{"id":379,"date":"2025-11-15T05:00:43","date_gmt":"2025-11-15T05:00:43","guid":{"rendered":"https:\/\/huettenschriften.at\/?p=379"},"modified":"2025-12-25T09:18:15","modified_gmt":"2025-12-25T09:18:15","slug":"ueber-wittgensteins-kaefer-in-der-schachtel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/schachtelschriften\/379\/","title":{"rendered":"\u201ekein Etwas, aber auch nicht ein Nichts\u201c oder \u00dcber Wittgensteins K\u00e4fer in der Schachtel"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Zur Veranschaulichung dessen, was in unseren Gedankeng\u00e4ngen manchmal zun\u00e4chst abstrakt und nicht gut greifbar erscheint, wird unser Denken oft von Bildern begleitet, als gleichsam \u201eillustrierten Redewendungen\u201c oder einer \u201ebildlichen Darstellung\u201c unseres Wortgebrauchs.<sup>1<\/sup> Indem sie den Raum in ein Innen und ein Au\u00dfen gliedert, scheint uns auch die Schachtel eine sch\u00f6ne M\u00f6glichkeit f\u00fcr eine solche Illustration zu bieten, und zwar f\u00fcr einen Komplex von Fragen, der um die Beziehung von Subjektivem und Objektivem, Privatem und \u00d6ffentlichem, Individuum und Welt kreist. Auf der Suche nach einem Orientierungspunkt in diesem weit verzweigten Feld, st\u00f6\u00dft man unter anderem auf die folgende Frage: Wie passt das Perspektivische, der Umstand, dass sich die Welt einem individuellen Lebewesen je von der Warte seines Erlebens aus zeigt, in eine Welt, die sich von unseren Wissenschaften in so weiten Teilen erfolgreich beschreiben l\u00e4sst als eine objektive Realit\u00e4t? Ph\u00e4nomene wie die Erlebnisqualit\u00e4t von Bewusstseinszust\u00e4nden, allgemein die intentionale Gerichtetheit des Bewusstseins auf anderes als es selbst, die in unseren Wahrnehmungen, W\u00fcnschen, Vorstellungen, \u00dcberlegungen wirksam ist, aber auch der Bereich der Erkenntnis und des Normativen bilden in dem, was wir Realit\u00e4t nennen, gleichsam geistige Einsprengsel \u2013 Einsprengsel, die irreduzibel perspektivisch zu sein scheinen. Sie kommen in unserer Welt nicht in derselben Weise vor wie Regen, Aktionspotentiale oder Zitroneneis, sondern sind offenbar wesentlich mit der Bezugnahme eines Lebewesens auf die Welt verflochten.<sup>2<\/sup> Im Versuch, dieser Eigent\u00fcmlichkeit des Psychischen in Beschreibungen gerecht zu werden, werden gerne jene Kontrastierungen herangezogen, f\u00fcr die sich unsere Schachtel so sch\u00f6n zu eignen scheint: Kontrastierungen von Innen und Au\u00dfen, Privat und \u00d6ffentlich, Subjektiv und Objektiv, aus denen sich weitere Metaphern f\u00fcr das Psychische herausbilden, wie etwa jene der <em>inneren Welt<\/em>. Eine Reihe von Fragen f\u00fchrt hierbei rasch in ein regelrechtes Dickicht. Unter ihnen findet sich beispielsweise die Frage, wie sich jene psychischen Ph\u00e4nomene beschreiben lassen, die Frage nach ihrer ontologischen Beschaffenheit und die Frage, in welcher Weise sie zu den physischen Vorg\u00e4ngen des K\u00f6rpers und der Welt, in der er lebt, in Beziehung stehen. Bereits bei den Bildern,<br>die sich mit unserem Nachdenken \u00fcber das Psychische verbunden haben, lohnt es sich allerdings halt zu machen und sie n\u00e4her in den Blick zu nehmen, wie sich in Wittgensteins Sp\u00e4twerk zeigt. Es lohnt sich, in seinen Worten, das \u201eRohmaterial\u201c der Philosophie zu sichten, d.h. dasjenige, was wir \u00fcber das Thema, mit dem sie sich besch\u00e4ftigt, \u201ezu sagen versucht sind\u201c.<sup>3<\/sup> Helfen uns die illustrierten Redewendungen weiter in das entsprechende Feld vorzudringen? Werden sie der Sache, die wir mit ihnen zu fassen suchen, gerecht? Oder verstellen sie uns wom\u00f6glich die Sicht auf gewisse Aspekte, sodass wir uns zu verirren beginnen?<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>1<\/sup> Ludwig Wittgenstein, <em>Werkausgabe Band 1. Tractatus logico-philosophicus\/Tageb\u00fccher 1914-1916\/ Philosophische Untersuchungen<\/em> (Suhrkamp, 2019), \u00a7295. Im Folgenden zitiert mit Sigle PU 2019 und dem entsprechenden Paragraphen bzw. bei Bemerkungen aus dem sp\u00e4ter entstandenen zweiten Teil der <em>Philosophischen Untersuchungen<\/em> mit Sigle PU 2019 und der entsprechenden Seitenzahl.<br><br><sup>2<\/sup> Zu einer ausf\u00fchrlichen Auseinandersetzung mit dieser Thematik siehe u.a. Thomas Nagel, <em>Der Blick von Nirgendwo <\/em>(Suhrkamp, 2022).<br><br><sup>3<\/sup> PU 2019: \u00a7254.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Es scheint, als teste Wittgenstein in seinen \u00dcberlegungen zu einer privaten Sprache in den <em>Philosophischen Untersuchungen <\/em>den Begriff des Privaten<em> <\/em>bis an seine \u00e4u\u00dfere Grenze hin aus<em>.<\/em> Eine rein private Sprache (einer, wie sich alsbald zeigt, \u00e4u\u00dferst dubiosen Idee) m\u00fcsste jegliches Moment des \u00d6ffentlichen ausschlie\u00dfen: Sie k\u00f6nnte nur von je einem Individuum verstanden und gebraucht werden und ihre Ausdr\u00fccke w\u00fcrden sich dementsprechend auf etwas beziehen, \u201ewovon nur der Sprechende wissen kann\u201c.<sup>4<\/sup> Sowohl die Sprache, wie auch ihr Gegenstand w\u00e4ren demzufolge ausschlie\u00dflich dem Individuum zueigen. Um nicht Gefahr zu laufen, die scharf gezogene Grenze des rein Privaten verschwimmen zu lassen, darf auch die M\u00f6glichkeit der Beobachtung und der Beforschung einer solchen Sprache durch Dritte von vornherein nicht zugelassen werden, k\u00f6nnte sie hiermit letztlich doch durch die Hintert\u00fcre zu etwas geteilt Verstandenem werden. Als ein wesentlicher Impulsgeber f\u00fcr diese doch einigerma\u00dfen kurios anmutenden \u00dcberlegungen erweist sich schon sehr bald die Frage nach der Privatheit des Psychischen: W\u00fcrden sich als ein geeigneter Gegenstand f\u00fcr eine solche Privatsprache nicht die unmittelbaren, privaten Empfindungen des sprechenden Individuums anbieten? Wo wenn nicht bei ihnen handelt es sich um etwas, wovon letztlich nur es selbst wissen kann?<sup>5<\/sup> In einem solchen Fall erschiene es doch durchaus sinnvoll, \u00fcber die Konzeption einer rein privaten Sprache nachzudenken, mit der jedes Individuum ganz exakt auf das Bezug nehmen kann, was in ihm und nur in ihm geschieht. Ist dem allerdings tats\u00e4chlich so, fragt sich Wittgenstein bald darauf \u2013 inwiefern sind unsere Empfindungen privat?<sup>6<\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>4 <\/sup>&nbsp;PU 2019: \u00a7243.<br><br><sup>5<\/sup> Siehe PU 2019: \u00a7243.<br><br><sup>6 <\/sup>Siehe PU 2019: \u00a7246.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Unter demjenigen, was wir \u00fcber das Psychische \u201ezu sagen versucht sind\u201c, dem philosophischen \u201eRohmaterial\u201c, das er im Folgenden zu inspizieren beginnt, treten insbesondere drei dualistische Momente im Zusammenhang mit der Idee der Privatheit von Empfindungen hervor. Sehr gut greifbar werden sie in einer Beschreibung von Frege am Beginn seines Aufsatzes \u00fcber den <em>Gedanken<\/em>. F\u00fcr eine erste Orientierung wollen wir einen kurzen Blick darauf werfen. Das erste Moment, das f\u00fcr die beiden anderen das Fundament bildet, haben wir eingangs bereits gestreift: Angesichts des perspektivischen Charakters psychischer Zust\u00e4nde und Vorg\u00e4nge sieht sich der Mensch, wie Frege bemerkt, \u201ebald gen\u00f6tigt, eine von der Au\u00dfenwelt verschiedene Innenwelt anzuerkennen, eine Welt der Sinneseindr\u00fccke, der Sch\u00f6pfungen seiner Einbildungskraft, der Empfindungen, der Gef\u00fchle und Stimmungen, eine Welt der Neigungen, W\u00fcnsche und Entschl\u00fcsse.\u201c<sup>7<\/sup> Als solche <em>Gegenst\u00e4nde einer<\/em> <em>inneren Welt <\/em>sind jene Ph\u00e4nomene, Frege fasst sie unter dem Sammelbegriff der <em>Vorstellung<\/em> zusammen, nun zun\u00e4chst <em>keine selbst\u00e4ndigen Entit\u00e4ten<\/em>, die f\u00fcr sich bestehen, sondern sie bed\u00fcrfen eines<em> \u201e<\/em>Tr\u00e4gers<em>\u201c. <\/em>Die \u201eInnenwelt hat zur Voraussetzung einen, dessen Innenwelt sie ist\u201c.<sup>8<\/sup> &nbsp;Empfindungen, W\u00fcnsche, Gef\u00fchle und dergleichen setzen ein empfindendes Individuum voraus und diesem Individuum sind sie auch zueigen. Anders der Gegenstand, auf den sich solche Vorstellungen richten. Bei ihm handelt es sich in der Regel um etwas \u00f6ffentlich Zug\u00e4ngliches. Obzwar niemand anderes meine Vorstellung hat, k\u00f6nnen doch beispielsweise viele \u201edasselbe Ding sehen\u201c.<sup>9<\/sup> Dem hinzukommend scheint sich aus der Gebundenheit von Vorstellungen an ein bewusstes Lebewesen ein weiterer, epistemischer Aspekt der inneren Welt zu ergeben: Anders als der konkrete Wahrnehmungsgegenstand lassen sich die Sinneseindr\u00fccke offenkundig nicht miteinander vergleichen. Als Gegenst\u00e4nde einer inneren Welt sind sie, wie die Vorstellungen insgesamt, nicht \u00f6ffentlich beobachtbar, sondern einzig dem jeweiligen Individuum selbst in unmittelbarer Weise zug\u00e4nglich.<sup>10<\/sup> Ob es Schmerz, Freude, den Geruch von Jasmin oder den Wunsch nach Kaffee empfindet, ist f\u00fcr es selbst unzweifelhaft gegeben. Ganz anders die Bezugnahme auf die Au\u00dfenwelt. Jene birgt letztlich stets die Gefahr des Irrtums, weshalb uns dort \u201eder Zweifel nie ganz verl\u00e4\u00dft\u201c.<sup>11<\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>7<\/sup> Gottlob Frege,<em> Der Gedanke <\/em>(Suhrkamp 2024), 66. Siehe hierzu auch Joachim Schulte, \u201ePrivacy,\u201c in <em>The Oxford Handbook of Wittgenstein<\/em>, ed. Oskari Kuusela and Marie McGinn (Oxford University Press, 2011), 433-446.<br><br><sup>8<\/sup> Frege, <em>Der Gedanke<\/em>, 67 und 72.<br><br><sup>9<\/sup> Frege, <em>Der Gedanke<\/em>, 68.<br><br><sup>10<\/sup> Frege, <em>Der Gedanke, <\/em>67.<br><br><sup>11<\/sup> Frege, <em>Der Gedanke<\/em>, 73.&nbsp;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Als privat lassen sich Empfindungen demnach also insofern begreifen, als sie erstens nicht der Au\u00dfenwelt, sondern einer <em>inneren Welt<\/em> des Bewusstseins angeh\u00f6ren; zweitens jedes Individuum sein eigenes Erleben <em>hat<\/em> bzw. <em>besitzt<\/em>, und drittens nur je von seinen eigenen Empfindungen ohne jeden Zweifel <em>wissen <\/em>kann. Diese drei Aspekte treten in Wittgensteins \u00dcberlegungen zur Privatheit von Empfindungen mehrfach auf.<sup>12 <\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Vgl. hierzu auch Christoph C. Pfisterer, \u201ePrivate Sprache,\u201c in <em>Wittgenstein-Handbuch: Leben &#8211; Werk &#8211; Wirkung<\/em>, ed.&nbsp; Anja Weiberg and Stefan Majetschak (J. B. Metzler, 2022), 337-338.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Eine besonders eigent\u00fcmliche Stelle bildet hierin die folgende Parabel \u2013 mit ihr kommen wir nun auch endlich wieder zu unserer Protagonistin zur\u00fcck:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAngenommen, es h\u00e4tte Jeder eine Schachtel, darin w\u00e4re etwas, was wir \u201aK\u00e4fer\u2018 nennen. Niemand kann je in die Schachtel des Andern schaun; und Jeder sagt, er wisse nur vom Anblick <em>seines<\/em> K\u00e4fers, was ein K\u00e4fer ist. \u2013 Da k\u00f6nnte es ja sein, da\u00df Jeder ein anderes Ding in seiner Schachtel h\u00e4tte. Ja, man k\u00f6nnte sich vorstellen, da\u00df sich ein solches Ding fortw\u00e4hrend ver\u00e4nderte. \u2013 Aber wenn das Wort \u201aK\u00e4fer\u2018 dieser Leute doch einen Gebrauch h\u00e4tte? \u2013 So w\u00e4re er nicht der der Bezeichnung eines Dings. Das Ding in der Schachtel geh\u00f6rt \u00fcberhaupt nicht zum Sprachspiel; auch nicht einmal als ein <em>Etwas<\/em>: denn die Schachtel k\u00f6nnte auch leer sein. \u2013 Nein, durch dieses Ding in der Schachtel kann \u201agek\u00fcrzt werden\u2018; es hebt sich weg, was immer es ist. Das hei\u00dft: Wenn man die Grammatik des Ausdrucks der Empfindung nach dem Muster von \u201aGegenstand und Bezeichnung\u2018 konstruiert, dann f\u00e4llt der Gegenstand als irrelevant aus der Betrachtung heraus.\u201c<sup>13<\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>13 <\/sup>PU 2019: \u00a7293.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Diese auf den ersten Blick (und zugegebenerma\u00dfen auch noch auf den zweiten) etwas seltsam anmutende Passage wollen wir uns im Folgenden n\u00e4her ansehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Angesprochen auf die Denkbarkeit einer Sprache, mit der man seine inneren Erlebnisse f\u00fcr den eigenen Gebrauch aufschreiben oder aussprechen k\u00f6nnte, fragt Wittgensteins Gespr\u00e4chspartner zu Beginn des Abschnitts \u00fcber die Privatsprache zun\u00e4chst offenbar etwas \u00fcberrascht: \u201eK\u00f6nnen wir denn das in unserer gew\u00f6hnlichen Sprache nicht tun?\u201c<sup>14<\/sup> Und tats\u00e4chlich erscheint im Zuge der Auseinandersetzung mit den Aspekten der Privatheit von Empfindungen, die wir uns vorhin angesehen haben, die Selbstverst\u00e4ndlichkeit, mit der wir dem, was sich in unserer \u201eInnenwelt\u201c tut, Tag ein Tag aus Ausdruck verleihen, als eine nicht mehr ganz triviale Begebenheit. Dass uns eine Privatsprache hierbei nicht abzugehen scheint, sondern wir uns auf unsere Erlebnisse, Gef\u00fchle, Stimmungen und dergleichen in unserer \u201egew\u00f6hnlichen Sprache\u201c zu beziehen verm\u00f6gen, ist, von dieser Warte aus betrachtet, doch einigerma\u00dfen bemerkenswert. In eben dieser M\u00f6glichkeit des Ausdrucks unseres sogenannten Innenlebens durch Verhalten und durch Sprache scheint ein Moment in das sch\u00f6n gegliederte Gef\u00fcge von Innen und Au\u00dfen, Subjektiv und Objektiv, \u00d6ffentlich und Privat hineinzugeraten, das darin offenbar eine gewisse Unordnung zu stiften beginnt. Aber zun\u00e4chst zur\u00fcck zu unserer Textstelle.\u00a0 Ein wenig davor bemerkt Wittgenstein: \u201eDas Wesentliche am privaten Erlebnis ist eigentlich nicht, da\u00df Jeder sein eigenes Exemplar besitzt, sondern da\u00df keiner wei\u00df, ob der Andere auch dies hat, oder etwas anderes.\u201c<sup>15<\/sup>Und auch in der K\u00e4fer-Parabel scheint er besonderes Gewicht auf diesen epistemischen Aspekt der Privatheit von Empfindungen zu legen:. Ist es so, dass jeder Mensch nur vom eigenen Fall <em>wei\u00df<\/em>, was bestimmte Empfindungen sind und was Ausdr\u00fccke wie das Wort \u201eSchmerz\u201c bedeuten?<sup>16<\/sup> Und wenn sie in einem solchen Sinne privat w\u00e4ren, lie\u00dfen sich unsere Empfindungen dann nicht mit etwas vergleichen wie K\u00e4fern in einer Schachtel, in die hineinzuschauen einzig dem Besitzer vorbehalten ist? Mit diesem Bild scheint der Gedanke, dass wir es im Fall von Empfindungen mit einem Gegenstand zu tun haben, \u00fcber den kein geteiltes Verst\u00e4ndnis m\u00f6glich ist, doch ganz gut greifbar.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>14<\/sup> PU 2019: \u00a7243.<br><br><sup>15<\/sup> PU 2019: \u00a7272.<br><br><sup>16<\/sup> Vgl. PU 2019: \u00a7293.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die Richtung, aus der sich Wittgenstein dieser hier Frage ann\u00e4hert, ist die unseres Sprachgebrauchs. Was w\u00fcrde eine solche Auffassung von Empfindungen und deren Ausdruck in der Sprache denn implizieren? Denn in der Tat sehen wir uns bald mit einer Schwierigkeit konfrontiert, wenn wir bei diesem Bild bleiben, einer Schwierigkeit, die mit dem sprachlichen Ausdruck zusammenh\u00e4ngt, durch dem wir uns in einem solchen Fall auf unser rein privates Tierchen beziehen w\u00fcrden: Obzwar alle es \u201eK\u00e4fer\u201c nennen, w\u00e4re es sehr gut m\u00f6glich, dass jeder ein \u201eanderes Ding\u201c in seiner Schachtel hat und damit auch jeder etwas anderes mit dem Ausdruck \u201eK\u00e4fer\u201c meint. Schlie\u00dflich w\u00fcrde uns hier jegliche M\u00f6glichkeit f\u00fcr einen Vergleich fehlen. Es w\u00e4re sogar vorstellbar, dass sich das Ding in der Schachtel mit der Zeit ver\u00e4ndern k\u00f6nnte und gleichwohl weiterhin mit demselben Wort bezeichnet w\u00fcrde.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Wie nun, wenn wir hier nicht von einer je privaten Sprache ausgehen, sondern von der Situation, in der wir uns tats\u00e4chlich befinden, einer Situation, in das Wort \u201eK\u00e4fer\u201c ebenso einen gemeinschaftlichen Gebrauch hat wie \u201eSchmerz\u201c, \u201ek\u00fchl\u201c, \u201eorange\u201c, \u201esalzig\u201c und dergleichen? Wie, wenn jene Worte als <em>allgemeine Ausdr\u00fccke<\/em> etwas bezeichnen, was als ein <em>rein innerlicher Gegenstand<\/em> allein dem Individuum, dessen Innenwelt er angeh\u00f6rt, zug\u00e4nglich ist? Bei einem solchen asymmetrischen Verh\u00e4ltnis von \u00f6ffentlichem Ausdruck und rein privatem Gegenstand sehen wir uns vor ein nicht unerhebliches Problem gestellt: H\u00e4tte n\u00e4mlich der Ausdruck der Empfindung tats\u00e4chlich einen Gebrauch in einer Sprachgemeinschaft, dann k\u00f6nnte es offenbar nicht der Gebrauch der \u201eBezeichnung eines Dings\u201c sein. Denn es fehlte jegliches \u00e4u\u00dferes Kriterium daf\u00fcr, dass der Ausdruck dieses oder jenes bezeichnet und wie Wittgenstein im vorangegangenen Abschnitt gezeigt hat, verliert das, was wir als Bezeichnung durch einen sprachlichen Ausdruck begreifen, bei einer vollkommenen Beliebigkeit in der Verwendung seine Bedeutung.<sup>17<\/sup> Wenn wir also unsere Empfindungen wie den K\u00e4fer in der Schachtel als einen privaten, inneren Gegenstand begreifen und dabei gleichwohl einen in der Sprachgemeinschaft geteilten Ausdruck verwenden, mit dem wir ihn zu bezeichnen meinen, dann finden wir uns in einer seltsamen Situation wieder: Das vermeintlich durch den Ausdruck Bezeichnete, die Empfindung, scheint aus unserem Sprachspiel herauszufallen. Gebrauchen wir den Ausdruck ohne die geringste Form von Gewissheit, dass er sich auf etwas Geteiltes bezieht, dann kommunizieren wir mit diesem Ausdruck offenbar auf eine andere Weise. (Vielleicht gebrauchen wir \u201eK\u00e4fer\u201c dann, um ein Verhalten oder eine gesellschaftliche Praxis zu beschreiben: Leute schauen erfreut in ihre Schachteln, polstern sie an allen Seiten, wenn sie jene sicher irgendwohin transportieren m\u00f6chten, ein Markt spezialisiert sich auf Beleuchtung und dekorative Innenausstattung solcher Schachteln, oder etwas in der Art.) Ob es den obskuren Gegenstand gibt oder nicht, hat dann jedenfalls f\u00fcr den Gebrauch dieses Wortes keine Bedeutung mehr. \u201eDas Ding in der Schachtel geh\u00f6rt \u00fcberhaupt nicht zum Sprachspiel; auch nicht einmal als ein <em>Etwas<\/em>: denn die Schachtel k\u00f6nnte auch leer sein.\u201c Und hier scheint etwas nicht ganz zu stimmen. Wenn eine solche Auffassung von Empfindungen als einem rein privaten, inneren Gegenstand, der allein dem jeweiligen Individuum epistemisch zug\u00e4nglich ist, letztlich dazu f\u00fchrt, dass durch jenes \u201eDing in der Schachtel\u201c \u201egek\u00fcrzt werden\u201c kann, l\u00e4sst sie sich dann mit unserer tats\u00e4chlichen Sprachpraxis vereinbaren? Wird eine solche Auffassung der Sprache, mit der wir \u00fcber Empfindungen sprechen, gerecht?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>17<\/sup> Diese \u00dcberlegungen zur begrifflichen Inkoh\u00e4renz einer privaten Sprache entwickelt Wittgenstein in den Paragraphen 256-271. Eine wichtige Rolle spielt hier die \u00dcberlegung, dass der Gebrauch eines sprachlichen Ausdrucks offenbar stets an ein Kriterium gekoppelt sein muss, das seinen Gebrauch im konkreten Fall rechtfertigt. Ohne ein solches Kriterium, eine solche Regel, w\u00e4re der Gebrauch vollkommen beliebig, was sich mit der Idee von Sprache als einem regelbasierten System nicht vereinbaren lie\u00dfe. Die Erinnerung des Individuums vermag daf\u00fcr insofern kein verl\u00e4ssliches Kriterium bereitzustellen, als hier richtig w\u00e4re, \u201ewas immer mir als richtig erscheinen wird\u201c (\u00a7258). Demzufolge scheint die Rechtfertigung vielmehr darin bestehen zu m\u00fcssen, dass \u201eman an eine unabh\u00e4ngige Stelle appelliert\u201c (\u00a7265) und so die eigene Praxis auch mit der Praxis der Gemeinschaft vergleichen kann. Andernfalls w\u00e4re es, als \u201ekaufte Einer mehrere Exemplare der heutigen Morgenzeitung, um sich zu vergewissern, da\u00df sie die Wahrheit schreibt\u201c (\u00a7265), so Wittgenstein. Das \u201eKriterium f\u00fcr die Richtigkeit\u201c (\u00a7258) des Gebrauchs eines Wortes l\u00e4sst sich so nur als etwas in einer Sprachpraxis \u00f6ffentlich Geteiltes begreifen. Siehe hierzu u.a. Gunter Gebauer, <em>Wittgensteins anthropologisches Denken<\/em> (C.H.Beck, 2009), 131-136 und Nagel, <em>Der Blick von Nirgendwo<\/em>, 42.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>In der Parabel mit dem K\u00e4fer in der Box zeigt sich, wie wir gesehen haben, Wittgensteins Interesse an mentalistischen Positionen, an Positionen, die von einer Privatheit des Geistigen ausgehen. Angesichts seiner Kritik an diversen Spielarten, insbesondere mit dem Idealismus, dem Solipsismus und dem Introspektionalismus, dr\u00e4ngt sich an manchen Stellen die Frage auf, ob er als Antwort auf die aufgezeigten Probleme solcher mentalistischer Konzeptionen zu einem materialistischen oder einem behaviouristischen Zugang neigt.<sup>18<\/sup> Die Konsequenz, die er aus der K\u00e4ferparabel zu ziehen scheint, geh\u00f6rt zu jenen Stellen, erinnert die Irrelevanz des K\u00e4fers in der Schachtel in gewisser Hinsicht zun\u00e4chst doch sehr an behaviouristische Herangehensweisen an Fragen nach dem Psychischen: Als eine \u201eblack box\u201c, \u00fcber deren Inneres sich keine zuverl\u00e4ssigen Vergleiche und somit auch keine wissenschaftlichen Beobachtungen anstellen lassen, wird der Bereich des Mentalen gleichsam zu umschiffen versucht und die Aufmerksamkeit auf Reize und Verhalten gerichtet, bzw. die \u00c4u\u00dferungen von mentalen Zust\u00e4nden auf \u00c4u\u00dferungen \u00fcber das Verhalten zur\u00fcckzuf\u00fchren versucht. Aber sehen wir uns noch einmal den letzten Satz dieser Passage an: &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;\u201eWenn man die Grammatik des Ausdrucks der Empfindung nach dem Muster von \u201aGegenstand und Bezeichnung\u2018 konstruiert, dann f\u00e4llt der Gegenstand als irrelevant aus der Betrachtung heraus\u201c.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>18<\/sup> Vgl. Joachim Schulte, \u201ePrivacy,\u201c 144 und Jasmin Tr\u00e4chtler, \u201eEmpfindungen,\u201c in <em>Wittgenstein-Handbuch: Leben &#8211; Werk &#8211; Wirkung<\/em>, ed.&nbsp;Anja Weiberg and Stefan Majetschak (J. B. Metzler, 2022), 24.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Wir k\u00f6nnten also zun\u00e4chst fragen: Wenn sich die sprachlichen Ausdr\u00fccke f\u00fcr Empfindungen nicht auf die Empfindungen als innere Gegenst\u00e4nde richten, bezeichnen sie anstelle ihrer dann m\u00f6glicherweise ein Verhalten? Ist die Grammatik, d.h. die Regeln f\u00fcr den Gebrauch des Ausdrucks von Empfindungen, so zu verstehen, dass nicht ein innerer Gegenstand, ein innerer Vorgang, sondern vielmehr ein Verhalten beschrieben wird? Erfreulicherweise m\u00fcssen wir ein gewisses Unbehagen, das sich beim Nachdenken \u00fcber diese Frage zu regen beginnt, nicht einmal selbst zur Sprache bringen: \u201eAber du wirst doch zugeben, da\u00df ein Unterschied ist, zwischen Schmerzbenehmen mit Schmerzen und Schmerzbenehmen ohne Schmerzen,\u201c wendet Wittgensteins Gespr\u00e4chspartner nur wenig sp\u00e4ter ein, was jener ohne Umschweife best\u00e4tigt: \u201eWelcher Unterschied k\u00f6nnte gr\u00f6\u00dfer sein!\u201c<sup>19<\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>19  <\/sup>PU 2019: \u00a7304.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>\u201e\u201aUnd doch gelangst du immer wieder zum Ergebnis, die Empfindung selbst sei ein Nichts!\u2018 \u2013 Nicht doch. Sie ist kein Etwas, aber auch nicht ein Nichts! Das Ergebnis war nur, da\u00df ein Nichts die gleichen Dienste t\u00e4te wie ein Etwas, wor\u00fcber sich nichts aussagen l\u00e4\u00dft.\u201c<sup>20<\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>20<\/sup> PU 2019: \u00a7304.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Kurz darauf m\u00f6chte der Gespr\u00e4chspartner sich noch einmal vergewissern: sage Wittgenstein denn im Grunde nicht doch, dass alles au\u00dfer dem menschlichen Benehmen letztlich Fiktion sei? Die Antwort: Wenn er \u201evon einer Fiktion rede, dann von einer grammatischen Fiktion\u201c.<sup>21<\/sup> Was wir im Hinblick auf diese beiden dialogischen Fragmente nun erst einmal f\u00fcr die K\u00e4ferparabel feststellen k\u00f6nnen, ist, dass wir offenbar nicht einfach sagen k\u00f6nnen, ob da ein K\u00e4fer in der Schachtel drin ist oder nicht, das ist f\u00fcr uns irrelevant. Wir interessieren uns allein daf\u00fcr, was au\u00dferhalb der Schachtel beobachtbar ist. Nein, die Konsequenz, dass sich die Empfindung als irrelevant aus dem Sprachspiel, in dem wir Empfindungen zum Ausdruck bringen, herausk\u00fcrzen l\u00e4sst, scheint sich nicht als L\u00f6sung lesen zu lassen, sondern vielmehr als ein Zeichen daf\u00fcr, dass hier etwas mit der mentalistischen Auffassung von der Empfindung als einem rein privaten, inneren Gegenstand nicht ganz stimmen kann.<sup>22<\/sup> Offenbar machen wir uns hier mit diesem Bild etwas vor \u00fcber die Weise, in der wir Empfindungen sprachlich zum Ausdruck bringen. Wir sitzen einer \u201egrammatischen Fiktion\u201c auf, und zwar der Fiktion, wir k\u00f6nnten \u00fcber die eigenen seelischen Ph\u00e4nomene und Bewusstseinszust\u00e4nde in derselben \u00f6ffentlichen Weise sprechen wie \u00fcber die physikalischen Gegenst\u00e4nde der externen Welt.<sup>23<\/sup> Mit seinem etwas eigent\u00fcmlichen Befund, die Empfindung sei \u201ekein Etwas\u201c aber sie sei auch \u201enicht ein Nichts\u201c, gehe es ihm darum, die Grammatik zu verwerfen, \u201edie sich uns hier aufdr\u00e4ngen will\u201c,<sup>24<\/sup> sagt Wittgenstein.  Gemeint ist damit die Grammatik nach dem Muster \u201eGegenstand und Bezeichnung\u201c, denn in ihr spiegelt sich offenbar jene Idee wieder, die Empfindungen als einen Gegenstand begreift, der einer inneren Welt angeh\u00f6rt, zu dem es einzig den privilegierten Zugang des Individuums gibt.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>21 <\/sup>PU 2019: \u00a7307.<br><br><sup>22<\/sup> Vgl. hierzu auch Schulte, \u201ePrivacy\u201c, 441 und 446.<br><br><sup>23<\/sup> Vgl. Wilhelm L\u00fctterfelds, \u201eDas \u201aDurcheinander\u2018 der Sprachspiele: Wittgensteins Aufl\u00f6sung der Mentalismus-Alternative,\u201c in <em>Wittgenstein \u00fcber die Seele,<\/em> ed. Eike von Savigny and Oliver R. Scholz (Suhrkamp, 1995), 110.<br><br><sup>24<\/sup> PU 2019: \u00a7304.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Mit der strikten Entgegensetzung von Innen und Au\u00dfen scheinen wir uns demzufolge keinen guten Dienst zu erweisen. Etwas sp\u00e4ter ist bei Wittgenstein in diesem Zusammenhang auch die Rede von einem unauff\u00e4lligen Schritt in einem \u201eTaschenspielerkunstst\u00fcck\u201c:<sup>23<\/sup> Wir sprechen beim Seelischen von Vorg\u00e4ngen und Zust\u00e4nden. Insofern wir die Natur dieser Vorg\u00e4nge und Zust\u00e4nde unentschieden lassen, erscheint uns dieser Schritt unschuldig, schlie\u00dflich fungiert die Charakterisierung hier lediglich wie eine Art Platzhalter \u2013 vielleicht werden wir einmal mehr \u00fcber diese Vorg\u00e4nge und Zust\u00e4nde wissen. Doch \u201eeben dadurch haben wir uns auf eine bestimmte Betrachtungsweise festgelegt\u201c, so Wittgenstein, insofern wir einen Begriff davon haben, was es bedeutet, \u201eeinen Vorgang n\u00e4her kennen zu lernen\u201c.<sup>26<\/sup> Vor dem Hintergrund dieser Betrachtungsweise versuchen wir, gewisse Ma\u00dfst\u00e4be anzusetzen, die sich an physikalischen Vorg\u00e4ngen und Zust\u00e4nden der sogenannten Au\u00dfenwelt orientieren. Wenn sich dann zeigt, dass sich diese Ma\u00dfst\u00e4be an dem, was wir zu beschreiben versuchen, nicht ansetzen lassen, zerf\u00e4llt der \u201eVergleich, der uns unsere Gedanken h\u00e4tte begreiflich machen sollen\u201c.<sup>27<\/sup> Und so kommt es zu dem, was uns auch mit unserem K\u00e4fer in der Schachtel passiert ist: \u201eWir m\u00fcssen [\u2026] den noch unverstandenen Proze\u00df im noch unerforschten Medium leugnen. Und so scheinen wir also die geistigen Vorg\u00e4nge geleugnet zu haben. Und wollen sie doch nat\u00fcrlich nicht leugnen!\u201c.<sup>28<\/sup> weifellos ist da eine Gem\u00fctsregung, wenn wir uns \u00fcber etwas freuen, findet da ein geistiger Prozess statt, wenn wir uns an etwas erinnern. Das \u201eBild vom \u201einneren Vorgang\u201c oder vom \u201einneren Gegenstand\u201c allerdings, mit dem wir Ordnung in unsere \u00dcberlegungen \u00fcber das Psychische zu bringen versuchen, scheint uns nicht die \u201erichtige Idee\u201c des Wortes \u201efreuen\u201c oder \u201eerinnern\u201c zu geben. Es wird der Weise, wie wir unsere Empfindungen \u00e4u\u00dfern, nicht gerecht, insofern es das Psychische vom Physischen, das Innere vom \u00c4u\u00dferen offenbar viel st\u00e4rker isoliert, als das in unserer Sprache der Fall ist. Es hindert uns daran, die \u201eVerwendung des Wortes zu sehen, wie sie ist\u201c.<sup>29<\/sup> <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>25<\/sup> PU 2019: \u00a7308.<br><br><sup>26 <\/sup>PU 2019: \u00a7308.<br><br><sup>27<\/sup> PU 2019: \u00a7308.<br><br><sup>28 <\/sup>PU 2019: \u00a7308. \u201eIrref\u00fchrende Parallele: Psychologie handelt von den Vorg\u00e4ngen in der psychischen Sph\u00e4re, wie Physik in der physischen. Sehen, H\u00f6ren, Denken, F\u00fchlen, Wollen sind nicht im gleichen Sinne die Gegenst\u00e4nde der Psychologie, wie die Bewegungen der K\u00f6rper, die elektrischen Erscheinungen, etc., Gegenst\u00e4nde der Physik. Das siehst du daraus, da\u00df der Physiker diese Erscheinungen sieht, h\u00f6rt, \u00fcber sie nachdenkt, sie uns mitteilt, und der Psychologe die \u00c4u\u00dferungen (das Benehmen) des Subjekts beobachtet\u201c (\u00a7571).<br><br><sup>29<\/sup> PU 2019: \u00a7305.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Wie nun verwenden wir unsere psychologischen Begriffe dann? Wovon handeln unsere \u00c4u\u00dferungen \u00fcber das Psychische?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSo handelt die Psychologie vom Benehmen, nicht von der Seele? Was berichtet der Psychologe? \u2013 Was beobachtet er? Nicht das Benehmen der Menschen, insbesondere ihre \u00c4u\u00dferungen? Aber diese handeln nicht vom Benehmen.\u201c<sup>30<\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>30<\/sup> PU 2019: S. 497.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Wie sich im Vorangegangenen abzuzeichnen begonnen hat, liegt unseren Empfindungsausdr\u00fccken ebenso eine allgemeine Bedingung der Intersubjektivit\u00e4t zugrunde, wie all unseren anderen Begriffen. Insofern sie ihren Platz in der sozialen Praxis einer Sprachgemeinschaft haben, kommt ihnen neben ihrer subjektiven Dimension stets auch eine objektive Dimension zu, aufgrund derer sie mit derselben Bedeutung von verschiedenen Personen auf andere Subjekte angewandt werden k\u00f6nnen.<sup>31<\/sup> So finden die Erlebnisbegriffe ihre Anwendung zum einen aus der Innenperspektive heraus. Wir schreiben sie uns selbst zu und zwar nicht, indem wir erst unser Verhalten, die Umst\u00e4nde oder andere typische Indizien f\u00fcr ein solches Erleben wie von Au\u00dfen beobachten, sondern unmittelbar. Zum anderen bed\u00fcrfen sie \u00e4u\u00dferer Kriterien, aufgrund derer die Anwendung des Erlebnisbegriffes auf einen selbst in der Ersten-Person-Perspektive erst m\u00f6glich ist, insofern er eine gewisse Bedeutungsumgebung in einer Sprachgemeinschaft hat. Und hier kommt neben den Umst\u00e4nden insbesondere dem Verhalten eine tragende Rolle zu.<sup>32<\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>31<\/sup> Vgl. Nagel, <em>Der Blick von Nirgendwo<\/em>, 59 und Gebauer, <em>Wittgensteins anthropologisches Denken<\/em>, 135.<br><br><sup>32<\/sup> Damit ich mit der Anwendung des Erlebnisbegriffs auf mich selbst etwas meinen kann, muss gew\u00e4hrleistet sein, dass der Begriff aus Gr\u00fcnden des Verhaltens und der Umst\u00e4nde auf mich und auch andere anwendbar ist, und zwar aus Gr\u00fcnden, die ihrerseits nicht allein privat verf\u00fcgbar sind. Vgl. Tr\u00e4chtler, \u201eEmpfindungen,\u201c 222. Siehe hierzu auch Anmerkung 17.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Im Hinblick auf dieses Ineinandergreifen von erster und dritter Perspektive, bzw. von Selbstzuschreibung und Fremdzuschreibung in unseren Erlebnisbegriffen spricht Wittgenstein sp\u00e4ter auch von einem Durcheinander zweier Sprachspiele:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e\u201aIch merkte, er war verstimmt.\u2018 Ist das ein Bericht \u00fcber das Benehmen oder den Seelenzustand? (\u201aDer Himmel sieht drohend aus\u2018: handelt das von der Gegenwart, oder von der Zukunft?) Beides; aber nicht im Nebeneinander; sondern vom einen durch das andere.\u201c<sup>33<\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>33<\/sup> PU 2019: S. 497.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p><br>In der Tat besteht zwischen dem Bericht \u00fcber das beobachtbare Benehmen und dem \u00fcber den Seelenzustand, zwischen dem physikalischen und dem psychologischen Sprachspiel, ein Unterschied. Doch das Besondere an diesen beiden \u201eperspektivenverschiedenen Sprachspielen\u201c<sup>34<\/sup> ist, dass sie miteinander verkn\u00fcpft zu sein scheinen, und zwar in \u00e4hnlicher Weise, wie die Bemerkung \u00fcber das gegenw\u00e4rtige bedrohliche Aussehen des Himmels seine Bedeutung dadurch erh\u00e4lt, dass sie implizit von einem zuk\u00fcnftigen Gewitter handelt.<sup>35<\/sup> Folgten wir hier einer alternativ-dualistischen Sprachlogik und begriffen den Satz \u201eDer Himmel sieht drohend aus\u201c entweder als Aussage \u00fcber die Gegenwart oder als Aussage \u00fcber die Zukunft, dann w\u00fcrden wir das Gesagte offenbar nicht richtig verstehen. Die Berichte sind hier vielmehr in einer Weise miteinander verkn\u00fcpft, dass, wenn man explizit auf den einen Sachverhalt Bezug nimmt, man dies nur durch eine implizite Bezugnahme auf den anderen tun kann. Und diese Struktur eines Durcheinanders scheint auch die beiden Sprachspiele, in denen wir uns auf unser Verhalten und unsere Seelenzust\u00e4nde beziehen, zu pr\u00e4gen.<sup>36<\/sup> In Schilderungen \u00fcber ein menschlichen Benehmen, nehmen wir implizit Bezug auf einen Seelenzustand, ebenso, wie von einem Seelenzustand zu berichten, bedeutet, sich damit zugleich auch auf Verhaltensweisen der Person zu beziehen.<sup>37<\/sup> <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>34<\/sup> L\u00fctterfelds, \u201eDas \u201aDurcheinander\u2018 der Sprachspiele: Wittgensteins Aufl\u00f6sung der Mentalismus-Alternative,\u201c 113.<br><br><sup>35<\/sup> Siehe L\u00fctterfelds, \u201eDas \u201aDurcheinander\u2018 der Sprachspiele: Wittgensteins Aufl\u00f6sung der Mentalismus-Alternative,\u201c 111.<br><br><sup>36<\/sup> Siehe L\u00fctterfelds, \u201eDas \u201aDurcheinander\u2018 der Sprachspiele: Wittgensteins Aufl\u00f6sung der Mentalismus-Alternative;\u201c 111.<br><br><sup>37 <\/sup>&nbsp;Siehe L\u00fctterfelds, \u201eDas \u201aDurcheinander\u2018 der Sprachspiele: Wittgensteins Aufl\u00f6sung der Mentalismus-Alternative,\u201c 112, sowie Tr\u00e4chtler, \u201eEmpfindungen,\u201c 224.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Um bei einem Beispiel von Wittgenstein zu bleiben: Der Begriff des Verstimmt-seins meint zun\u00e4chst erst einmal eine seelische Verfassung: Man kann sich gerade nicht freuen, gr\u00fcbelt vor sich hin, ist ver\u00e4rgert, m\u00f6glicherweise auch besorgt, etwas abwesend und dergleichen. Doch diese gleichsam seelischen Aspekte der Bedeutung von Verstimmt-sein sind in unserer Sprachpraxis mit gewissen Verhaltensweisen und Umst\u00e4nden verflochten: Ein Mensch schaut nicht allzu freundlich drein, legt die Stirn in Falten, reagiert mitunter etwas gereizt, schimpft vor sich hin, oder er ist sichtlich beherrscht, ungewohnt schweigsam, nicht bei der Sache und so fort. Obzwar wir sehr wohl zwischen diesen beiden Momenten des Seelenzustands und des Verhaltens unterscheiden, sind sie in der Bedeutung des Ausdrucks des Verstimmt-seins doch wesentlich ineinander verschr\u00e4nkt. Wenn wir von einer Verstimmung sprechen, meinen wir in der Regel beides, wie sich ein solches seelisches Befinden anf\u00fchlt und wie es sich \u00e4u\u00dfert. Und in der Bedeutung, die durch diese Verschr\u00e4nkung entsteht, verm\u00f6gen wir den Empfindungsbegriff sowohl auf uns selbst wie auch auf andere anzuwenden.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs ist hier wie mit einem Verh\u00e4ltnis: Physikalischer Gegenstand und Sinneseindr\u00fccke. Wir haben hier zwei Sprachspiele und ihre Beziehungen zueinander sind komplizierter Art. \u2013 Will man diese Beziehungen auf eine einfache Formel bringen, so geht man fehl.\u201c<sup>38<\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>38<\/sup> PU 2019: S. 499.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Auf diesem Weg also wird das subjektive Erleben zum Inhalt eines Begriffes, der intersubjektiv und semantisch-allgemein ist, und \u2013 in dieser Hinsicht \u2013 zu etwas \u00f6ffentlich Geteiltem.<sup>39<\/sup> Die Bemerkung, dass wir einer \u201egrammatischen Fiktion\u201c aufsitzen, wenn wir an der semantischen Differenz beziehungsweise der strikten semantischen Trennung von Innen und Au\u00dfen festhalten, ist offenbar vor eben diesem Hintergrund zu verstehen. In unserer sprachlichen Praxis scheinen diese beiden Momente auf eine Weise ineinander verwoben zu sein, dass ein strenges dualistisches Raster dem komplexeren Muster unseres tats\u00e4chlichen Lebens, das sich hierin herausbildet, offenbar nicht gerecht wird \u2013 um mit einem anderen, sp\u00e4teren Bild von Wittgenstein zu enden. Denn zumindest unsere Empfindungsbegriffe scheinen uns von dem Bild des K\u00e4fers in der<br>Schachtel letztlich wieder wegzuf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>39<\/sup> Siehe L\u00fctterfelds, \u201eDas \u201aDurcheinander\u2018 der Sprachspiele: Wittgensteins Aufl\u00f6sung der Mentalismus-Alternative,\u201c 116 und Tr\u00e4chtler, \u201eEmpfindungen,\u201c 224.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>\u201eWenn das Leben ein Teppich w\u00e4re, so ist dies Muster (der Vorstellung z.B.) nicht immer vollst\u00e4ndig und vielfach variiert. Aber wir, in unserer Begriffswelt, sehen immer wieder das Gleiche mit Variationen wiederkehren. So fassen\u2019s unsere Begriffe auf. Die Begriffe sind ja nicht f\u00fcr <em>ein<\/em>maligen Gebrauch.\u201c<sup>40<\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>40<\/sup> Ludwig Wittgenstein: <em>Schriften 8. Bemerkungen \u00fcber die Philosophie der Psychologie <\/em>(Suhrkamp 1982), \u00a7672 (aus dem Teil II der <em>Bemerkungen \u00fcber die Philosophie der Psychologie<\/em>).<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Veranschaulichung dessen, was in unseren Gedankeng\u00e4ngen<br \/>\nmanchmal zun\u00e4chst abstrakt und nicht gut greifbar erscheint, wird<br \/>\nunser Denken oft von Bildern begleitet, als gleichsam \u201eillustrierten<br \/>\nRedewendungen\u201c oder einer \u201ebildlichen Darstellung\u201c unseres Wort-<br \/>\ngebrauchs.1 Indem sie den Raum in ein Innen und ein Au\u00dfen gliedert,<br \/>\nscheint uns auch die Schachtel eine sch\u00f6ne M\u00f6glichkeit f\u00fcr eine solche<br \/>\nIllustration zu bieten, und zwar f\u00fcr einen Komplex von Fragen, der<br \/>\num die Beziehung von Subjektivem und Objektivem, Privatem und<br \/>\n\u00d6ffentlichem, Individuum und Welt kreist. 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