{"id":383,"date":"2025-11-15T09:00:02","date_gmt":"2025-11-15T09:00:02","guid":{"rendered":"https:\/\/huettenschriften.at\/?p=383"},"modified":"2025-12-24T10:37:47","modified_gmt":"2025-12-24T10:37:47","slug":"die-unsichtbaren-schachteln-dernormalitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/schachtelschriften\/383\/","title":{"rendered":"Die unsichtbaren Schachteln der Normalit\u00e4t"},"content":{"rendered":"\n<p>Wir leben in einer Zeit tiefgreifender Unsicherheiten und gro\u00dfer Auseinandersetzungen darum, was als \u201enormal\u201c gelten und anerkannt werden soll. Insbesondere in westlichen L\u00e4ndern entz\u00fcnden sich Auseinandersetzungen an den weitreichenden Folgen der Klimakrise und bestehender sozialer Ungleichheit. Sie sind Beispiele f\u00fcr Konfliktfelder, die zunehmend als \u201eKulturk\u00e4mpfe\u201c inszeniert werden und die das Vertrauen in etablierte politische L\u00f6sungsans\u00e4tze untergraben. Positive und transformative Visionen f\u00fcr die Zukunft sind selten; vielmehr dominieren Erz\u00e4hlungen einer vermeintlich alternativlosen \u201elangen Gegenwart\u201c, von der angenommen wird, dass sie, trotz zugegebener und offensichtlicher Unvollkommenheiten, die einzig m\u00f6gliche oder die beste aller denkbaren Welten sei. Das erinnert an den Philosophen Gottfried Leibniz; aber anders als Leibnitz im 18. Jahrhundert wird die Alternativlosigkeit nicht religi\u00f6s begr\u00fcndet, sondern mit einer vermeintlichen Logik und Objektivit\u00e4t und durch wissenschaftliche Argumente.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Situation werden technologische Innovationen h\u00e4ufig als neutrale, rationale und unpolitische L\u00f6sungen pr\u00e4sentiert, die Fortschritt versprechen, ohne den Status quo oder soziale Normen, Werte und Machtverh\u00e4ltnisse in Frage zu stellen, auf denen sie beruhen und die sie weiter verfestigten. Technologien sind aber keine passiven Werkzeuge oder objektive Antworten auf gesellschaftliche Probleme. Sie sind, um das Bild der \u201eSchachtel\u201c in unterschiedlicher Form zu verwenden, doppelt gesellschaftlich verschachtelt. Einerseits sind sie \u201eblack boxes\u201c, d.h. ihre technische Komplexit\u00e4t bleibt den meisten unzug\u00e4nglich und ist nur wenigen Expert*innen verst\u00e4ndlich. Anderseits, und das ist die zweite und tiefere, oft \u00fcbersehene Form von \u201eVerschachtelung\u201c von Technik und Gesellschaft, sind Technologien immer auch Tr\u00e4ger und Ausdruck von Gesellschaftsformen, Werten und Praktiken. In ihnen sind Vorstellungen von Ordnung, Probleml\u00f6sung und Effizienz eingeschrieben, die nicht zuf\u00e4llig sind, sondern tief in den jeweiligen gesellschaftlichen Normen und Machtstrukturen verankert sind. Diese zweite, implizite Form von Verschachtelung von Technik und Gesellschaft bleibt, insbesondere auch f\u00fcr technische Expert*innen, oft unbemerkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Text widmet sich dieser tieferliegenden Verschachtelung von Technologie und Gesellschaft. Mithilfe des in den Science and Technology Studies (STS) entwickelten Konzepts der \u201eKo-Produktion\u201c soll gezeigt werden, dass Technologien nicht \u201evom Himmel fallen\u201c oder sich ausschlie\u00dflich aufgrund einer internen \u201etechnischen\u201c Logik entwickeln. Stattdessen sind sie untrennbar mit sozialen, politischen und kulturellen Prozessen verschachtelt. Das verwendete Beispiel der Atomkraft in \u00d6sterreich zeigt, wie die scheinbare Alternativlosigkeit dieser Technologie historisch und sozial konstruiert wurde, beginnend mit anf\u00e4nglicher Euphorie und Propagierung der Atomkraft als alternativlose Zukunftstechnologie. Aus der Kritik an dieser Begeisterung entwickelte sich die Ideeeines \u201eatomfreien \u00d6sterreichs\u201c, die heute, \u00e4hnlich der Neutralit\u00e4t, integraler Bestandteil der nationalen Identit\u00e4t ist, obwohl das Ergebnis der Volksabstimmung des Jahres 1978 denkbar knapp war.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Beispiel illustriert, dass das, was eine Gesellschaft als \u201enormal\u201c empfindet, Ergebnis eines grunds\u00e4tzlich ver\u00e4nderbaren politischen Prozesses ist. Diese Analyse soll einen Beitrag dazu leisten, die festgefahrenen Debatten um technologische Zuk\u00fcnfte neu zu beleben und eine differenziertere Auseinandersetzung um die Gestaltbarkeit unserer Welt zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">1. Problemstellung: Alternativlosigkeit als gesellschaftliche Verschachtelung \u2013 Der Mythos der technologischen Determiniertheit<\/h2>\n\n\n\n<p>In der Debatte um unterschiedliche Formen von technischen Innovationen werden Technologien h\u00e4ufig so verstanden, als folgten sie einem vorgegebenen, unausweichlichen Pfad, als setze sich unweigerlich und quasi von selbst \u201edie beste Technologie\u201c durch. In dieser Vorstellung eines sogenannten technologischen Determinismus passen sich Gesellschaften technologischen Entwicklungen an. Doch die Geschichte technischer Innovationen widerlegt diese Annahme immer wieder. Wie Wiebe Bijker und Trevor Pinch am Beispiel des Fahrrads<sup>1<\/sup> eindr\u00fccklich gezeigt haben, ist der Erfolg oder Misserfolg einer Technologie untrennbar mit sozialen Aushandlungsprozessen, Bedeutungszuschreibungen und den Interessen relevanter sozialer Gruppen verbunden.<strong> <\/strong>Dasselbe l\u00e4sst sich an der Entwicklung des Personal Computers oder des Smartphones beobachten: Ihre heutige Form und Funktionsvielfalt ist nicht allein das Ergebnis sukzessiver technischer Innovationen, sondern ebenso der fortw\u00e4hrenden Aushandlung zwischen Nutzerbed\u00fcrfnissen, gesellschaftlichen Erwartungen und der Imagination dessen, was diese Ger\u00e4te leisten k\u00f6nnen und sollen. Eine Innovation setzt sich nicht aufgrund inh\u00e4renter technischer \u00dcberlegenheit durch, sondern weil sie in einem komplexen Wechselspiel mit gesellschaftlichen Praktiken und Vorstellungen ko-produziert wird. Die j\u00fcngste Pandemie hat dies drastisch vor Augen gef\u00fchrt: Selbst die wirksamste Impfung entfaltet ihre volle Wirkung nicht, wenn Skepsis, Fehlinformationen und fehlendes Vertrauen ihre gesellschaftliche Akzeptanz untergraben.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>1<\/sup>Trevor J. Pinch and Wiebe E. Bijker, \u201cThe social construction of facts and artefacts: or How the sociology of science and the sociology of technology might benefit each other,\u201d <em>Social studies of science<\/em> 14, no. 3 (1984): 399-441, <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1177\/030631284014003004\">https:\/\/doi.org\/10.1177\/030631284014003004<\/a>.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Technologie als gesellschaftlicher Prozess der \u201eKo-Produktion\u201c<\/h3>\n\n\n\n<p>Technologien sind nicht neutral und fallen nicht vom Himmel. Sie sind vielmehr Ergebnis komplexer sozialer, politischer, \u00f6konomischer und kultureller Prozesse. Diese dynamische Wechselbeziehung von Technik und Gesellschaft wird im Feld der Science and Technology Studies (STS) mit dem Begriff der Ko-Produktion gefasst. Die US-amerikanische Wissenschaftsforscherin Sheila Jasanoff pr\u00e4gte ihn, um die gemeinsame Hervorbringung von nat\u00fcrlicher und sozialer Ordnung zu untersuchen. Im Kern besagt er, dass Wissenschaft und Gesellschaft nicht getrennt, sondern untrennbar miteinander verwoben sind, einander bedingen und stabilisieren.<sup>2<\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>2<\/sup>Sheila Jasanoff, <em>States of Knowledge: The Co-production of Science and Social Order<\/em> (London: Routledge, 2004), <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.4324\/9780203413845\">https:\/\/doi.org\/10.4324\/9780203413845<\/a>.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ko-Produktion vermeidet die einseitige Determinierung von Technologie, sei es durch Natur oder durch Gesellschaft. Es ist ein &#8222;selbstbewusstes Bestreben, sowohl sozialen als auch technowissenschaftlichen Determinismus in den STS-Darstellungen der Welt zu vermeiden.<sup>3<\/sup> Das Konzept bietet somit einen neuen Blick auf das Ineinander- Verschachtelt-sein von Wissenschaft und Technologie mit bestehenden sozialen Normen. Jasanoff fasst das pr\u00e4gnant zusammen: \u201e[K]o-Produktion [verdeutlicht], dass die Art und Weise, wie wir die Welt (sowohl die Natur als auch die Gesellschaft) kennen und darstellen, untrennbar mit der Art und Weise verbunden ist, wie wir in ihr leben wollen. Wissen und seine materiellen Verk\u00f6rperungen sind [somit] gleichzeitig Produkte sozialer Arbeit und konstitutiv f\u00fcr Formen des sozialen Lebens&#8220;<sup>4<\/sup>.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>3<\/sup>Jasanoff, <em>States of Knowledge, S. 20<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><sup>4<\/sup>Jasanoff, <em>States of Knowledge, S.2<\/em>.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das Konzept der Ko-Produktion beansprucht nicht, wie klassische wissenschaftliche Theorien, die Entwicklung von Technologien vorherzusagen. Dennoch erf\u00fcllt es eine entscheidende kritische Funktion, indem es grundlegende Fragen an das Verh\u00e4ltnis von Technik und Gesellschaft richtet. Ko-Produktion wird typischerweise \u201eentlang bestimmter gut dokumentierter Pfade\u201c<sup>5<\/sup> , sichtbar, insbesondere bei der Entstehung von Identit\u00e4ten, Institutionen, Diskursen und deren Repr\u00e4sentation. Diese Elemente sind dabei keine statischen Gegebenheiten, sondern werden durch die kontinuierliche Wechselwirkung von Gesellschaft und Technowissenschaft st\u00e4ndig geformt und neu geformt. Martyn Pickersgill nutzt&nbsp;Ko-Produktion, um die Artikulation und Wechselwirkung zwischen Wissenschaft, Ethik und Emotion zu beleuchten,<sup>6<\/sup> w\u00e4hrend Ruha Benjamin ihn verwendet, um zu zeigen, dass Roboter und Algorithmen nicht neutral sind, sondern Vorurteile reproduzieren k\u00f6nnen.<sup>7<\/sup> Frahm et al. untersuchen aus der Perspektive der Ko-Produktion, wie Konzepte wie die \u201everantwortliche Innovation\u201c (Responsible Innovation), die eigentlich auf eine st\u00e4rkere gesellschaftliche Teilhabe abzielen, dennoch dazu beitragen k\u00f6nnen, bestehende Innovationspfade und die damit verbundenen Zw\u00e4nge im Namen der Gesellschaft zu legitimieren und durchzusetzen.<sup>8<\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>5<\/sup>Jasanoff, <em>States of Knowledge, S.38<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><sup>6<\/sup>Martyn Pickersgill, &#8222;The Co-production of Science, Ethics, and Emotion,&#8220; <em>Science, Technology, &amp; Human Values<\/em> 37, no. 6 (2012): 579-603, <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1177\/0162243911433057\">https:\/\/doi.org\/10.1177\/0162243911433057<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><sup>7<\/sup>Ruha Benjamin, <em>Race after Technology: Abolitionist Tools for the New Jim Code<\/em> (Cambridge: Polity, 2019).<\/p>\n\n\n\n<p><sup>8<\/sup>Nora Frahm, Tessa Doezema, and Sebastian Pfotenhauer, &#8222;Fixing Technology with Society: The Coproduction of Democratic Deficits and Responsible Innovation at the OECD and the European Commission,&#8220; <em>Science, Technology, &amp; Human Values<\/em> 47, no. 1 (2022): 174-216, <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1177\/0162243921999100\">https:\/\/doi.org\/10.1177\/0162243921999100<\/a>.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das Ph\u00e4nomen der \u201eAlternativlosigkeit\u201c: Eine Form der gesellschaftlichen Verschachtelung<\/h3>\n\n\n\n<p>Der Glaube an \u201eAlternativlosigkeit\u201c l\u00e4sst sich als direkte Folge oder Manifestation von Prozessen der Ko-Produktion verstehen. Bei Alternativlosigkeit wird eine Technologie (z.B. fossile Energiegewinnung, Automobilinfrastruktur oder Massenproduktion in der Landwirtschaft) als die einzig logische, effiziente oder \u201enat\u00fcrliche\u201c L\u00f6sung f\u00fcr ein Problem pr\u00e4sentiert. Alternative Pfade werden unsichtbar gemacht, delegitimiert oder aktiv unterdr\u00fcckt. Dies kann als eine tiefgreifende Verschachtelung von Technik und Gesellschaft interpretiert werden: Bestimmte technologische Pfade werden so tief in gesellschaftliche Strukturen, Routinen und Denkweisen eingebettet, dass sie kaum noch hinterfragt werden (k\u00f6nnen). Sie werden zu einer \u201eblack box\u201c, die nicht hinterfragbar ist, und deren Inhalt und Aufbau als gegeben angenommen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese mangelnde Hinterfragung f\u00fchrt jedoch zu erheblichen, oft systemischen Problemen, die weit \u00fcber rein technische Herausforderungen hinausgehen. Starres Festhalten an der vermeintlichen Alternativlosigkeit historisch gewachsener Infrastrukturen und technologischer Pfade tr\u00e4gt ma\u00dfgeblich zu Krisen wie der Klimakrise bei, beeintr\u00e4chtigt die Gesundheit der Menschen (etwa durch Luftverschmutzung oder L\u00e4rm) und verst\u00e4rkt Ungleichheiten, die den Problemen des gegenw\u00e4rtigen Kapitalismus immanent sind. So behindert die Fokussierung auf das Auto als prim\u00e4res Transportmittel die Entwicklung lebenswerter, inklusiver St\u00e4dte, in denen nicht nur f\u00fcr Fahrzeuge und deren Fahrer*innen Platz ist, sondern auch f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger*innen und Radfahrer*innen, Gr\u00fcn- und Freifl\u00e4chen, die der Klimaanpassung und dem sozialen Austausch dienen.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst bei notwendigen Transformationen, wie dem \u00dcbergang zu erneuerbaren Energien, erweist sich scheinbare Alternativlosigkeit als H\u00fcrde: So gilt das traditionelle Stromnetz, das auf zentrale, oftmals fossile Gro\u00dfkraftwerke mit wenigen Erzeuger*innen und vielen Verbraucher*innen ausgelegt ist als \u201enormale\u201c und selbstverst\u00e4ndliche Architektur der Infrastruktur. Erneuerbare Energien erfordern ein grundlegend anderes, dezentrales Stromnetz. Eine notwendige Neuausrichtung wird oft als kompliziert, aufwendig oder gar \u201ekomisch\u201c betrachtet, da sie die tief verankerten \u201ealternativlosen\u201c Denkmuster herausfordert und ihre Umsetzung durch die Tr\u00e4gheit des Status quo behindert wird. Die vermeintliche Alternativlosigkeit ist hier Schutzschild des Status quo, selbst wenn dieser langfristig nicht nachhaltig ist.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Frage nach der W\u00fcnschbarkeit: Gestaltungsm\u00f6glichkeiten und Demokratisierung von Technik<\/h3>\n\n\n\n<p>Die derzeitige \u201elange Gegenwart\u201c ist keineswegs frei von Problemen; sie ist vielmehr von einer Vielzahl, wenn nicht gar \u00dcberforderung in Form einer Permakrise gepr\u00e4gt. Viele dr\u00e4ngende Herausforderungen, die von Umweltzerst\u00f6rung, Klimawandel und Biodiversit\u00e4tsverlust \u00fcber zunehmende soziale Ungleichheit und Polarisierung bis hin zu Wirtschaftskrisen und geopolitischen Spannungen reichen, sind untrennbar mit Technologien und damit verbundenen Praktiken verkn\u00fcpft, die im gesellschaftlichen Diskurs als \u201ealternativlos\u201c gesehen wurden. Eine kritische Auseinandersetzung mit dieser vermeintlichen Alternativlosigkeit und eine Bereitschaft, sie aufzugeben, ist somit der erste Schritt zur Probleml\u00f6sung. Es geht nicht um eine Schwarz-Wei\u00df-Betrachtung, sondern vielmehr darum, mehr M\u00f6glichkeiten und eine breitere Diskussion dar\u00fcber zuzulassen, was gesellschaftlich erw\u00fcnscht ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erkenntnis, dass Technologien durch Ko-Produktion von Wissenschaft und Gesellschaft geformt werden, er\u00f6ffnet nicht nur einen kritischen Blick auf die Vergangenheit, sondern auch die M\u00f6glichkeit zur aktiven Gestaltung und Demokratisierung von Technik. Es zeigt sich, dass alternative, m\u00f6glicherweise w\u00fcnschenswertere technologische Zuk\u00fcnfte nicht utopisch, sondern erreichbar sind, wenn die gesellschaftlichen Prozesse, die Technologien hervorbringen, bewusst und inklusiv gestaltet werden.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">2. Fallstudie: Atomkraft in \u00d6sterreich \u2013 Die Geschichte eines Mythos<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein Land geht einen anderen Weg<\/h3>\n\n\n\n<p>\u00d6sterreich nimmt in der zivilen Nutzung der Kernenergie international eine einzigartige Stellung ein. W\u00e4hrend viele Staaten in den 1960er und 70er Jahren massiv in Atomkraftwerke (AKW) investierten und diese als Schl\u00fcssel zur modernen Energieversorgung betrachteten, w\u00e4hlte \u00d6sterreich einen g\u00e4nzlich anderen Weg. Trotz erheblicher Vorleistungen, massiver Investitionen und der bereits fertiggestellten Anlage im nieder\u00f6sterreichischen Zwentendorf wurde das erste und einzige AKW des Landes nie in Betrieb genommen. Die Geschichte der zivilen Nutzung der Kernenergie in \u00d6sterreich ist keine Erz\u00e4hlung vom Aufstieg und Fall einer in Betrieb genommenen Technologie, sondern die der Konstruktion, des Kampfes um, und der letztendlichen Dekonstruktion eines Mythos technologischer Alternativlosigkeit, gefolgt von der Neukonstruktion der Idee eines atomfreien \u00d6sterreichs. Sie illustriert, wie ein als unvermeidlich dargestellter technologischer Pfad durch einen komplexen sozialen und politischen Prozess aufgebrochen und durch eine alternative \u201eNormalit\u00e4t\u201c ersetzt wurde.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Anfangseuphorie: Die \u201eSchachtel\u201c der Zukunft und des Fortschritts<\/h3>\n\n\n\n<p>In der Nachkriegszeit, insbesondere ab den 1960er Jahren, wurde die zivile Nutzung der Kernenergie international und auch in \u00d6sterreich mit gro\u00dfer Euphorie als Inbegriff des Fortschritts und der scheinbar unbegrenzten Energie f\u00fcr eine wachsende Wirtschaft gefeiert. Sie wurde als \u201esauber\u201c, \u201ebillig\u201c und \u201esicher\u201c propagiert, eine \u201eSchachtel\u201c technologischer Zukunft, die Wohlstand und Unabh\u00e4ngigkeit versprach. Diese Erz\u00e4hlung wurde von einem breiten Konsens der politischen Eliten, der Industrie und Teilen der Wissenschaft getragen. Gro\u00dfkonzerne wie die Verbundgesellschaftforcierten den Ausbau, und die Politik sah in der Atomenergie eine M\u00f6glichkeit, die Abh\u00e4ngigkeit von importierten fossilen Brennstoffen zu reduzieren und \u00d6sterreich als modernes Industrieland zu positionieren.<sup>9<\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>9<\/sup>Florian Bayer, &#8222;Die Ablehnung der Kernenergie in \u00d6sterreich: Ein Anti-Atom-Konsens als Errungenschaft einer sozialen Bewegung?,&#8220; <em>Zeitschrift f\u00fcr Sozialen Fortschritt<\/em> 3, no. 3 (2014): 170-187.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Diese Argumentation basierte auf einem techno-optimistischen Weltbild, das komplexe Risikobewertungen der Kernenergie in den Hintergrund, und die rein technischen M\u00f6glichkeiten in den Vordergrund stellte. Kritiker*innen wurden oft als technikfeindlich oder unwissend abgetan. Peter Weish, ein prominenter Atomkraftgegner der ersten Stunde, erinnert sich an die herablassende Haltung der Atomlobby gegen\u00fcber Kritiker*innen: \u201eNoch dazu von so genannten selbsternannten Fachleuten, wie wir damals von den Atomlobbyisten bezeichnet wurden. Damals wurde immer wieder erkl\u00e4rt, diejenigen, die wirklich etwas davon verstehen, die Atomphysiker, die Atomingenieure usw., die w\u00e4ren ja alle daf\u00fcr. Dagegen sind eigentlich nur die, die Angst aus Unwissenheit haben und die m\u00fcsse man halt nur aufkl\u00e4ren.\u201c<sup>10<\/sup> Diese Ausf\u00fchrungen zeigen, wie versucht wurde, eng gefasste technische Expertise als einzige legitime Wissensform zu etablieren und die gesellschaftliche Debatte in eine \u201eSchachtel\u201c des reinen technischen Machbaren zu pressen. Kritik wurde zu \u201eUnwissenheit\u201c umgedeutet, die es zu \u201ebek\u00e4mpfen\u201c galt.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>&nbsp;Peter Weish, &#8222;Erinnerungen eines &#8218;Atomgegners'&#8220; 2008, <a href=\"https:\/\/homepage.univie.ac.at\/peter.weish\/schriften\/Zwentenbuch-pw-bearbeitet.pdf\">https:\/\/homepage.univie.ac.at\/peter.weish\/schriften\/Zwentenbuch-pw-bearbeitet.pdf<\/a> S. 2.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der Wendepunkt und der Widerstand: Das Aufbrechen der \u201eSchachtel\u201c<\/h3>\n\n\n\n<p>Der scheinbar unaufhaltsame Aufstieg der Atomkraft stie\u00df in \u00d6sterreich jedoch auf unerwartet starken Widerstand. Ab Mitte der 1970er Jahre formierte sich eine breite Anti-AKW-Bewegung, die anf\u00e4nglich kleine Proteste zu einer massenhaften Bewegung wachsen lie\u00df. Diese Bewegung, getragen von Umweltgruppen, B\u00fcrger*inneninitiativen und sp\u00e4ter auch von Teilen der politischen Opposition, stellte die vermeintliche Alternativlosigkeit der Atomkraft vehement in Frage. Sie thematisierte nicht nur technische Risiken (St\u00f6rf\u00e4lle im Betrieb, die ungel\u00f6ste Frage der Lagerung von Atomm\u00fcll), sondern auch fundamentale Fragen der Demokratie und der Mitbestimmung bei gro\u00dfen Technologieentscheidungen.<sup>11<\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>11<\/sup>Ibid.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Der entscheidende Wendepunkt war die Volksabstimmung vom 5. November 1978 \u00fcber die Inbetriebnahme des AKW Zwentendorf zu dem sich die Regierung unter Bruno Kreisky entschieden hat. Die Kampagne vor dem Referendum war intensiv und spaltete das Land. Die Bef\u00fcrworter*innen betonten weiterhin \u00f6konomische Notwendigkeiten und die technische Sicherheit, w\u00e4hrend die Gegner*innen auf ungel\u00f6ste Sicherheitsprobleme, das Restrisiko und die ethischen Fragen verwiesen.<sup>12<\/sup> Das Ergebnis war denkbar knapp: Nur 50,47 Prozent der Abstimmenden stimmten gegen die Inbetriebnahme. Dieses knappe Ergebnis verdeutlicht, dass die \u201eSchachtel\u201c der vermeintlichen Alternativlosigkeit der Atomkraft nicht durch eine schlagartige Erkenntnis oder breite Einigkeit aufgebrochen wurde, sondern durch einen hart erk\u00e4mpften, von vielen Unsicherheiten begleiteten politischen Prozess der Aushandlung und Entscheidungsfindung. Es war ein Moment, in dem die gesellschaftliche Dimension der Technologiefrage unwiderruflich sichtbar wurde und die Deutungshoheit der \u201eFachexpert*innen\u201c erfolgreich herausgefordert wurde.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>&nbsp;Bayer, &#8222;Ablehnung der Kernenergie in \u00d6sterreich&#8220;.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Verfestigung des \u201eNeins zu Atomkraft\u201c: Ein \u201ealternativer\u201c Pfad wird \u201enormal\u201c<\/h3>\n\n\n\n<p>Trotz des knappen Ergebnisses, f\u00fchrte die Ablehnung der Inbetriebnahme des AKWs zu einem sofortigen Baustopp in Zwentendorf, zu einem sogenannten \u201eAtomsperrgesetz\u201c und in der Folge zu einem Bundesverfassungsgesetz f\u00fcr ein atomfreies \u00d6sterreich. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass die Anti-AKW-Bewegung nach der Volksabstimmung von der Bildfl\u00e4che verschwunden war und die weitere Ausgestaltung des Atomsperrgesetzes sowie den Verlauf der Auseinandersetzung um die Inbetriebnahme des AKW Zwentendorf nicht mehr wesentlich beeinflussen konnte. Dies unterstreicht die parteipolitische Pr\u00e4gung der folgenden Phase.<sup>13<\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>&nbsp;Bayer, &#8222;Ablehnung der Kernenergie in \u00d6sterreich&#8220;.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das Reaktorunfall in Tschernobyl 1986 markiert, zusammen mit den daraus resultierenden politischen Positionierungen, das Ende der Kernenergiekontroverse in \u00d6sterreich und bildet den eigentlichen Anfangspunkt der Mythenbildung um die eigene Geschichte der Kernenergienutzung in diesem Land.<sup>14<\/sup> W\u00e4hrend sich die beiden Gro\u00dfparteien und die FP\u00d6 nach M\u00e4rz 1985 in der Atomenergiedebatte kaum mehr auf Kosten der Konkurrenz profilieren konnten, bot \u201enunmehr ein externes Ereignis [Tschernobyl], das eine Neuverortung \u00fcber die Inszenierung einer besonderen Position der \u00f6sterreichischen Nation erm\u00f6glichte\u201c<sup>15<\/sup>.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>14<\/sup>Herbert Lackner, &#8222;Von Seibersdorf bis Zwentendorf. Die &#8218;friedliche Nutzung der Atomenergie&#8216; als Leitbild der Energiepolitik in \u00d6sterreich,&#8220; <em>Bl\u00e4tter f\u00fcr Technikgeschichte<\/em> 62 (2000): 201-226.<\/p>\n\n\n\n<p><sup>15<\/sup>Bayer, &#8222;Ablehnung der Kernenergie in \u00d6sterreich&#8220;, S.183.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Tschernobyl verankerte das \u201eNein\u201c zur Atomkraft noch tiefer im kollektiven Bewusstsein und trug ma\u00dfgeblich dazu bei, dass die Ablehnung dieser Technologie zu einem integralen Bestandteil der \u00f6sterreichischen Identit\u00e4t wurde.<sup>16<\/sup> \u00dcber die Jahre wandelte sich die knappe Entscheidung und anf\u00e4ngliche Unsicherheit in einen breiten gesellschaftlichen Konsens. Dieser alternative Pfad zur \u201eNormalit\u00e4t\u201c, die in einer Energiepolitik ohne Nuklearenergie bestand, wurde nicht allein durch die Anti-AKW-Bewegung geformt, sondern in erheblichem Ma\u00dfe durch den \u00f6sterreichischen Parteien- und Verb\u00e4ndestaat mitgepr\u00e4gt. Parteien, Sozialpartner und Interessensvertretungen adaptierten und integrierten das \u201eNein zu Atomkraft\u201c in ihre Agenden und Positionen. Infrastrukturell bedeutete dies eine Fokussierung auf Wasserkraft und in der Folge auch auf andere Formen erneuerbarer Energie. Die leere H\u00fclle von Zwentendorf wurde zu einem materiellen Symbol dieser Entscheidung, eine \u201eSchachtel\u201c ohne den urspr\u00fcnglich vorgesehenen Inhalt, die nun eine Geschichte des Nicht-Ereignisses und der bewussten Abkehr von einem globalen Trend erz\u00e4hlt. So wurde durch eine Kombination aus zivilgesellschaftlichem Druck, Aushandlung im politischen System und pr\u00e4genden Ereignissen ein neuer und anderer \u201ealternativloser\u201c Zustand etabliert, der zeigt, dass scheinbare technologische Notwendigkeiten durch soziale Prozesse grundlegend ver\u00e4ndert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>16<\/sup>Ulrike Felt, &#8222;Keeping Technologies Out: Sociotechnical Imaginaries and the Formation of Austrian National Technopolitical Identity,&#8220; in <em>Dreamscapes of Modernity: Sociotechnical Imaginaries and the Fabrication of Power<\/em>, ed. Sheila Jasanoff and Sang-Hyun Kim (Chicago: University of Chicago Press, 2015), 103-125.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">3. Ko-Produktion und Analyse: Wenn Gesellschaft und Technologie einander gegenseitig formen<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Geschichte der Atomkraft in \u00d6sterreich illustriert das Konzept der Ko-Produktion sehr gut, indem sie zeigt, wie wissenschaftliches Wissen, technische Objekte, gesellschaftliche Normen und nationale Identit\u00e4ten in einem dynamischen Wechselspiel entstehen und einander beeinflussen. Die scheinbare Alternativlosigkeit der Atomkraft war nicht vorgegeben, sondern das Ergebnis kontingenter Prozesse, die durch kollektives politisches Handeln ver\u00e4ndert werden konnten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wissensproduktion: Narrative im Atomkraft-Diskurs<\/h3>\n\n\n\n<p>Der Diskurs um die Atomkraft war in \u00d6sterreich von konkurrierenden Wissensregimen und Erz\u00e4hlungen gepr\u00e4gt, die sich eng mit gesellschaftlichen Werten und politischen Entscheidungen verkn\u00fcpft haben. Auf der einen Seite stand die von der Atomlobby und Teilen der etablierten Wissenschaft propagierte Erz\u00e4hlung der technologischen Machbarkeit und Energieunabh\u00e4ngigkeit. Atomkraft wurde darin als die rationale, wissenschaftlich fundierte L\u00f6sung f\u00fcr den steigenden Energiebedarf dargestellt. Die \u201eExpertise\u201c der Atomphysiker und -ingenieure wurde als unanfechtbar inszeniert, alternative Sichtweisen als \u201eAngst aus Unwissenheit\u201c abgetan oder deren Vertreter*innen als \u201eselbsternannte Fachleute\u201c diskreditiert.<sup>17<\/sup> Dieses Wissensregime versuchte, die Entscheidung \u00fcber Atomkraft als rein technische Angelegenheit in eine abgeschlossene, nur f\u00fcr wenige Eingeweihte verst\u00e4ndliche \u201eblack box\u201c zu verpacken.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>17<\/sup>Peter Weish, &#8222;Erinnerungen eines &#8218;Atomgegners'&#8220; 2008.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Demgegen\u00fcber entwickelte die Anti-AKW-Bewegung ein gegenl\u00e4ufiges Wissenssystem. Sie fokussierte auf Sicherheitsrisiken, die Gefahr von St\u00f6rf\u00e4llen und das ungel\u00f6ste Problem des Atomm\u00fclls, aber auch auf ethische und demokratische Dimensionen gro\u00dfer Technologieprojekte. Wissen wurde nicht nur in wissenschaftlichen Publikationen, sondern auch durch B\u00fcrger*innengutachten, Medienkampagnen und \u00f6ffentlichen Protest produziert und verbreitet. Die Expertise der Kritiker*innen, oft aus anderen wissenschaftlichen Disziplinen oder der Zivilgesellschaft kommend, wurde legitimiert, indem sie die gesellschaftlichen Kosten und Risiken der Atomkraft in den Vordergrund r\u00fcckte. Die Aushandlung zwischen unterschiedlichen Wissensanspr\u00fcchen, technische Machbarkeit versus gesellschaftliche Risiken, ist ein klassisches Beispiel f\u00fcr Ko-Produktion, bei der Wissen und seine materiellen Auspr\u00e4gungen untrennbar mit den Formen des sozialen Lebens verbunden sind und diese aktiv mitgestalten. Die Debatte um das AKW Zwentendorf war nicht nur ein Kampf um Fakten, sondern auch um die Definition dessen, was als relevantes Wissen z\u00e4hlte und wer als legitimer \u201eExperte\u201c anerkannt wurde.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Normen und Institutionen: Die Verschiebung des M\u00f6glichen<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Ko-Produktion im \u00f6sterreichischen Atomkraftkonflikt manifestierte sich deutlich in der Entwicklung von Normen und Institutionen. Die urspr\u00fcngliche Phase der Anfangseuphorie f\u00fcr AKWs war von institutionellen Arrangements gepr\u00e4gt, die den Bau von Atomkraftwerken beg\u00fcnstigten: Staatliche Energieversorger mit quasi-monopolistischer Stellung, F\u00f6rderprogramme und ein politischer Konsens, der Atomkraft als notwendigen Bestandteil der nationalen Infrastruktur sah.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Volksabstimmung von 1978 war ein Bruch, der die bis dahin etablierten Normen der Technologiepolitik herausforderte. Die Entscheidung, das Volk direkt abstimmen zu lassen, verschob die Legitimationsgrundlage der Technologiepolitik von einem reinen Experten*innen- und Politiker*innenkonsens hin zu einer breiteren gesellschaftlichen \u00d6ffentlichkeit. Auch wenn die Anti-AKW-Bewegung nach dem Referendum von der Bildfl\u00e4che verschwand und die weitere Ausgestaltung des Atomsperrgesetzes prim\u00e4r parteipolitisch erfolgte,<sup>18<\/sup> zeigte das Referendum, dass politische Entscheidungen (wie das sp\u00e4ter folgende Atomsperrgesetz) durch zivilgesellschaftlichen Druck erzwungen und verankert werden k\u00f6nnen. Die rechtlichen Rahmenbedingungen, die die Kernenergienutzung in \u00d6sterreich untersagen, sind ein direktes Resultat dieses Ko-Produktionsprozesses: Die neue Norm des Nicht-Nutzens wurde rechtlich institutionalisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch internationale Aspekte spielten eine Rolle: Der Reaktorunfall von Tschernobyl im Jahr 1986 war ein externes Ereignis, das die politischen Normen und Positionen in \u00d6sterreich neu definierte. Es erm\u00f6glichte den Parteien eine \u201eNeuverortung \u00fcber die Inszenierung einer besonderen Position der \u00f6sterreichischen Nation\u201c<sup>19<\/sup> und festigte das \u201eNein\u201c zur Atomkraft institutionell und partei\u00fcbergreifend. Grenznahe Atomkraftwerke blieben zwar ein Reibungspunkt in den internationalen Beziehungen, doch im Inneren wurde die \u00f6sterreichische Position zu einer festen institutionellen Norm.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>18<\/sup>Bayer, &#8222;Ablehnung der Kernenergie in \u00d6sterreich&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p><sup>19<\/sup>Ibid., S.183.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Materielle Artefakte und Infrastruktur: Zwentendorf als &#8222;Schachtel&#8220; der Ko-Produktion<\/h3>\n\n\n\n<p>Das AKW Zwentendorf ist ein einzigartiges materielles Zeugnis der Ko-Produktion. Als Nicht-in-Betrieb-genommene Infrastruktur ist es eine existierende \u201eSchachtel\u201c ohne den daf\u00fcr urspr\u00fcnglich vorgesehenen \u201eInhalt\u201c. Das Bauwerk selbst ist das Produkt massiver technischer und finanzieller Anstrengungen, ein greifbares Artefakt der technologischen Machbarkeit. Doch gerade seine Nicht-Inbetriebnahme macht es zu einem m\u00e4chtigen Symbol. Es verk\u00f6rpert nicht nur die Vision einer verpassten atomaren Zukunft, sondern auch den Sieg einer gesellschaftlichen Bewegung \u00fcber eine als alternativlos dargestellte Technologie.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses \u201eNicht-Material\u201c, das stillgelegte Kraftwerk, pr\u00e4gt die \u00f6sterreichische Identit\u00e4t im Kontext der Atomenergie in paradoxer Weise. Es ist ein monumentaler Beleg f\u00fcr eine Entscheidung, die gegen den globalen Trend getroffen wurde. Zwentendorf ist somit keine neutrale Bauruine, sondern ein materiell gewordenes Narrativ des \u00f6sterreichischen Weges. Es dient als st\u00e4ndige Erinnerung daran, dass technologische Pfade nicht vorbestimmt sind und, dass die Gesellschaft die F\u00e4higkeit hat, \u00fcber ihre technologische Zukunft zu entscheiden. Die \u201eSchachtel\u201c Zwentendorf erz\u00e4hlt heute eine andere Geschichte als urspr\u00fcnglich geplant, eine Geschichte der Kontingenz und der Gestaltungskraft.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Identit\u00e4ten und Selbstverst\u00e4ndnisse: Das \u201eatomkraftfreie \u00d6sterreich\u201c als kollektive Identit\u00e4t<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Debatte und die Entscheidung zur Atomkraft haben die \u00f6sterreichische Identit\u00e4t tiefgreifend geformt. Was einst eine umstrittene politische Frage war, ist heute zentraler Bestandteil des nationalen Selbstverst\u00e4ndnisses: das \u201eatomkraftfreie \u00d6sterreich\u201c. Diese Identit\u00e4t ist nicht Natur gegeben, sondern wurde durch die genannten Ko-Produktionsprozesse, die Wissenskonflikte, die institutionellen Aushandlungen, die materiellen Symbole, aktiv konstruiert und \u00fcber Jahrzehnte hinweg gefestigt.Das \u201eatomkraftfreie \u00d6sterreich\u201c ist eine neue, tief in der kollektiven Mentalit\u00e4t verankerte \u201eSchachtel\u201c kollektiver Identit\u00e4t. Sie definiert nicht nur, welche Technologie nicht genutzt wird, sondern auch, was \u00d6sterreich als Nation auszeichnet: eine besondere Sensibilit\u00e4t f\u00fcr Umweltfragen, ein Bekenntnis zu einer anderen Form von Energiepolitik und m\u00f6glicherweise auch eine Skepsis gegen\u00fcber gro\u00dftechnologischen Projekten,<sup>20<\/sup> die nicht demokratisch legitimiert sind. Diese Identit\u00e4t tr\u00e4gt dazu bei, die Entscheidung von 1978 und die nachfolgenden Entwicklungen als \u201erichtig\u201c und \u201e\u00f6sterreichisch\u201c zu zementieren, selbst wenn der Ausgang der Abstimmung sehr knapp war.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>20<\/sup>Felt, &#8222;Keeping Technologies Out, 2015.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Hinterfragung der \u201eAlternativlosigkeit\u201c: Die M\u00f6glichkeit des \u201eAnders-Seins\u201c<\/h3>\n\n\n\n<p>Der Fall des Schicksals der friedlichen Nutzung der Kernenergie in \u00d6sterreich demonstriert eindr\u00fccklich, wie die Ko-Produktion dazu f\u00fchrte, dass die Atomkraft nicht Normalit\u00e4t wurde, w\u00e4hrend sie in vielen anderen L\u00e4ndern (tempor\u00e4r) als \u201ealternativlos\u201c galt und gilt. Die Welt <em>konnte<\/em> anders sein, und \u00d6sterreich hat diesen \u201eanderen\u201c Weg nicht nur gew\u00e4hlt, sondern durch bewusste Ko-Produktionsprozesse auf verschiedenen Ebenen etabliert und in die nationale Identit\u00e4t eingeschrieben. \u201eAlternativlosigkeit\u201c wurde nicht passiv begegnet, sondern aktiv ein alternativer Pfad ko-produziert.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">4. Fazit: Die M\u00f6glichkeit des \u201eAnders-Seins\u201c und die ge\u00f6ffneten Schachteln<\/h2>\n\n\n\n<p>Dieser Text hat gezeigt, dass Technologien nicht neutrale, objektive oder gar deterministische Kr\u00e4fte sind, die sich entlang eines vorgegebenen Pfades entwickeln. Sie sind vielmehr, wie die Analyse mittels des Idioms der Ko-Produktion gezeigt hat, Produkte komplexer und dynamischer Prozesse, in denen sich wissenschaftliches Wissen, technische Artefakte, gesellschaftliche Normen und kollektive Identit\u00e4ten wechselseitig formen. Die weit verbreitete Vorstellung einer technologischen \u201eAlternativlosigkeit\u201c ist somit ein tief verankertes, aber nichtsdestotrotz konstruiertes Narrativ, die oft dazu verwendet wird, bestehende Machtverh\u00e4ltnisse und technologische Pfade zu legitimieren und gleichzeitig alternative, potenziell w\u00fcnschenswertere Entwicklungen unsichtbar zu machen oder zu delegitimieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte der zivilen Nutzung der Atomkraft in \u00d6sterreich ist ein gutes Beispiel f\u00fcr diese Dynamik. Sie ist keine Erz\u00e4hlung eines Scheiterns, sondern ein eindr\u00fccklicher Beweis daf\u00fcr, dass scheinbar unvermeidliche technologische Pfade durch konzertierte soziale, politische Prozesse und aktive Gestaltung ver\u00e4ndert werden k\u00f6nnen. Die anf\u00e4ngliche Euphorie und die Propagierung der Atomkraft als alternativlose Zukunftstechnologie stie\u00dfen auf den Widerstand einer sich organisierenden Zivilgesellschaft, der letztlich im knappen Ergebnis der Volksabstimmung von 1978 gipfelte. Der Nicht-Betrieb von Zwentendorf und die sp\u00e4tere Konsolidierung des \u201eatomkraftfreien \u00d6sterreichs\u201c, verst\u00e4rkt durch das externe Ereignis von Tschernobyl und die aktive parteipolitische Gestaltung, demonstrieren die Macht der Ko-Produktion. Teile der \u00f6sterreichischen Bev\u00f6lkerung haben nicht passiv ein Schicksal angenommen, sondern aktiv einen \u201eanderen\u201c Weg angesto\u00dfen und als neue Normalit\u00e4t etabliert.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Bild der \u201eSchachtel\u201c l\u00e4sst sich der Kern dieser Erkenntnis wie folgt zusammenfassen: Technologien und die damit verbundenen gesellschaftlichen Normalit\u00e4ten werden oft wie fest verschlossene Schachteln pr\u00e4sentiert, deren Inhalt und Bestimmung unver\u00e4nderlich sind. Doch unsere Analyse hat gezeigt, dass diese Schachteln das Ergebnis menschlicher Interaktion und Entscheidungen sind. Sie k\u00f6nnen ge\u00f6ffnet, ihr Inhalt neu bewertet und sogar neu bef\u00fcllt werden. Das Erkennen und kritische Hinterfragen dieser \u201eSchachteln der Normalit\u00e4t\u201c ist der erste Schritt zur Entmachtung scheinbarer Alternativlosigkeiten. Es erm\u00f6glicht uns, die tiefere Verschachtelung von Technologie mit gesellschaftlichen Werten und Praktiken zu erkennen und aktiv dar\u00fcber nachzudenken, welche Arten von Zukunft wir uns w\u00fcnschen und wie wir diese gemeinsam gestalten k\u00f6nnen. Die Beispiele jenseits der Technologie, wie die Euro-Rettung, die COVID-19-Pandemie<sup>21<\/sup> oder Debatten um die Schuldenbremse, verst\u00e4rken diese Botschaft: Die Grenzen der \u201eAlternativlosigkeit\u201c sind sozial aushandelbar und verschiebbar, selbst durch Akteure, denen man konservative Haltungen unterstellen mag, wenn es der Neubewertung von Interessen dient.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><sup>21<\/sup>Adam Tooze, <em>Shutdown: How Covid Shook the World&#8217;s Economy<\/em> (New York: Viking, 2021).<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>In einer Zeit, die von Krisen und dem Ringen um positive Zukunftsvisionen gepr\u00e4gt ist, bleibt der Appell zur kritischen Reflexion \u00fcber Technologie und zur aktiven Gestaltung technologisch-gesellschaftlicher Zuk\u00fcnfte von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung. Die Welt <em>kann<\/em> auch anders sein. Es liegt in unserer Hand, die \u201eSchachteln\u201c, die uns in vermeintlicher Alternativlosigkeit gefangen halten, bewusst zu \u00f6ffnen, sie kritisch zu beleuchten, neue Inhalte zu denken und sogar ganz neue Schachteln, neue Formen der Ko-Existenz von Gesellschaft und Technologie, zu schaffen. Dies erfordert eine umfassende Demokratisierung von Technik, die nicht nur die technische Machbarkeit, sondern immer auch die gesellschaftliche W\u00fcnschbarkeit und die Verteilung von Risiken und Nutzen in den Mittelpunkt stellt.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Literaturverzeichnis<\/h3>\n\n\n\n<p>Benjamin, Ruha. <em>Race after Technology: Abolitionist Tools for the New Jim Code<\/em>. Cambridge: Polity, 2019.<\/p>\n\n\n\n<p>Bayer, Florian. &#8222;Die Ablehnung der Kernenergie in \u00d6sterreich: Ein Anti-Atom-Konsens als Errungenschaft einer sozialen Bewegung?&#8220; <em>Zeitschrift f\u00fcr Sozialen Fortschritt<\/em> 3, no. 3 (2014): 170-187.<\/p>\n\n\n\n<p>Felt, Ulrike. &#8222;Keeping Technologies Out: Sociotechnical Imaginaries and the Formation of Austrian National Technopolitical Identity.&#8220; In <em>Dreamscapes of Modernity: Sociotechnical Imaginaries and the Fabrication of Power<\/em>, edited by Sheila Jasanoff and Sang-Hyun Kim, 103-125. Chicago: University of Chicago Press, 2015.<\/p>\n\n\n\n<p>Frahm, Nora, Tessa Doezema, and Sebastian Pfotenhauer. &#8222;Fixing Technology with Society: The Coproduction of Democratic Deficits and Responsible Innovation at the OECD and the European Commission.&#8220; <em>Science, Technology, &amp; Human Values<\/em> 47, no. 1 (2022): 174-216. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1177\/0162243921999100\">https:\/\/doi.org\/10.1177\/0162243921999100<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Jasanoff, Sheila. <em>States of Knowledge: The Co-production of Science and Social Order<\/em>. London: Routledge, 2004. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.4324\/9780203413845\">https:\/\/doi.org\/10.4324\/9780203413845<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Lackner, Herbert. &#8222;Von Seibersdorf bis Zwentendorf. Die &#8218;friedliche Nutzung der Atomenergie&#8216; als Leitbild der Energiepolitik in \u00d6sterreich.&#8220; <em>Bl\u00e4tter f\u00fcr Technikgeschichte<\/em> 62 (2000): 201-226.<\/p>\n\n\n\n<p>Pickersgill, Martyn. &#8222;The Co-production of Science, Ethics, and Emotion.&#8220; <em>Science, Technology, &amp; Human Values<\/em> 37, no. 6 (2012): 579-603. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1177\/0162243911433057\">https:\/\/doi.org\/10.1177\/0162243911433057<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Pinch, Trevor J., and Wiebe E. Bijker. \u201cThe social construction of facts and artefacts: or How the sociology of science and the sociology of technology might benefit each other.\u201d <em>Social studies of science<\/em> 14, no. 3 (1984): 399-441. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1177\/030631284014003004\">https:\/\/doi.org\/10.1177\/030631284014003004<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Tooze, Adam. <em>Shutdown: How Covid Shook the World&#8217;s Economy<\/em>. New York: Viking, 2021.<\/p>\n\n\n\n<p>Weish, Peter. &#8222;Erinnerungen eines &#8218;Atomgegners&#8216;.&#8220; Vortrag\/pers\u00f6nliche Mitteilung\/unver\u00f6ffentlichtes Dokument, 2008.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir leben in einer Zeit tiefgreifender Unsicherheiten und gro\u00dfer Aus-<br \/>\neinandersetzungen darum, was als \u201enormal\u201c gelten und anerkannt<br \/>\nwerden soll. Insbesondere in westlichen L\u00e4ndern entz\u00fcnden sich Aus-<br \/>\neinandersetzungen an den weitreichenden Folgen der Klimakrise und<br \/>\nbestehender sozialer Ungleichheit. Sie sind Beispiele f\u00fcr Konfliktfelder,<br \/>\ndie zunehmend als \u201eKulturk\u00e4mpfe\u201c inszeniert werden und die das<br \/>\nVertrauen in etablierte politische L\u00f6sungsans\u00e4tze untergraben. 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