das \u00dcberwuchern von alter Bausubstanz. Das Chaos wird h\u00fcbsch und faszinierend. Das Altern erstrebenswert.<\/p>\n\n\n\n<p>Du gehst deine Zeile langsam entlang. In deinen H\u00e4nden f\u00fchlst du die Traube. Eine Beere nach der anderen wird bemessen: Eine fest, eine weich, eine trocken. Diese schimmelt und hat einen Pelz gebildet, wie die alten Holzbretter am Ende der Zeile. \u00dcber diesen Holzbalken liegt ein Fell. Es ist pflanzlich und struppig. Dazwischen blitzt das alte Material durch. Bei den Trauben ist es anders herum: Hinter gl\u00e4nzenden Beeren sind matte. Die Gartenschere dreht sich in den fauligen Teil der Traube, man kann ihn auskratzen, und l\u00e4sst ihn liegen. Er verbindet sich mit dem Myzel des Weingartens. Es war wahrscheinlich eine schlechte Traube, die beim Auskratzen ihren Saft auf die Jacke verteilt hat. Mit jedem neuen Biomaterial w\u00e4chst und ver\u00e4ndert sich die Haut des Hangs und damit auch die Haut der H\u00fctte. Von glatt-schuppigem Efeu bis hin zu salzkrustigem Rost.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute seid ihr fr\u00fcher fertig als gedacht, du f\u00e4hrst heim und schaust in der K\u00fcche nach deinen Algen. Du hast einen K\u00fcbel voller schlechter Trauben mitgenommen. Sie geben ihren g\u00e4renden Geruch in das Tupperware ab und du holst schnell den Topf mit den Algen. F\u00fctterst sie mit dem purpurnen Gelee und stellst den Topf wieder in den Eiskasten. Morgen wirst du den Topf aus dem K\u00fchlschrank nehmen, die nun rot gef\u00e4rbten Algen in eine alte Ketchupflasche f\u00fcllen und einen Topf mit kaltem Wasser bereitstellen. In Kreisen spritzt du die Masse durch die D\u00fcse in das Wasserbad. Ein d\u00fcnner Faden verh\u00e4rtet dabei soweit, dass man ihn sp\u00e4ter verarbeiten kann, ohne dass er zerflie\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Faden wabert in dem Wassertopf, du stellst das Ganze f\u00fcr 5 Minuten zum Ruhen und holst Handt\u00fccher aus dem Bad. Du bedeckst den Tisch mit vier Handt\u00fcchern und holst den Faden aus dem Topf. Legst ihn in dichten Schlingen auf das Frottee. Ich habe bei fr\u00fcheren Versuchen festgestellt, dass eine volle Ketchuptube genau zwei Drittel des Tisches bedeckt. Wenn du fertig bist mit Auflegen, nimmst du einen Waschlappen und beginnst die Schlingen, St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck abzutupfen und den \u00dcberschuss an Fl\u00fcssigkeit vorsichtig mit deinen Fingerspitzen im Handschuh auszupressen. Das Prozedere dauert ca. 40 Minuten. Dann holst du den Karton von einer Klopapierrolle und wickelst den Faden vorsichtig auf. Die dunkle Farbe gleitet zwischen deinen Fingern hindurch.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend schaltest du dir eine Serie ein und beginnst zu stricken. Ich habe ein Strickbuch von meiner Oma mitgenommen und habe dir einen einfachen V-Ausschnittpulli herausgesucht. Du beginnst mit dem Torso. Die dicken Stricknadeln machen ein angenehmes Klacken, dazwischen w\u00e4chst der Bund. Die rote Linie gleitet wieder durch die Finger hindurch und verstrickt sich zu einem festen Textil. Und doch ist es, als w\u00fcrde jeder Zentimeter Faden der durch deine H\u00e4nde f\u00e4hrt, etwas von dir mitnehmen. Als w\u00fcrdest du dich selbst verstricken, deine oberste Hautschicht in den Faden einarbeiten. So wie die H\u00fctte dem Bewuchs ihre oberste Holzschicht als Humus zur Verf\u00fcgung stellt, zum Wirt wird, ohne G\u00e4ste empfangen zu k\u00f6nnen, weil sie eingest\u00fcrzt ist und niemand sie nutzt. Das Geflecht, das die H\u00fctte umgibt, wird von ihr gen\u00e4hrt. Jede Kante, jedes ausgeschlagene Fenster gibt dem Geflecht eine Richtung. Leitet es an und zwingt es in eine Form.<\/p>\n\n\n\n<p>Um 10:00 wirst du in etwa mit dem Torso fertig sein und startest die n\u00e4chste Folge deiner Serie. Um Mitternacht wirst du die \u00c4rmel geschafft haben. Um 1:00 verbindest du die einzelnen Teile und gehst schlafen. Am n\u00e4chsten Morgen nach dem Fr\u00fchst\u00fcck vers\u00e4uberst du die Enden und ziehst es an. Atme den Geruch der Trauben ein, die den Algen ihre Farbe geben. Erinnere dich an den Fleck an deinem \u00c4rmel. Zieh in Gedanken die Kontur des Randes nach. Wie ein Wasserfleck der einen Kalkrand bildet. Achte auf das unregelm\u00e4\u00dfige Hin und Her der Linie, die sich entlang der Gewebsstruktur ausbreitet, so wie die Risse in den verwitterten Holzbalken.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Fleck am Stoff \u00fcber deinem Handgelenk mesmerisiert. Es ist wie ein<br \/>\nPuzzle, so als w\u00fcrde man im Wald nach oben schauen. Dort passen die Baum-<br \/>\nkronen ineinander. 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