{"id":386,"date":"2025-11-15T01:00:52","date_gmt":"2025-11-15T01:00:52","guid":{"rendered":"https:\/\/huettenschriften.at\/?p=386"},"modified":"2025-12-23T21:23:15","modified_gmt":"2025-12-23T21:23:15","slug":"die-schachtel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/huettenschriften.at\/index.php\/schachtelschriften\/386\/","title":{"rendered":"Die Schachtel"},"content":{"rendered":"\n<p>Heute ist etwas Komisches passiert. Ich habe schon zweimal versucht, dar\u00fcber zu schreiben, aber wenn der Anfang einer Geschichte schon so verwirrend ist, dann f\u00e4llt es oft schwer, \u00fcberhaupt etwas zu erz\u00e4h len. Ich versuche es aber trotzdem.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich heute aufstand, war etwas anders als an den Tagen zuvor. Irgendetwas hatte sich ver\u00e4ndert, aber ich konnte nicht erkennen, was es war. Bis ich meine F\u00fc\u00dfe auf den Boden neben meinem Bett setzen wollte und sie ruckartig wieder zu mir zur\u00fcckzog. Denn \u2013 da war etwas ausgeronnen. Eine Fl\u00fcssigkeit hatte sich auf dem Boden ausgebreitet, deren Quelle ich nach eing\u00e4ngiger Betrachtung unterhalb meines Bettes vermutete. Ich sprang \u00fcber die Lache und blickte unter mein Bett auf der Suche nach einer Flasche oder einem Glas, einem Gef\u00e4\u00df, zu dem diese Fl\u00fcssigkeit passen k\u00f6nnte. Doch da war nichts unter meinem Bett \u2013 kein Gef\u00e4\u00df, das diesen Gedankengang best\u00e4tigen konnte. Aber mein Blick traf auf etwas anderes, als er der Spur der Fl\u00fcssigkeit folgte. Eine einzelne Schachtel stand unter meinem Bett. Ich streckte meinen Arm nach ihr aus, konnte sie aber nicht erreichen. Also kroch ich unter das Bett und achtete darauf, dass ich der Fl\u00fcssigkeit dabei auswich. Als ich die Schachtel ber\u00fchrte, f\u00fchlte sie sich nass und aufgedunsen an. Aber viel erschreckender war, dass sie sich warm anf\u00fchlte. Ich kroch mit ihr unter meinem Bett hervor, um sie im Licht zu betrachten. Sie hatte dunkle Flecken und Verf\u00e4rbungen \u2013 ich konnte nicht sagen, welche Farbe sie urspr\u00fcnglich gehabt hatte. Doch eines war sicher: Die Fl\u00fcssigkeit kam aus ihrem Inneren. Ich versuchte, den Deckel an einer Ecke anzuheben, doch da schnappte dieser pl\u00f6tzlich wieder herunter, und eine Stimme sagte im sp\u00f6ttischen Ton: \u201eNa, na \u2013 das lassen wir mal lieber sein. Vorerst.\u201c Mein Herz setzte vermut lich in diesem Moment das erste Mal an diesem Tag aus. (Das stimmt nat\u00fcrlich nicht, ich hatte mich schon erschreckt, als ich in die Fl\u00fcssigkeit gestiegen war). Ich sp\u00fcrte, wie sich der Schock in meinem K\u00f6rper ausbreitete, und trotzdem blieb ich wie erstarrt am Boden sitzen und blickte auf die Schachtel, die ich nun endlich als das erkennen konnte, was sie war. Ihre Seiten bl\u00e4hten sich auf und zogen sich wieder zusammen \u2013 wie man es von lebenden Wesen gewohnt war, wenn sie atmen. Das Schlimme ist nur, dachte ich mir in diesem Moment, dass man es von Dingen, die eigentlich nicht leben sollten, einfach nicht erwartet. Ich tr\u00e4ume \u2013 das kann nur ein Traum sein, dachte ich, w\u00e4hrend ich zu sah, wie die Fl\u00fcssigkeit an den Seiten der Schachtel herunterlief. \u201eEs ist nur nat\u00fcrlich, dass du das denkst \u2013 es ist auch nicht leicht, mich als real zu begreifen\u201c, sagte die Schachtel, und ich sp\u00fcrte ihren Blick auf mir, konnte aber keine Augen an ihr finden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas bist du?\u201c, fragte ich das merkw\u00fcrdige Wesen. \u201eIch bin eine Schachtel \u2013 wie du sehen kannst\u201c, antwortete sie und lachte \u00fcber meine Frage, als ob es absurd gewesen w\u00e4re, sie zu stellen. \u201eJa, das sehe ich \u2013 aber die Schachteln, die mir bis jetzt untergekommen sind, waren keine sprechenden, atmenden und Fl\u00fcssigkeit absondernden Schachteln\u201c, sagte ich und deutete auf die Lache. \u201eJa, das ist wirklich nicht optimal \u2013 dass ich auslaufe, nimmt mir irgendwie meinen Sinn\u201c, sagte die Schachtel und lachte wieder, sodass noch mehr Fl\u00fcssigkeit an ihren Seiten herunterlief. Ich verstand nichts. Vielleicht war ich, ohne es zu bemerken, schon lange verr\u00fcckt geworden. Aber w\u00fcrde man es \u00fcberhaupt merken, wenn man verr\u00fcckt geworden w\u00e4re? W\u00e4re man es nicht einfach? Jemand, der verr\u00fcckt ist, w\u00fcrde sich diese Frage sicher nicht stellen, beruhigte ich mich selbst. Aber trotzdem sp\u00fcrte ich, dass etwas mit mir nicht stimmte. Denn es war nicht nur die Situation merk w\u00fcrdig \u2013 dass ich mich am Boden sitzend mit einer Schachtel unter hielt \u2013, sondern auch etwas in mir selbst war seltsam, und ich konnte es wahrnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas ist das f\u00fcr eine Fl\u00fcssigkeit?\u201c, fragte ich, um mich selbst aus meinen Gedanken zu rei\u00dfen. Die Schachtel lie\u00df sich Zeit, mir eine Antwort zu geben \u201eMein Inhalt ist zu viel geworden, und nun l\u00e4uft er aus mir heraus\u201c, sagte sie, und diesmal lachte sie nicht. \u201eDein Inhalt ist diese Fl\u00fcssigkeit? Die immer mehr wird und deshalb aus dir heraus l\u00e4uft?\u201c, fragte ich verwirrt nach \u201eGewisserma\u00dfen. Und nun kann ich meine Aufgabe auch nicht mehr richtig erf\u00fcllen\u201c, sagte sie, und dicke Tropfen liefen an ihr herunter. \u201eWas meinst du mit \u201agewisserma\u00dfen\u2018? Und wer hat dir diese Aufgabe gegeben?\u201c, fragte ich weiter nach und sp\u00fcrte pl\u00f6tzlich, wie auch an meinem K\u00f6rper Tropfen herabliefen. Ichgriff auf meine Stirn, und sie f\u00fchlte sich nass und warm an. Schwitze ich?, fragte ich mich. Doch dann sah ich, dass auch an den W\u00e4nden des Zimmers Tropfen herabliefen. \u201eMein Inhalt ist nicht leicht zu fassen \u2013 weder im Sinn des Begreifens noch im Sinn des Aufbewahrens. Du hast ihn mir wohl gegeben, ohne es zu beabsichtigen\u201c, sagte die Schachtel. Ihr Deckel hob sich ein wenig, und es schwappte eine Welle an ihren Seiten herunter. \u201eDu denkst, dass ich das war? Ich wusste nicht einmal, dass du unter meinem Bett warst\u201c, sagte ich verwirrt und sah, dass die W\u00e4nde schon eingefallene, durchtr\u00e4nkt Stellen hatten. Was passiert hier? Warum ist alles mit Fl\u00fcssigkeit vollgesogen?, dachte ich und sp\u00fcrte, wie die Angst in mir zunahm. Ich wollte aufspringen und zur T\u00fcr laufen, doch da bemerkte ich, dass es \u00fcberhaupt keine T\u00fcr gab, durch die ich den Raum h\u00e4tte verlassen k\u00f6nnen. \u201eIch denke nicht nur, dass du es warst \u2013 ich wei\u00df es\u201c, sagte die Schachtel.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch will hier raus\u201c, sagte ich aufgebracht, und der Deckel der Schachtel hob sich wieder, sodass ein Schwall aus ihr hinausstr\u00f6mte. Ich verliere den Verstand \u2013 oder ich hatte ihn schon verloren, schoss es mir durch den Kopf. Es war einfach zu viel \u2013 viel zu viel, um es auszu halten. \u201eEs hat sich viel angestaut \u2013 nat\u00fcrlich ist es jetzt nicht einfach, wenn es durchbricht\u201c, sagte die Schachtel mit tr\u00f6stender Stimme. Doch ich sp\u00fcrte, wie ich in meinem K\u00f6rper versank \u2013 wie sich etwas in mir zersetzte. Lange hatte ich versucht, es in Form zu halten, es zu ver stecken \u2013 auch vor mir selbst. Die Schachtel hatte recht. Immer wenn es n\u00f6tig war, hatte ich sie benutzt. Immer wenn es zu viel war, hatte ich ihren Deckel angehoben und in ihr das verschwinden lassen, mit dem ich mich nicht befassen wollte. Doch das konnte ich jetzt nicht mehr. Ich griff nach dem Deckel der Schachtel. \u201eWenn du mich \u00f6ffnest, gibt es kein Zur\u00fcck mehr. Aber ich bin mir sicher, dass es besser ist als weiter unt\u00e4tig zu bleiben\u201c, sagte die Schachtel, und ich nickte und begann, ihren Deckel nach oben zu schieben. Mit jedem Millimeter, den der Deckel nach oben rutschte, f\u00fchlte ich mich ein wenig leichter. Dann hielt ich ihn pl\u00f6tzlich in der Hand \u2013 und noch bevor ich ins Innere sehen konnte, str\u00f6mte eine Flut aus der Schachtel \u2013 die mein Zimmer endg\u00fcltig unter Wasser setzte. Als ich meine Augen wieder \u00f6ffnete, sah ich alles nur verschwommen. Ich trieb in der Fl\u00fcssigkeit, und um mich herum trieb Papier. Viele leere, einige beschriebene Bl\u00e4tter \u2013 doch die Fl\u00fcssigkeit hatte die Worte alle verwaschen. Ich konnte nicht mehr erkennen, was darauf geschrieben stand.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter mir am Boden meines Zimmers konnte ich die Umrisse der Schachtel erkennen, aus der immer noch Fl\u00fcssigkeit \u2013 und hin und wieder ein St\u00fcc Papier \u2013 str\u00f6mte. Ich setzte mich in Bewegung \u2013 und schwamm tiefer, obwohl mir die Str\u00f6mung entgegenwirkte. Doch mit jedem St\u00fcck, dem ich der Schachtel n\u00e4herkam, sp\u00fcrte ich, dass ich es aushielt. Dann, als ich es fast geschafft hatte \u2013 beinahe war ich unten angekommen \u2013 setzte der Druck aus, gegen den ich mich vor- gek\u00e4mpft hatte. Nichts str\u00f6mte mehr aus der Schachtel. Sie stand still vor mir, und endlich konnte ich ihr Inneres sehen. Ein Zimmer mit Bett, Kleiderschrank und Schreibtisch \u2013 und Papier, das schwebte \u201eDu verstehst jetzt sicher, in welche Richtung du schwimmen musst\u201c, sagte die Schachtel mit m\u00fcder, aber zuversichtlicher Stimme. \u201eIch verstehe\u201c, sagte ich und strich mit der Hand \u00fcber die Schachtel, die sich nun endg\u00fcltig zersetzte. Dann drehte ich mich um und schwamm nach oben. Es war ein langer Weg, obwohl ich nur senkrecht mein Zimmer durch- queren musste \u2013 und gerade, als ich an der Oberfl\u00e4che auftauchte und meine Augen \u00f6ffnete, befand ich mich in meinem Bett. Aber etwas hatte sich ver\u00e4ndert, und ich wusste, was es war. Ich stand auf, ging zu meinem Schreibtisch und begann zu schreiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute ist etwas Komisches passiert. Ich habe schon zweimal versucht,<br \/>\ndar\u00fcber zu schreiben, aber wenn der Anfang einer Geschichte schon<br \/>\nso verwirrend ist, dann f\u00e4llt es oft schwer, \u00fcberhaupt etwas zu erz\u00e4h-<br \/>\nlen. 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