{"id":21,"date":"2024-08-01T07:00:54","date_gmt":"2024-08-01T07:00:54","guid":{"rendered":"https:\/\/huettenschriften.at\/?p=21"},"modified":"2025-11-28T09:10:59","modified_gmt":"2025-11-28T09:10:59","slug":"sich-nackt-anziehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/huettenschriften\/21\/","title":{"rendered":"Sich nackt anziehen."},"content":{"rendered":"\n<p>\u201eIn den gro\u00dfen St\u00e4dten kann der Mensch zwar mit Leichtigkeit so allein sein,<br>wie kaum irgendwo sonst. Aber er kann dort nie einsam sein. Denn die Einsamkeit hat die ureigene Macht, da\u00df sie uns nicht vereinzelt, sondern das ganze Dasein loswirft in die weite N\u00e4he des Wesens aller Dinge.\u201c<sup>1<\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>1 Martin Heidegger: Warum wir in der Provinz bleiben? Hier nach: Die Weite aller gewachsenen Dinge. Martin Heideggers H\u00fctte in Todtnauberg &#8211; Ludwig Wittgensteins H\u00fctte in Skjolden. In: Daidalos 32\/1989 S. 86.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist die Urh\u00fctte in Verbindung mit dem Zimmermannstempel ein scheinbar omnipr\u00e4senter Topos der Architekturtheorie. Selbst Durands Versuch, ihr den Garaus zu machen,<sup>2 <\/sup>scheiterte im historischen R\u00fcckblick, sodass wir sie sogar noch bei Le Corbusier wiederfinden.<sup>3<\/sup> Einerseits ist das verst\u00e4ndlich, denn es handelt sich dabei ja lediglich um die Illustration einer vitruvianischen Legende. Diese ist zudem bedeutsamer Teil des \u201aUrtextes\u2018 der europ\u00e4ischen Architekturtheorie und Ausgangspunkt jener Stoffwechseltheorie,<sup>4<\/sup> an dem der ganze Mimesiskomplex der Architektur h\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>2 J. N. L. Durand: Abri\u00df der Vorlesungen \u00fcber Baukunst gehalten an der polytechnischen Schule zu Paris. Karlsruhe und Freiburg: Werdersche Kunst- und Buchhandlung (1831), S. 6 ff.<\/p>\n\n\n\n<p>3 Eine Skizze des Zimmermannstempels findet sich in: Le Corbusier: Une Maison \u2013 Un Palais. Paris: Cr\u00e8s (1928) S. 43.<\/p>\n\n\n\n<p>4 Vitruv I, 1, 1ff. IV, 2,2 Hier nach Vitruv: Zehn B\u00fccher \u00fcber Architektur. \u00dcbersetzt und mit Anmerkungen versehen von Curt Fensterbusch: Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft (1981)<br>S. 79ff. und S. 177.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Andererseits darf man aber schon anmerken, dass es mit der (Ur-)H\u00fctte vielleicht etwas \u00e4hnlich ist, wie mit Leonardos Illustration zu Vitruvs homo ad circulum und homo ad quadratum,<sup>5<\/sup> der schlie\u00dflich in Sakrileg als Da Vinci Code popul\u00e4r mystifiziert wurde. Denn es begegnet uns beispielsweise Heideggers Datsche von 1922 immer wieder in Literatur und Ausstellungen als einfache H\u00fctte,<sup>6<\/sup> die mit allerlei philosophischem Pathos aufgeladen ist, obwohl sie vonseiner Frau finanziert und entworfen wurde,<sup>7<\/sup> f\u00fcr die als T\u00e4tigkeitsfeld wohl die Wohnk\u00fcche im westlichen Teil des Hauses vorgesehen war.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>5 Vitruv III,1,3 (S. 139).<\/p>\n\n\n\n<p>6 z. B. Daidalos 32\/1989 S. 84ff., Biennale di Venezia 2015: Peter Friedl: Heidegger, 2014: Adam Sharr: Heideggers H\u00fctte. Berlin: Brinkmann &amp; Bose (2010); Dieter Roelstrate: Machines \u00e0 penser. Ausstellung Fondazione Prada, Venedig 26.05.-26.11.2018.<\/p>\n\n\n\n<p>7 Sharr S. 117 FN 36.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Wittgensteins bekanntes Ferienhaus in Skjolden von 1913, das gravit\u00e4tisch am<br>Steilhang \u00fcber einem Fjord lag, ist inzwischen als touristischer Hotspot wieder<br>aufgebaut worden,<sup>8<\/sup> wo man den Gedankeng\u00e4ngen des Philosophen n\u00e4her sein<br>soll als anderswo.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>8 s. z.B.: https:\/\/www.visitnorway.de\/listings\/ \u00d8sterike-the-site-of-wittgensteins-hut-in-skjolden\/245052\/ Abfrage 06.06.2024.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>In der unber\u00fchrten Natur sollte das Alleinsein des St\u00e4dters gegen eine Erkennt<br>nis versprechende Einsamkeit getauscht werden. Doch man darf anmerken, dass Heideggers Landh\u00e4uschen \u00fcber immerhin insgesamt sechs Betten verf\u00fcgte<sup>9<\/sup> und, dass er als NS-Rektor dort auch mal seine akademischen Parteigenossen und Lieblingssch\u00fcler versammelte.<sup>10 <\/sup>Wittgenstein wiederum verbrachte seine Zeit in Skjolden mit seinen Geliebten. Es ist also wohl eher der Blick der wohlhabenden St\u00e4dter, die ihre Kleinh\u00e4user zu archaischen Eremitagen machen.<sup>11<\/sup> Sie zieht es, wie schon Marie Antoinette in ihrem Hameu de la Reine, zu kleinb\u00fcrgerlicher l\u00e4ndlicher Idylle, dorthin, wo fr\u00fcher die Bauern auf den ihren Villen angeschlossenen Landg\u00fctern f\u00fcr jene Eink\u00fcnfte schufteten, die ihr sorgloses Leben sicherten. Indem man im Rokoko Sch\u00e4fer spielte oder wie Heidegger mit den Bauern schweigend Pfeife rauchte,<sup>12<\/sup> verkl\u00e4rte man wohl deren Lebensumst\u00e4nde und exkulpierte sich gleichzeitig von den eigenen Privilegien. Heute geht die \u201aLandliebe\u2018 sogar noch etwas weiter, wenn populistische Kommunalpolitiker in Hinblick auf die W\u00e4hlergunst versuchen, das Gro\u00dfstadtleben in eine d\u00f6rfliche Kulisse zu verwandeln, die aus Rosamunde Pilcher-Verfilmungen bezogen scheint. Indem jetzt beispielsweise auf Anordnung der Planungsstadtr\u00e4tin aus dem Michaelerplatz eine Art Dorfplatz mit Trinkbrunnen und B\u00e4umen gemacht werden soll, zeigt sich, dass die ideale Stadt derzeit offenbar ein Dorf ist, in dem die Annehmlichkeiten der Gro\u00dfstadt nur unsichtbar pr\u00e4sent sind, bewohnt von Bobos, die es sich leisten k\u00f6nnen als Antiquit\u00e4tenh\u00e4ndler, M\u00f6belrestauratoren, oder allenfalls als anachronistische Buchh\u00e4ndler, ihre Neigungen zum Beruf zu machen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>9 Sharr S. 18ff., S. 69.<\/p>\n\n\n\n<p>10 Sharr S.66.<\/p>\n\n\n\n<p>11 s. Sharr S. 83f.<\/p>\n\n\n\n<p>12 s. Daidalos 32\/1989 S. 84.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Es hat dieser Hang zum Landleben etwas von der \u00e4sthetischen Kategorie des Erhabenen, das als ein \u201eWohlgefallen \u00bbmit Grausen\u00ab\u201c<sup>13<\/sup> beschrieben werden kann, da auch hier prek\u00e4re Lebenssituationen aus sicherer Distanz als lediglich \u00e4sthetisches Schauspiel rezipiert werden. Und in der Tat lie\u00df sich Heidegger besonders von den St\u00fcrmen inspirieren, die um sein Haus herumfegten,<sup>14<\/sup> w\u00e4hrend ihm seine H\u00fctte, die er ab 1933 mit dem Auto anfahren konnte,<sup>15<\/sup> Schutz und W\u00e4rme bot. Mag sein, dass jedes Landhaus, bei dem schon der Name sagt, dass es von einem St\u00e4dter bewohnt wird, unabh\u00e4ngig von seiner Gr\u00f6\u00dfe, in seinem innersten Wesenskern eine H\u00fctte tr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>13 Kurt Ewald: Die Sch\u00f6nheit der Maschine In: Die Form.1. Jg. 1925\/26 Heft 6, S. 112.<\/p>\n\n\n\n<p>14 Sharr S. 71.<\/p>\n\n\n\n<p>15 Sharr S. 117 FN33.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>So k\u00f6nnte man vielleicht daraus folgern, dass es nicht nur um die gebaute Form geht, sondern auch darum, wer sie wof\u00fcr errichtet. Der Weinbauer, der eine H\u00fctte braucht, um Unterschlupf vor der Witterung oder Platz f\u00fcr seine Ger\u00e4tschaften zu finden, sucht die einfache Form ganz selbstverst\u00e4ndlich, um M\u00fche, Zeit und Geld zu sparen. Der St\u00e4dter, wenn er sich etwas ganz \u00c4hnliches bauen l\u00e4sst, schafft damit aber oft nur pathetische Koketterie. \u00dcbertragen auf die Architektur im Allgemeinen w\u00fcrde das vielleicht bedeuten, dass der Pathos der Reduktion oft nicht weniger Kitsch ist, als ihn die Moderne im historischen Ornament sah. Die Betonstruktur eines Industriebaus wirkt angemessen und robust, ihre \u00dcbernahme als Sichtbetonfl\u00e4che in ein Museum, ein Wohn-, B\u00fcro- oder Gesch\u00e4ftshaus, wie wir Architekten sie seit 100 Jahren so gerne planen<sup>16<\/sup> kann man (selbst)kritisch durchaus als etwas Fragw\u00fcrdiges sehen. Mies van der Rohes \u201eLess is more\u201c erh\u00e4lt so eine andere, fast w\u00f6rtliche, Bedeutung.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>16 s. Reyner Banham,: A Concrete Atlantis. Cambridge (Massachusetts), London (England): MIT Press (1986).<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kistch und Kontext.<\/p>\n<p>Es ist die Urh\u00fctte in Verbindung mit dem Zimmermannstempel ein scheinbar omnipr\u00e4senter Topos der Architekturtheorie. Selbst Durands Versuch, ihr den Garaus zu machen, scheiterte im historischen R\u00fcckblick, sodass wir sie sogar noch bei Le Corbusier wiederfinden.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[14],"tags":[],"class_list":["post-21","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-huettenschriften"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21"}],"version-history":[{"count":17,"href":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":819,"href":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21\/revisions\/819"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}