{"id":366,"date":"2025-11-15T02:00:46","date_gmt":"2025-11-15T02:00:46","guid":{"rendered":"https:\/\/huettenschriften.at\/?p=366"},"modified":"2026-01-07T20:48:24","modified_gmt":"2026-01-07T20:48:24","slug":"from-courtney-to-courtly-love","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/schachtelschriften\/366\/","title":{"rendered":"From Courtney to Courtly Love"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Du sollst hier merken, dass ich Dir dies<br>\u00fcbersandt habe, weil ich ein wenig Hoffnung<br>habe, was Dich (und mich) betrifft.<\/em><sup>1<\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>1<\/sup> Rahmeninschrift auf dem sog. \u201eM\u00fcnchner Minnek\u00e4stchen\u201c aus<br>der Sammlung des Bayerischen Nationalmuseums, zitiert nach: J\u00fcrgen<br>Wurst, <em>Reliquiare der Liebe: Das M\u00fcnchner Minnek\u00e4stchen und andere Minnek\u00e4stchen aus dem deutschsprachigen Raum<\/em> (Diss. unpubl., Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t [M\u00fcnchen] 2005), 14ff.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>In der materialistisch gepr\u00e4gten Kultur des 21. Jahrhunderts fristet die Schachtel oft ein tristes Dasein. Als gefalteter Umzugskarton verbringt sie nicht selten den Gro\u00dfteil ihrer Tage in finsteren Kellerabteilen; unliebsam in einen engen Spalt geschoben, wartet die Kartonage auf den n\u00e4chsten Umzug. Geradezu tragisch ist dagegen das Schicksal des Geschenkkartons, der in feierlichem Rahmen zur blo\u00dfen Maximierung des kollektiven \u00dcberraschungseffekts herhalten muss. Liegt das ausgepackte Geschenk erst einmal auf dem Gabentisch, bleibt als letzte Hoffnung nur die fachgerechte Entsorgung, die als bitteren Trost immerhin einen zweiten Lebenszyklus in Aussicht stellt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><em>Heart-Shaped Box<\/em><\/h2>\n\n\n\n<p>Was aber wenn sich am Ende nicht der verschenkte Inhalt, sondern das d\u00fcnnwandige Beh\u00e4ltnis, das diesen in sich birgt, zur eigentlichen Hauptattraktion, mehr noch zum Titel eines Kultsongs aufschwingt? Eine solche Verkehrung der \u00fcblichen Verh\u00e4ltnisse ereignete sich in den fr\u00fchen 90er Jahren als Courtney Love ihrem damaligen Lebensgef\u00e4hrten Kurt Cobain mehrere kleine Andenken schenkte, die in einer herzf\u00f6rmigen Schachtel verpackt waren. Der S\u00e4nger revanchierte sich f\u00fcr die empfangene Gabe mit einer poetischen Geste, die Eingang in die Musikgeschichte finden sollte: Am 30. August 1993 ver\u00f6ffentlichte die Grunge-Band Nirvana den Song <em>Heart-Shaped Box <\/em>als erste Singleauskopplung ihres letzten Studioalbums <em>In Utero<\/em>. Obwohl der Text bewusst mehrdeutig gestaltet ist und verschiedene Interpretationsm\u00f6glichkeiten erlaubt, lassen sich als Kernthemen Obsession und Kontrolle im Kontext einer fragilen Liebesbeziehung ausmachen. Zu einer biografischen Auslegung veranlasst insbesondere die zweite Strophe des ersten Verses, worin die im Titel vorweggenommene herzf\u00f6rmige Schachtel aufgegriffen und als direkte Anspielung auf Cobains Beziehung zu Courtney Love lesbar wird.<sup>2<\/sup> Dem Subgenre des Anti-Liebesliedes entsprechend, wird die Beziehung als problematisches Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis mit ungleichen Machtpolen beschrieben \u2013 die herzf\u00f6rmige Schachtel literarisch zu einer Falle umgedeutet, in der das lyrische Ich eingeschlossen ist: \u201eI\u2032ve been locked inside your heart-shaped box for weeks\u201c<sup>3<\/sup>.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>2<\/sup> Charles R. Cross, <em>Heavier than Heaven: A Biography of Kurt Cobain <\/em>(Grand Central Publishing, 2019), <em>Chapter 20 Heart-Shaped Coffin<\/em>, 277-292.<br><br><sup>3<\/sup> Nirvana, <em>Heart-Shaped Box<\/em>, auf <em>In Utero<\/em>, aufgenommen 1993, DGC Records.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Aus kunsthistorischer Sicht dr\u00e4ngt sich vor diesem sentimentalen Hintergrund eine r\u00e4tselhafte Objektgruppe auf, die auf den ersten Blick wenig mit Kurt und Courtneys <em>Heart-Shaped Box<\/em> gemein hat, bei genauerem Hinsehen jedoch untrennbar mit der soziokulturellen Praxis des Schenkens wie der misogynen Figur des leidenden Liebhabers zusammenh\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><em>Minnek\u00e4stchen<\/em><\/h2>\n\n\n\n<p>Selbst wohl als kostbare Beh\u00e4ltnisse zur Aufbewahrung winziger Gegenst\u00e4nde bestimmt, eint die sogenannten <em>Minnek\u00e4stchen<\/em><sup>4<\/sup> zun\u00e4chst ihr mittelalterliches Aussehen; dar\u00fcber hinaus vielleicht der Umstand, dass die Varianten des deutschsprachigen Raums im Gegensatz zu ihren internationalen Geschwistern nicht aus wertvollen Rohstoffen wie Edelmetall oder Elfenbein geschaffen sind, sondern aus Leder oder Holz bestehen.<sup>5<\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>4 <\/sup> Die Bezeichnung ist eine romantische Erfindung des 19. Jahrhunderts. N\u00e4heres zur Begriffsverbreitung bzw. Gattungsentstehung siehe: Wurst, <em>Reliquiare der Liebe<\/em>, 14ff.<br><br><sup>5<\/sup> Michael Camille<em>, The Medieval Art of Love: Objects of Desire<\/em> (Laurence King, 1998), 65.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Hinzu kommt die Verwendung selber oder \u00e4hnlicher Motive, der die Gattung ihren sprechenden Namen verdankt. So weist eine Vielzahl der zum Teil erstaunlich gut erhaltenen Sammlungsst\u00fccke Bildsujets auf, die zweifellos dem Motivkreis der Minne angeh\u00f6ren: Wilde Leute, die mit Keulen groteskes Rankenwerk durchk\u00e4mmen, weiblich gelesene Figuren, die zusammen mit Einh\u00f6rnern minuti\u00f6s geschnitzte G\u00e4rtchen bewohnen, ritterlich gekennzeichnete H\u00f6flinge im Moment der Werbung, aber auch andere nicht immer eindeutig deschiffrierbare Liebessymbole.<sup>6<\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>6<\/sup> Einer systematischer Versuch unter dem Gattungsnamen \u201eMinnek\u00e4stchen\u201c verschiedene Objekte einer katalogisierenden Beschreibung zu unterziehen, wurde erstmals von Heinrich Kohlhaussen in einem Beitrag im <em>Jahrbuch der Preuszischen Kunststammlungen<\/em> unternommen: Heinrich Kohlhaussen, \u201eRheinische Minnek\u00e4stchen des Mittelalters,\u201c <em>Jahrbuch der Preuszischen Kunstsammlungen <\/em>46 (1925), 203-247. Der Text bildet das Fundament einer drei Jahre sp\u00e4ter ver\u00f6ffentlichten, umfassenderen Gesamtdarstellung: Heinrich Kohlhaussen, <em>Minnek\u00e4stchen im Mittelalter<\/em> (Verlag f\u00fcr Kunstwissenschaft, 1928). Eine kritische Erweiterung, die ihren Schwerpunkt auf das sog. \u201eM\u00fcnchner Minnek\u00e4stchen\u201c legt, stellt J\u00fcrgen Wursts 2005 vorgelegte Dissertation <em>Reliquiare der Liebe <\/em>dar.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Eine vergleichbare inhaltliche Tonalit\u00e4t stimmen die vielz\u00e4hligen Inschriften an, mit denen die \u00e4u\u00dferen Schaufl\u00e4chen vieler K\u00e4stchen \u00fcbers\u00e4t sind. Oft eingebettet in schwungvoll aufgerollte Spruchb\u00e4nder erz\u00e4hlen sie von ritterlicher Tugend, triebhaftem Begehren oder brennender Sehnsucht.<sup>7<\/sup>  Zusammen mit den minneallegorischen Bildmotiven, deren Entschl\u00fcsselung teils eine fundierte ikonografische Kennerschaft voraussetzt, konstruieren die Inschriften ein vermeintlich koh\u00e4rentes System aus Zeichen und Symbolen, das Kunsthistoriker wie Heinrich Kohlhaussen und J\u00fcrgen Wurst in ihren einschl\u00e4gigen Publikationen dazu veranlasst hat, die Objekte innerhalb der materiellen Kultur der mittelalterlichen Ehewerbung und Verm\u00e4hlungsbr\u00e4uche zu verorten.<sup>8<\/sup> <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>7 <\/sup>Zum Verh\u00e4ltnis von Text und Bild siehe: Stefan Matter, <em>Reden von der Minne: Untersuchungen zu Spielformen literarischer Bildung zwischen verbaler und visueller Vergegenw\u00e4rtigung anhand von Minnereden und Minnebildern des deutschsprachigen Sp\u00e4tmittelalter <\/em>(A. Francke Verlag, 2013),<em> <\/em>296-321<em>.<\/em><br><br> <sup>8 <\/sup>Kohlhaussen, <em>Rheinische Minnek\u00e4stchen des Mittelalters<\/em>, 203; Wurst, <em>Reliquiare der Liebe<\/em>, 201.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Eine besonders pr\u00e4zise Antwort auf die nicht unumstrittene Gebrauchsfrage formuliert Michael Camille. Folgt man seinen \u00dcberlegungen, handelt es sich bei den <em>Minnek\u00e4stchen<\/em> um aufwendig verzierte Geschenkeverpackungen f\u00fcr kleine, daf\u00fcr aber umso kostbarere Wertgegenst\u00e4nde \u2013 M\u00fcnzen vielleicht oder gar Edelsteine \u2013 die der Br\u00e4utigam im zeremoniellen Rahmen der Eheschlie\u00dfung seiner k\u00fcnftigen Gemahlin als eine Art Gegenleistung f\u00fcr die empfangene Mitgift unterbreitet h\u00e4tte.<sup>9<\/sup> In n\u00fcchterner Betrachtung lie\u00dfen sich die K\u00e4stchen folglich als romantisch-verbr\u00e4mte Aufwendung innerhalb der komplexen und von finanziellen Abh\u00e4ngigkeiten gepr\u00e4gten Heirats\u00f6konomie der europ\u00e4ischen H\u00f6fe begreifen \u2013 w\u00e4re nicht unklar, ob eine solche Verwendung \u00fcberhaupt mit den damaligen Gepflogenheiten \u00fcbereinstimmt.<sup>10<\/sup> <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><br><sup>9<\/sup> Camille, <em>The Medieval Art of Love<\/em>, 65.<br><br><sup>10<\/sup> Kritische Positionen zu Verwendung und Gebrauchskontext: Dorothea &amp; Peter Diemer, \u201eMinnesangs Schnitzer: Zur Verbreitung der sogenannten Minnek\u00e4stchen,\u201c in <em>Festschrift Walter Haug und Burghart Wachinger<\/em>, vol. 2, ed. Johannes Janota et al. (Max Niemeyer Verlag GmbH &amp; Co. KG, 1992), 1021-1060; Silke Tammen, \u201eZwischen Schloss und Riegel: Schl\u00fcsselszenen an den sogenannten Minnek\u00e4stchen des Mittelalters\u201c in <em>H\u00fcllen und Enth\u00fcllungen: (Un-)Sichtbarkeit aus kulturwissenschaftlicher Perspektive<\/em>, ed. Inga Klein et al. (Reimer Verlag GmbH, 2017), 22-46, 42.&nbsp;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Denn tats\u00e4chlich ist die Beweisschicht f\u00fcr den oft postulierten Gebrauch der K\u00e4stchen als <em>Brauttruhe en miniature<\/em> eher d\u00fcnn. Wenig aussagekr\u00e4ftig sind zum einen die \u00fcberschaubaren Bildzeugnisse, die in der bisherigen <em>Minnek\u00e4stchen<\/em>-Diskussion als Kronzeugen angerufen wurden.<sup>11<\/sup> Gleichzeitig werden kleine Schmuckk\u00e4stchen nur selten im Kontext mittelalterlicher Liebestraktate erw\u00e4hnt.<sup>12<\/sup> \u00c4hnliches gilt f\u00fcr den Minnesang. Zwar erfreut sich die Metapher des Schl\u00fcssels zum Herzen einer geliebten Person darin einer gewissen Popularit\u00e4t. Passagen, in denen kleine Liebesschreine explizit als Geschenke \u00fcberreicht werden, sind hingegen rar,<sup>13<\/sup> zumal die wenigen Belegstellen einer fiktionalen Gattung angeh\u00f6ren, mithin kaum Zuverl\u00e4ssiges \u00fcber den tats\u00e4chlichen Gebrauch ihrer realen Gegenst\u00fccke auszusagen verm\u00f6gen.<sup>14<\/sup> Erschwerend kommt ein Mangel an archivalischen Beweisdokumenten hinzu, den Wurst in seiner Dissertation zum sogenannten <em>M\u00fcnchner Minnek\u00e4stchen<\/em> in einem eigenen Abschnitt thematisiert.<sup>15<\/sup>&nbsp;Als Hauptanhaltspunkt bleiben am Ende nur die Objekte selbst.<sup>16<\/sup> Konsequenterweise findet sich die Forschung auf ihren Erkenntnisgegenstand, insbesondere dessen konstruktive Eigenschaften und mechanische Funktionen zur\u00fcckgeworfen.<sup>17<\/sup> Dass die starke Fokussierung auf den Dualismus des \u00d6ffnens und Schlie\u00dfens sowie dem damit verbundenem dialektischem Verh\u00e4ltnis zwischen \u00e4u\u00dferer H\u00fclle und verborgenem Inhalt dabei zu befremdlichen Ergebnissen f\u00fchrt, l\u00e4sst sich beispielhaft an Camilles Ausf\u00fchrungen veranschaulichen, der den verschlossenen Zustand der K\u00e4stchen mit der Unantastbarkeit des weiblichen K\u00f6rpers in Beziehung setzt; einem K\u00f6rper, der in seiner durchaus problematischen Leseart als reines Besitzobjekt des m\u00e4nnlichen Ehegatten markiert wird:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>11<\/sup> Diemer &amp; Diemer, <em>Minnesangs Schnitzer<\/em>, 1025.<br><br><sup>12<\/sup> Wurst, <em>Reliquiare der Liebe<\/em>, 175.<br><br><sup>13<\/sup> Wurst, <em>Reliquiare der Liebe<\/em>, 179fff.<br><br><sup>14<\/sup> Diemer &amp; Diemer, <em>Minnesangs Schnitzer<\/em>, 1038.<br><br><sup>15<\/sup> Wurst, <em>Reliquiare der Liebe<\/em>, 196-203.<br><br><sup>16<\/sup> Diemer &amp; Diemer, <em>Minnesangs Schnitzer<\/em>, 1024.<br><br><sup>17<\/sup> Camille, <em>The Medieval Art of Love<\/em>, 65; Wurst, <em>Reliquiare der Liebe<\/em>, 179; Tammen, <em>Zwischen Schloss und Riegel<\/em>, 23.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>&#8222;The box with its metaphorics of opening and closing, interiority and outer surface, was always closely linked to the inviolable female body, open only to her husband-owner. This is true of chests of all sizes and types [\u2026].&#8220;<sup>18<\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>18<\/sup> Camille, <em>The Medieval Art of Love<\/em>, 65.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich argumentiert Wurst, der in seiner Dissertation auf mehrere mittelalterliche Verk\u00fcndigungsszenen verweist, die Maria im Beisein geschlossener Schatullen zeigen \u2013 ein Motiv, das der Autor als Sinnbild <em>marianischer<\/em> <em>Reinheit<\/em> und <em>Unbeflecktheit <\/em>interpretiert. Dieselbe Deutungslogik wendet Wurst auf den profanen Gebrauchskontext der Brautwerbung an, wonach das \u00d6ffnen des Minnek\u00e4stchens einem symbolischen Verlust der Jungfr\u00e4ulichkeit gleichk\u00e4me.<sup>19<\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>19 <\/sup>Wurst, <em>Reliquiare der Liebe<\/em>, 195f.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Fraglich ist allerdings, ob derartige Objektassoziationen (die eher hypothetischen Hilfskonstruktionen gleichen) der Forschung zu einem besseren Verst\u00e4ndnis ihrer konkreten Anschauungsgegenst\u00e4nde verhelfen oder ob sie nicht vielmehr deren patriarchale Denk- und Wahrnehmungsmuster offenlegen. Denn genauso gut wie die Schachtel allegorisch als <em>jungfr\u00e4ulicher<\/em> oder <em>entjungferter Frauenk\u00f6rper<\/em><sup>20<\/sup> behauptet werden kann, l\u00e4sst sich der Vorgang des Aufschlie\u00dfens metaphorisch auf das m\u00e4nnliche Forschersubjekt r\u00fcckbeziehen, das seine Blicke im Sinne des <em>Male<\/em> <em>Gaze<\/em><sup>21<\/sup> auf ein weiblich gelesenes Forschungsobjekt richtet, um dieses in einem Akt der intellektuellen Aneignung in ein wissenschaftlich-kodifiziertes Klassifikationssystem einzuhegen. Aus diesem Blickwinkel kommt dem Forscher die Rolle eines voyeuristischen Schl\u00fcsselbewahrers zu, der mit den Mitteln der Analyse, Interpretation und Zuschreibung die Ordnung der Dinge strukturiert. Sein wichtigstes Erkenntnisinstrument, der Deutungsschl\u00fcssel, tr\u00e4gt als phallusf\u00f6rmiges Objekt, das in ein Loch geschoben wird, symbolisch zu besagter Wahrnehmung bei.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>20<\/sup> Die kursiv gesetzten Begriffe werden ausschlie\u00dflich zur kritischen Offenlegung des Diskurses wiedergegeben. Der Autor dieses Beitrags distanziert sich explizit von der dadurch reproduzierten Interpretationslinie.<br><br><sup>21<\/sup> &nbsp;Laura Mulvey, \u201eVisual Pleasure and Narrative Cinema\u201c in <em>Screen<\/em> 16, no. 3 (Autumn 1975), 6-18.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Dass dem Verh\u00e4ltnis zwischen Erfahrungsgegenstand und Forschersubjekt eine sexuelle Dimension anhaftet, l\u00e4sst sich im Kontext des Minnek\u00e4stchendiskurses praktisch an einem gemeinsamen Beitrag von Dorothea und Peter Diemer verdeutlichen, der sich ebenfalls mit der von Kohlhaussen und Wurst untersuchten Objektgruppe besch\u00e4ftigt, den Fokus jedoch weniger auf die urspr\u00fcngliche Verwendung als auf die Frage nach der Authentizit\u00e4t der Werkst\u00fccke legt. \u201eMinnek\u00e4stchen [so hei\u00dft es an einer Stelle des Textes beil\u00e4ufig; Anm. M. S.] sind seit Kohlhaussen keineswegs mehr \u00bbf\u00fcr die Kunstgeschichte ein fast jungfr\u00e4uliches Thema\u00ab, sondern haben ihren festen Platz im Tornister des Medi\u00e4visten.\u201c<sup>22<\/sup> W\u00e4hrend der \u201eTornister des Medi\u00e4visten\u201c erneut ein m\u00e4nnliches Bewusstsein impliziert, charakterisiert der vorhergehende Satzteil den Untersuchungsgegenstand als Besitzobjekt von verringerter sexueller Begehrlichkeit, den der Medi\u00e4vist in einer kastenf\u00f6rmigen Vorrichtung herumschleppt. Einmal mehr wird der Forschungsprozess als ein Akt m\u00e4nnlicher Inbesitznahme virtualisiert, wobei das Schaubild hier durch Erg\u00e4nzung einer libidin\u00f6sen Komponente eine produktive Erweiterung erf\u00e4hrt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>22<\/sup> Diemer &amp; Diemer, <em>Minnesangs Schnitzer<\/em>, 1026.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die Parallelen zu den oben skizzierten Gebrauchs\u00fcberlegungen, die im Minnek\u00e4stchendiskurs ge\u00e4u\u00dfert wurden, sind auff\u00e4llig. Auch hier ging es im Wesentlichen um die Festschreibung von Geschlechterhierarchien und Eigentumsverh\u00e4ltnissen, wobei die umworbene Braut als teilnahmsloser K\u00f6rper zusammen mit anderen Heiratsg\u00fctern in den Besitz eines Mannes \u00fcber wanderte.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Dialektik der <em>Minneherrschaft<\/em><\/h2>\n\n\n\n<p>Bemerkenswerterweise erz\u00e4hlen die Objekte selbst eine ganz andere Geschichte. Lassen sich im Minnek\u00e4stchendiskurs \u00fcberwiegend Positionen verzeichnen, die einen patriarchalstrukturierten Entstehungs- und Gebrauchskontext annehmen, diesen bisweilen durch die oben zitierten und paraphrasierten Passagen selbst reproduzieren, entfalten sich auf den Au\u00dfenseiten der K\u00e4stchen Bilder weiblicher Superiorit\u00e4t. Ein besonders sprechendes Beispiel dieser inversen Machtdynamik zeichnet sich auf der wurmstichigen Front eines oberrheinischen Lindenholzk\u00e4stchens (Abb. 1) aus der Sammlung des Historischen Museums Basel ab. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"634\" src=\"https:\/\/huettenschriften.at\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/ABB-1-Holzkaestchen-mit-Minneszenen-\u24d2-Historisches-Museum-Basel-Peter-Portner-1024x634.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-950\" srcset=\"https:\/\/huettenschriften.at\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/ABB-1-Holzkaestchen-mit-Minneszenen-\u24d2-Historisches-Museum-Basel-Peter-Portner-1024x634.jpg 1024w, https:\/\/huettenschriften.at\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/ABB-1-Holzkaestchen-mit-Minneszenen-\u24d2-Historisches-Museum-Basel-Peter-Portner-300x186.jpg 300w, https:\/\/huettenschriften.at\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/ABB-1-Holzkaestchen-mit-Minneszenen-\u24d2-Historisches-Museum-Basel-Peter-Portner-768x475.jpg 768w, https:\/\/huettenschriften.at\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/ABB-1-Holzkaestchen-mit-Minneszenen-\u24d2-Historisches-Museum-Basel-Peter-Portner-1536x951.jpg 1536w, https:\/\/huettenschriften.at\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/ABB-1-Holzkaestchen-mit-Minneszenen-\u24d2-Historisches-Museum-Basel-Peter-Portner-2048x1268.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Umrahmt von geschnitzten Blattranken zeigt das durchbrochene Relief der Vorderseite die Ann\u00e4herung eines untert\u00e4nigen Mannes, der im Kniefall ein geschwungenes Spruchband, wie ein kostbares Geschenk pr\u00e4sentiert. Sichtlich unber\u00fchrt von seiner dem\u00fctigen Bitte: \u201ebegnod mich all liepetes jungfre\u201c<sup>23<\/sup> reibt eine linkssitzende Frau ein auf dem Kopf stehendes Herz in einen M\u00f6rser. W\u00e4hrend der Text ihres Spruchbandes: \u201edas herz d\u00een lidet p\u00een\u201c die erlittenen Qualen unterstreicht, stellt der Minnewerbende seine Dienstbereitschaft performativ durch die paravasallische Haltung (inclinatio) unter Beweis, die als ikonografisches Leitmotiv aus dem Bereich der Hohen Minne \u00fcbernommen sein d\u00fcrfte.<sup>24<\/sup> Demonstrativ artikuliert das m\u00e4nnliche Subjekt in dieser Weise ein gespaltenes Charakterbild, das sich im polaren Spannungsfeld zwischen Affektkontrolle und kontingenter Emotionalit\u00e4t situiert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><strong>Abb. 1: Anonym, Frontansicht eines Holzk\u00e4stchen mit Minneszenen, 1500-1550, Oberrhein, wohl Basel, Lindenholz, teilweise mit bemaltem Papier, H. 10 x B. 19,6 x T. 11,3 cm, Historisches Museum Basel<\/strong>, \u00a9 Peter Portner.<br><br><sup>23 <\/sup>Zitiert nach: Wurst, <em>Reliquiare der Liebe<\/em>, 219.<br><br><sup>24<\/sup> Stefan Matter, \u201eMinneszenen in der bildenden Kunst des sp\u00e4teren Mittelalters und ihr Verh\u00e4ltnis zu Minnereden\u201c in <em>Triviale Minne? Konventionalit\u00e4t und Trivialisierung in sp\u00e4tmittelalterlichen Minnereden<\/em>, ed. Ludger Lieb and Otto Neudeck. (de Gruyter 2006), 165-199, 182f.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die Szene ist kein Einzelfall. Einen fast didaktischen Katalog unterschiedlicher Herzensqualen, f\u00e4chert ein kolorierter Einblattholzschnitt (Abb. 2) auf, der um 1485 datiert wird. Eine Figurenkonstellation, die dem durchbrochenen Relief des Basler K\u00e4stchens in manchen Aspekten \u00e4hnelt, findet sich im Zentrum der Komposition. Erneut bittet ein mit Spruchband ausgestatteter Mann eine dominant inszenierte Frau um Erbarmen: \u201eO freulein h\u00fcbsch un(d) fein. Erlo\u00df Mich au\u00df der pein und schleus mich in die arm dein\u201c. Wieder st\u00f6\u00dft der Begnadigungswunsch bei der Adressatin auf taube Ohren. Unbehelligt spie\u00dft sie ein Herz auf eine Lanze, durchbohrt ein zweites mit dem Schwert, w\u00e4hrend ihr ein drittes als Fu\u00dfabtreter dient.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"721\" src=\"https:\/\/huettenschriften.at\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/ABB-2-Frau-Venus-und-der-Verliebte-\u00a9-Staatliche-Museen-zu-Berlin-Kupferstichkabinett-Dietmar-Katz-1024x721.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-966\" srcset=\"https:\/\/huettenschriften.at\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/ABB-2-Frau-Venus-und-der-Verliebte-\u00a9-Staatliche-Museen-zu-Berlin-Kupferstichkabinett-Dietmar-Katz-1024x721.jpg 1024w, https:\/\/huettenschriften.at\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/ABB-2-Frau-Venus-und-der-Verliebte-\u00a9-Staatliche-Museen-zu-Berlin-Kupferstichkabinett-Dietmar-Katz-300x211.jpg 300w, https:\/\/huettenschriften.at\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/ABB-2-Frau-Venus-und-der-Verliebte-\u00a9-Staatliche-Museen-zu-Berlin-Kupferstichkabinett-Dietmar-Katz-768x541.jpg 768w, https:\/\/huettenschriften.at\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/ABB-2-Frau-Venus-und-der-Verliebte-\u00a9-Staatliche-Museen-zu-Berlin-Kupferstichkabinett-Dietmar-Katz-1536x1081.jpg 1536w, https:\/\/huettenschriften.at\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/ABB-2-Frau-Venus-und-der-Verliebte-\u00a9-Staatliche-Museen-zu-Berlin-Kupferstichkabinett-Dietmar-Katz-2048x1441.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Doch sind die Darstellungsm\u00f6glichkeiten des m\u00e4nnlichen Minneleids mit der facettenreichen Aufz\u00e4hlung des Holzschnittes l\u00e4ngst nicht ersch\u00f6pft. So lassen sich im Motivfundus der <em>Minnek\u00e4stchen<\/em> noch weitere, vergleichbare Visualisierungen ausmachen. Eine besonders eindringliche Formulierung ziert das Deckelrelief eines sp\u00e4tmittelalterlichen Birnbaumk\u00e4stchens aus dem Bestand des Museums f\u00fcr Angewandte Kunst in K\u00f6ln. Mit gezielten Hammerschl\u00e4gen traktiert im mittleren Bildfeld des Deckels eine Frau ein gro\u00dfes Herz auf einem Ambos, das von derselben Akteurin zuvor aus der Brust eines Mannes herausgerissen wurde.<sup>25<\/sup> Der Text ihres Spruchbandes \u201edies mach ich noch mime sine\u201c markiert den brutalen Tathergang als freie Willens\u00e4u\u00dferung. Gegenteilig ist die Rolle des Mannes gekennzeichnet, der direkt zu Beginn der dreiteiligen Szenenfolge wie ohnm\u00e4chtig r\u00fccklings ins Ungl\u00fcck stolpert. Die patriarchale Logik scheint dadurch einmal mehr auf den Kopf gestellt, wenngleich die Verkehrung des Machtverh\u00e4ltnisses umso schwerer wiegt als hier das Schmieden \u2013 eine konventionell m\u00e4nnlich besetzte Praxis \u2013 in Frauenhand \u00fcbergeht. Ganz anders die Vorderseite des Basler Exponats, wo das Reiben und M\u00f6rsern des Herzens analog zur ausufernden Hexenikonografie der Fr\u00fchen Neuzeit den Eindruck einer magischen Elixier-Zubereitung nahelegt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Abb. 2. Meister Casper, Frau Venus und der Verliebte, um 1485, wohl Regensburg, Holzschnitt, H. 25,7 x B. 36,5 cm, Staatliche Museen zu Berlin Kupferstichkabinett, \u00a9 Dietmar Katz.<br><br><sup>25<\/sup> Aus bildrechtlichen Gr\u00fcnden bleibt es der Phantasie der Leser*innen \u00fcberlassen, sich die beschriebene Situation vorzustellen. F\u00fcr eine gute Reproduktion des Deckelreliefs siehe: Tammen, <em>Zwischen Schloss und Riegel<\/em>, 26. <sup>&nbsp;&nbsp;<\/sup><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Was die beiden Szenen eint, ist der Umstand, dass die charakterlichen Qualit\u00e4ten des minnewerbenden Mannes \u2013 seine Opferbereitschaft, Treue, Hingabe usf. \u2013 aus der drastischen Darstellung der erfahrenen Qualen hervorgehen. Eine besonders pointierte Formulierung zur Beschreibung dieser m\u00e4rtyrerhaften Subjektkonstituierung findet Judith Klinger im Rahmen einer gender- und queertheoretisch motivierten Minnesangstudie. In Anlehnung an Judith Butlers Subjekttheorie, die ihrerseits von Hegels Konzept der Anerkennung gepr\u00e4gt ist, gelangt die Autorin zu folgender Schlussfolgerung:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Der Akt der Unterwerfung unter die Macht positioniert das Subjekt und erm\u00f6glicht zugleich ein Selbstverh\u00e4ltnis, das sich im [sic] Bezug auf die je geltenden Regulierungsmechanismen (auch des Geschlechts) mit Hilfe selbstreflexiver Kompetenzen ausbildet. Dialektisch hei\u00dft hier, dass die Ohnmacht des Unterworfenseins Bedingung ist f\u00fcr die Erm\u00e4chtigung zur Artikulation und zur Reflexion des Ich.&#8220;<sup>26<\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>26<\/sup> Judith Klinger, \u201eMinnesang in gender- und queertheoretischer Perspektive,\u201c in <em>Handbuch Minnesang: Herausgegeben<\/em>, ed. Susanne Reichlin, Alexander and Kellner Beate (de Gruyter, 2021), 331-351, 335.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die bildlich als auch sprachlich virtualisierte Unterordnung des Mannes unter ein weibliches Herrschaftsregime erscheint aus diesem Blickwinkel geradezu als notwendige Voraussetzung f\u00fcr die Konstitution des m\u00e4nnlichen Selbst, das paradoxerweise wiederum selbst auf Autonomie und Dominanz ausgerichtet ist. Zu ber\u00fccksichtigen ist, dass die Frau in dieser asymmetrischen Machtkonstellation zun\u00e4chst noch nicht als individualisiertes Subjekt in ihrer konkreten gesellschaftlichen Position reflektiert wird, sondern als eine abstrakte Personifikation h\u00f6fischer Liebe auftritt. Besonders deutlich zeichnet sich diese \u00fcberh\u00f6hende <em>Idealisierung <\/em>in der \u00e4lteren Minneikonografie ab, wo die allegorische Frau in ihrer unterdr\u00fcckenden Funktion durch Beif\u00fcgung von Fl\u00fcgeln und Herrschaftsinsignien aus der Sph\u00e4re des Realen entr\u00fcckt erscheint. Im Sp\u00e4tmittelalter wird durch den Verzicht solcher transzendenter Bildzeichen eine st\u00e4rkere Verortung im hic et nunc erreicht, was zu einer Verwechslung oder Verw\u00e4sserung zwischen abstrakter Begriffsebene und realer Weiblichkeit f\u00fchrt. Bemerkenswerterweise adressiert Kohlhaussen diesen Prozess bereits am Ende seiner ersten Minnek\u00e4stchenstudie, wenn er den Verlust des allegorischen Gehalts auf die b\u00fcrgerliche Aneignung der h\u00f6fischen Kunst- und Lebensformen zur\u00fcckf\u00fchrt.<sup>27<\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>27<\/sup> Kohlhaussen, <em>Rheinische Minnek\u00e4stchen des Mittelalters<\/em>, 241fff.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Unerw\u00e4hnt bleiben die bedenklichen Implikationen der damit verbunden \u201eKompromisse, Mi\u00dfverst\u00e4ndnisse und Umbildungen\u201c<sup>28<\/sup>, wie Kohlhaussen sie nennt. Mit der Inszenierung m\u00e4nnlicher Leidenschaft als Erfahrung drastischer Gewaltaus\u00fcbung durch eine irdische Frauenverk\u00f6rperung wurde ein wirkm\u00e4chtiges misogynes Narrativ angestimmt, dessen k\u00fchnste Ausw\u00fcchse uns heute in Ph\u00e4nomenen wie der Incelbewegung oder der Manosphere begegnen. Die geschnitzten Szenen der thematisierten Holzk\u00e4stchen, der Minnesang und Cobains poetische Reflexionen einer br\u00fcchigen Liebesbeziehung bilden ein pathetisches Pr\u00e4ludium dieser verzerrten Wirklichkeit.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>28<\/sup> Kohlhaussen, <em>Rheinische Minnek\u00e4stchen des Mittelalters<\/em>, 241.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Referenzen <\/h2>\n\n\n\n<p>Charles R. Cross, <em>Heavier than Heaven: A Biography of Kurt Cobain<\/em> (Grand Central Publishing, 2019).<\/p>\n\n\n\n<p>Dorothea &amp; Peter Diemer, \u201eMinnesangs Schnitzer: Zur Verbreitung der sogenannten Minnek\u00e4stchen,\u201c in <em>Festschrift Walter Haug und Burghart Wachinger<\/em>, vol. 2, ed. Johannes Janota et al. (Max Niemeyer Verlag GmbH &amp; Co. KG, 1992), 1021-1060.<\/p>\n\n\n\n<p>Heinrich Kohlhaussen, \u201eRheinische Minnek\u00e4stchen des Mittelalters,\u201c in <em>Jahrbuch der Preuszischen Kunstsammlungen<\/em> 46 (1925), 203-247.<\/p>\n\n\n\n<p>Heinrich Kohlhaussen, <em>Minnek\u00e4stchen im Mittelalter<\/em> (Verlag f\u00fcr Kunstwissenschaft, 1928).<\/p>\n\n\n\n<p>Judith Klinger, \u201eMinnesang in gender- und queertheoretischer Perspektive,\u201c in <em>Handbuch Minnesang<\/em>, ed. Susanne Reichlin, Alexander Rudolph and Kellner Beate (de Gruyter, 2021), 331-351.<\/p>\n\n\n\n<p>J\u00fcrgen Wurst, <em>Reliquiare der Liebe: Das M\u00fcnchner Minnek\u00e4stchen und andere Minnek\u00e4stchen aus dem deutschsprachigen Raum<\/em> (Diss. unpubl., 2005).<\/p>\n\n\n\n<p>Laura Mulvey, \u201eVisual Pleasure and Narrative Cinema\u201c in <em>Screen<\/em> 16, no. 3 (Autumn 1975), 6-18.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Michael Camille, <em>The Medieval Art of Love: Objects of Desire<\/em> (Laurence King, 1998), 65.<\/p>\n\n\n\n<p>Silke Tammen, \u201eZwischen Schloss und Riegel: Schl\u00fcsselszenen an den sogenannten Minnek\u00e4stchen des Mittelalters\u201c in <em>H\u00fcllen und Enth\u00fcllungen: (Un-)Sichtbarkeit aus kulturwissenschaftlicher Perspektive<\/em>, ed. Inga Klein et al. (Reimer Verlag GmbH, 2017), 22-46.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Stefan Matter, <em>Reden von der Minne: Untersuchungen zu Spielformen literarischer Bildung zwischen verbaler und visueller Vergegenw\u00e4rtigung anhand von Minnereden und Minnebildern des deutschsprachigen Sp\u00e4tmittelalter<\/em> (A. Francke Verlag, 2013).<\/p>\n\n\n\n<p>Stefan Matter, \u201eMinneszenen in der bildenden Kunst des sp\u00e4teren Mittelalters und ihr Verh\u00e4ltnis zu Minnereden\u201c in <em>Triviale Minne? Konventionalit\u00e4t und Trivialisierung in sp\u00e4tmittelalterlichen Minnereden<\/em>, ed. Ludger Lieb and Otto Neudeck. (de Gruyter 2006), 165-199.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der materialistisch gepr\u00e4gten Kultur des 21. Jahrhunderts fristet die Schachtel oft ein tristes Dasein. 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